Keine Sex-, sondern eine Medienaffäre

Die sogenannte Zuger Sexaffäre ist ein Lehrstück: darüber, was mieser Journalismus anrichten kann. Mieser, d.h. schlampiger, zynischer, tendenziöser, vorurteilsvoller, allzu schnell urteilender, gleichgültiger, zu- und überspitzender Journalismus kommt in den besten Häusern vor. Er ist das Gegenteil von dem, was man an der Ringier Journalistenschule lernt – aber es gibt ihn, wie das Beispiel belegt, auch beim «Blick».

Und was besonders übel ist: Miese Geschichten mit unbelegten, nur teilweise oder falsch belegten Vorwürfen an namentlich genannte Personen verbreiten sich rasend schnell durch alle Medienkategorien – erst recht, wenn Schlüpfriges im Spiel ist. Und alle, alle sehen sich genötigt, eine Meinung zu haben, bevor sie alle Fakten kennen.

Wieso mir das in den Sinn kommt? Weil ich das Interview von Hansi Voigt mit dem Ehemann von Jolanda Spiess-Hegglin und die ergänzenden Texte und Dokumente gelesen und mich gewundert habe, dass sie von anderen Medien kaum aufgegriffen wurden. In meinen Augen ist es ein essentielles Stück Journalismus, das Hansi Voigt bei «Watson» vorlegt. Es müsste uns Medienleuten zu denken geben und eine Debatte auslösen.

Aus meiner Sicht zeigt der Text, was im Journalismus trotz aller Qualitätsdebatten immer wieder vorkommt: Wir schreiben über Dinge, von denen wir zu wenig verstehen. Und, schlimmer: Wir bemühen uns auch nicht ums Verstehen, sondern glauben, was wir zu wissen meinen. Über die sogenannten K.-o.-Tropfen lese ich in Voigts Artikel, dass man sie treffender als «Euphorie-Redeschwall-Anhänglichkeits-Geilmacher-Amnesie-Tropfen» bezeichnen würde. Das könnte eine Erklärung sein für den Zustand der beiden Protagonisten des Skandals. Selbstverständlich ist auch das eine Spekulation. Aber eine, die Jolanda Spiess-Hegglin und Markus Hürlimann entlastet.

Wenn es kompliziert wird und Fakten fehlen, neigen wir Medienleute dazu, Geschichten mit Zitaten von Personen anzureichern, die ebenfalls nichts vom Thema verstehen. Anscheinend gelingt es uns bei emotionalen Themen nicht, uns auf das zu beschränken, was wir wissen und belegen können.

Eigentlich wüssten wir auch, was guter Journalismus ist. Aber ein Ereignis wie die Zuger Sexaffäre verwandelt uns Medienleute in – nein, nicht in ein beutegieriges Rudel, sondern in eine in Panik losrennende Schafherde. Wir schreiben, was andere schreiben, urteilen hart und immer härter. Weil wir glauben, das sei guter Journalismus? Weil wir uns profilieren wollen als besonders kritische Geister? Weil uns die Chefs drängen? Weil wir Angst haben, nicht zu genügen? Ich weiss es nicht. Neu ist das nicht. Der Journalismus hat immer schon seine eigenen hehren Grundsätze verletzt, wenn ein Skandal dicke Schlagzeilen versprach. Heute aber sind die Folgen schlimmer. Mit dem Internet ist eine neue Form von Pranger entstanden. Unsere Verantwortung ist grösser geworden. Wir sind ihr – wie das Lehrstück zeigt – nicht gewachsen. Jedenfalls dann nicht, wenn ein Skandal sich entfaltet.

Und die Opfer? Über Jolanda Spiess-Hegglin sagten manche, sie habe sich ungeschickt verhalten. Michèle Binswanger (mit der Hansi Voigt noch eine Rechnung offen hat) verstieg sich gar zur Behauptung, Jolanda Spiess-Hegglin schade den Frauen. Tatsächlich hätte sie sich aus der Öffentlichkeit schleichen können. Irgendwann hätte man sie in Ruhe gelassen, wenn sie sich still verhalten hätte. Es ist verdienstvoll, dass sie das nicht tut, sondern uns Medienleute zwingt, Lehren aus der Affäre zu ziehen. Eines scheint klar zu werden, obwohl vieles noch im Dunkeln liegt: Primär handelt es sich nicht um eine Sex-, sondern um eine Medienaffäre.

Hanspeter Spörri ist freier Moderator und Journalist in Teufen (Appenzell Ausserrhoden). Er arbeitete ab 1976 als Lokal-, Kultur- und Auslandredaktor verschiedener Zeitungen und eines Lokalradios. Von 2001 bis 2006 war er Chefredaktor des «Bund».

von Hanspeter Spörri | Kategorie: Mediensatz

18 Bemerkungen zu «Keine Sex-, sondern eine Medienaffäre»

  1. Franziska Böhme:

    Dem kann ich nur widersprechen: Nicht die Medien sind für die Schlammschlacht verantwortlich sondern Spiess selber. Sie ist monatelang mit jeglichen Details an die Öffentlichkeit getreten, um sich zu rechtfertigen und ihre Opferrolle zu spielen. Sie hat kein Fettnäpfchen ausgelassen (Schawinski), um die mediengeile Präsenz fortzusetzen. Jetzt, nach über 2 1/2 Jahren, muss auch ihr Mann noch herhalten. Die grossen Medien haben schon lange kein Interesse mehr an dieser Neverendingstory. Spiess wollte sich NIE aus den Medien schleichen, sie hat ihre Bekanntheit durch diese Sex-Geschichte erreicht und das gilt es zu bewahren, um jeden Preis. Ja, Binswanger sagte es richtig: Spiess hat den echten Frauenanliegen, den wirklichen Opfern, geschadet!

    • Till:

      Spiess-Hegglin wollte ihren Namen reinwaschen nachdem sie zu Unrecht und öffentlich verurteilt wurde, durch die Medien. Das als Mediengeilheit zu bezeichnen ist nicht nur an Bösartigkeit grenzend zynisch, sondern zeigt auch ein mangelndes Verständnis der Sachlage als auch der Aufgabe und vorallem Verantwortung der Medien in einer Demokratie.
      Ferner ist der gesellschaftliche Umgang mit Vergewaltigung – das Beenden einer Kultur des Totschweigens, eines der wichtigen Themen, die Gleichstellung von Mann und Frau betreffen. Dieser Themenkomplex macht das garstige und Unmenschliche Ausmass der Unterdrückung in seiner komplexen Perversion ganz klar sichtbar und muss darum diskutiert werden. Es ist insofern nicht Sache der Medien oder der Leser zu entscheiden ab wann man gelangweilt ist nichts mehr hören möchte, sondern die der Opfer.

    • Erich Gmünder:

      „Die grossen Medien haben schon lange kein Interesse mehr an dieser Neverendingstory“ – ja genau, darin liegt der Zynismus unseres Mediensystems. Und ist das (Vor-)urteil einmal gefällt, interessieren die Tatsachen niemanden mehr.

    • Klaus Bonanomi:

      Am Anfang war die Berichterstattung. Und erst danach kam die Reaktion von Frau Spiess-Hegglin, die sich dagegen wehrte, dass sie (aus ihrer Sicht) unrecht behandelt wurde. Bitte Ursache und Wirkung nicht verwechseln!

    • heinz fritschi:

      Da war keine „Opferrolle“, da war ein echtes Opfer. O. eines Po-litikers, der lügt, Opfer der Justiz, besonders Staatsanwaltschaft, des schlampigen Spitals und am Schluss Opfer der Skandalpresse.
      Sich informieren und denken wäre nicht verboten, Franziska Böhme.

    • Antoinette de Boer:

      Fällt Ihnen garnicht auf,dass Sie gerade etwas v e r urteilt haben,was
      Sie möglicherweise garnicht b e urteilen können?Schon so beginnt der Rufmord !

  2. Walker Paul:

    Wenn sich jemand gegen die Medienberichte wehrt, wird diese Person auch noch deswegen verunglimpft. In Wirklichkeit produzieren die Medien Fakten, welche zuvor nicht existierten. Investigativer Journalismus kommt immer mehr zu kurz. Wenn die Medien ihre Wachhund Funktion nicht mehr erfüllen können, brauchen wir sie nicht mehr.

  3. Berta Meiers:

    Hürlimann warf in seinen Ausführungen Spiess-Hegglin vor, sie habe den Medien gegenüber immer wieder Dinge gesagt, die gemäss Akten nicht stimmten. Konkret würden folgende vier Punkte «nicht den Tatsachen entsprechen»: «Die Aussage von Spiess, das Kantonsspital habe Verletzungen angetroffen, die auf eine Schändung hindeuteten, entsprechen nicht den Tatsachen.» Auch stimme nicht, dass das Spital die Polizei ohne ihr Einverständnis informiert habe. «Die Ärztin informierte die Polizei nach Absprache mit Spiess.» Und weiter: «Es entspricht nicht den Tatsachen, dass Spiess nie Anzeige gegen mich erhoben hat.» Bereits am 22. Dezember 2014 habe sie Anzeige und Strafantrag gegen ihn gestellt, sagt Hürlimann. Dabei habe Spiess stets behauptet, keine Strafanzeige erstattet zu haben. Schliesslich nahm Hürlimann auch Bezug auf einen Spitalbericht: «Das ärztliche Attest ihres Gynäkologen, das ihr eine gesenkte Gebärmutter attestierte, reichte Spiess erst am 10. April ein, nachdem bereits klar war, dass im Untersuch im Kantonsspital kein Schiebe- oder Hebeschmerz der Gebärmutter festgestellt wurde.»
    https://www.aargauerzeitung.ch/schweiz/fuer-markus-huerlimann-ist-nichts-mehr-wie-es-war-129501156

  4. Berta Meiers:

    @ Herr Spiess, mit enormer Befremdung habe ich Ihre mediale sowie auch virtuelle Abhandlung, im Bezug der rechtskräftigen Einstellungsverfügung des Strafverfahrens gegen KR Markus Hürlimann zur Kenntnis genommen. Laut der medialen Berichterstattung wurden bei den Haaranalysen weder bei Ihrer Frau, geschweige bei Herr H. die Einnahmen von KO – Tropfen nachgewiesen. Laut Experten kann nachträglich, selbst eine geringe Menge auch bei einem einmaligen Konsum sichergestellt werden. Im Intim und Analbereich waren keine Verletzungen zu verzeichnen. Ist das Opfer bei einer Vergewaltigung betäubt, entstehen insbesondere bei den Innenseiten der Oberschenkel, sowie auch im Intim und Hüftbereich, ersichtliche Hämatome – deren Nachweis auch in keiner Weise gegeben ist! Da Ihnen für diese Behauptungen die erforderliche Beweislast gänzlich fehlt, sind die diesbezüglichen Aussagen lediglich als subjektive Mutmassungen zu erachten. Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass bereits das Implizieren einer nicht verübten Sexualstraftat – sowie auch das Verbreiten von unbelegten Fakten, strafrechtlich Konsequenzen nach sich ziehen kann. Ich verweise auf die Anzeigen – wegen Verleumdung und üble Nachrede von H. gegen Ihre Frau.

    • heinz fritschi:

      Sie behaupten Blödsinn, Berta Meiers. Und sie haben vermutlich keine Ahnung. Z.B. dass GBL/GHB im Blut nur ca. 6 Stunden, im Urin nur 8–12 Stunden nach Konsum nachweisbar sind. Und sie glauben blind einem SVP-Lügner. Warum soll das stimmen, was Hürlimann behauptet? Er ist ja der Täter und versucht alles, Tatschen zu verbergen und zu leugnen. Er wer vermutlich ebenso besoffen wie Spiess-Hegglin. Das schlimmste aber: es ist ein veritabler Justizskandal. Verschlampt, verloren, vernichtet, nicht angehört, abgelehnt … Grauenhafte (SVP)-Vetternwirtschaft.

      • Berta Meiers:

        @Fritschi – das Strafverfahren gegen Herr Hürlimann ist rechtskräftig eingestellt – ihn als Lügner und als Täter zu bezeichnen ist üble Nachrede / Verleumdung.

        • heinz fritschi:

          „… Strafverfahren … eingestellt …“ – wen wundert das im korrupten Kanton Zug? Schon zu Beginn gesagt: Das Ganze ist ein Justizskandal.

  5. Berta Meiers:

    Jetzt hat Markus Hürlimann die Kantonsrätin Jolanda Spiess-Hegglin wegen ihres Auftrittes bei Schawinski angezeigt. Er macht Ehrverletzung geltend.

    Publik machte es die 35-Jährige gleich selber: «Danke für die x-te Anzeige. Es gibt bestimmt Leute, welchen du damit schaurig Eindruck machst. Mir nicht so», schreibt Spiess-Hegglin am Montag auf Facebook.

    https://www.aargauerzeitung.ch/schweiz/wegen-ehrverletzung-huerlimann-zeigt-spiess-hegglin-erneut-an-130156491

    • Hanspeter Spörri:

      Aus dem Vielen, was ich über die Affäre weiss – es ist zu wenig, um über die Beteiligten auch nur annähernd gerecht urteilen zu können – schliesse ich, dass auch Markus Hürlimann ein Opfer der Berichterstattung ist. Dass die von einer Skandalberichterstattung Betroffenen sich gegenseitig beschuldigen, ist wohl unvermeidlich – man versetze sich nur einmal in ihre Lage. Für die Medien und die Öffentlichkeit entsteht dadurch ein zusätzliches Problem: Die Details des Falles sind wichtig – zugleich aber verschwinden die grossen Linien hinter den vielen Details, Behauptungen, Beschuldigungen und Dementis.

      • Franziska Böhme:

        Völlig einverstanden. Die wirklichen Details kennen nur die beiden Beteiligten. Dass diese Geschichte die Medien und die Justiz seit 2 1/2 Jahren beschäftigt, ist ja völliger Unsinn. Und es ist kein Ende in Sicht!

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