Klagemauern der Schweizer Medien – ein erwünschter Führer

Ein Vierteljahrhundert Medienombudsstellen in der Schweiz – das feierten zwei Pioniere im Ombudsbereich an einem Juni-Wochenende in Bern. Sie hatten eine Reihe praktizierender Medienethik-Verantwortlicher versammelt, die in knappen Referaten aufzeigten, wie breit der Gedanke des Medienombudswesens in der Schweiz verankert ist, und zwar in durchaus unterschiedlichen Spielformen.

Roger Blum, Medienombudsmann der SRG Deutschschweiz, und Ignaz Staub, Medienombudsmann der deutschsprachigen Medien des Tamedia-Konzerns, legten auch gleich einen gedruckten Führer in drei Sprachen vor, der die gut lektorierten Referate mitsamt Adressen wiedergibt. (Die Klagemauern der Schweizer Medien, 112 Seiten, Bern 2017.)

Das Wort «Klagemauer» stammt übrigens von Alt-Bundesrat Willi Ritschard, der als «Medienminister» auf politische Streitigkeiten reagierte und der späteren Unabhängigen Beschwerdeinstanz (UBI) – einer rechtlichen Beschwerdeinstanz – eine Schlichtungs- und Beratungsinstanz voranstellen wollte (1992). Heute gibt es zwölf Medien-Ombudsstellen in der Schweiz.

Unter dem Referatstitel «Reklamieren ist ganz einfach» setzt Blum einige Stichworte: E-Mail genügt; jede und jeder darf (bei der SRG) innert einer Reklamationsfrist von 20 Tagen nach einer Sendung beanstanden; die Beschwerde oder Reklamation ist an die Ombudsstelle der jeweiligen Sprachregion zu richten. Presse-Ombudsstellen operieren etwas lockerer. Der Tamedia-Ombudsmann erläutert in monatlichen Kolumnen im «Tages-Anzeiger» Quellen des Unmuts, fällt aber keine Tadelsurteile.

Blum skizziert seine Stellung zwischen Beschwerdeschutz der «Opfer» und Schutz der verfassungsmässig garantierten Medienfreiheit, weshalb zu einer Beschwerde immer auch die Redaktion befragt wird. Befunde werden anonymisiert veröffentlicht. Sind der oder die Betroffene nicht zufrieden, können sie an die UBI gelangen, die dann allenfalls eine Rechtsverletzung feststellen wird. Ombudsmann Blum betrachtet etwa einen Viertel der Beschwerden für ganz oder teilweise begründet und hält mit seinem Fazit jeweils nicht zurück.

Besonders die Westschweizer Referentin schilderte die aufwendige Arbeit des «Médiateurs», der beide Parteien an einem Tisch versammelt und einen Dialog inszeniert.

Die Herausgeber haben auch Journalisten und Journalistinnen befragt. So schildert der Chefredaktor des Schweizer Fernsehens, wie er als Empfänger der meisten Beschwerden diese «Art der fünften Gewalt» wahrnimmt. Die rechtlich ausgerichtete UBI wiederum ist der obligatorisch vorgeschalteten Ombudsstelle für die Abnahme der eigentlichen formellen Beschwerdefälle dankbar.

Als einziger Praktiker hat Blum sowohl den Schweizer Presserat als freiwillige medienethische Grundsatzinstanz mit ihrem Journalistenkodex, die Unabhängige Beschwerdeinstanz des Radio- und Fernsehrechts und jetzt die Medienombudsstelle geleitet. Reformbedarf? «Wenig», meint Blum. «Der Presserat (der sich über mangelnde Unterstützung der Verlegerschaft beklagt) sollte öffentlich tagen und die UBI vermehrt Anhörungen in der Branche und bei Rechtslehrern machen, bevor sie heikle Fälle juristisch entscheidet.»

Peter Studer war Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» und des Schweizer Fernsehens SF sowie Präsident des Schweizer Presserats.

von Peter Studer | Kategorie: Mediensatz

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