Die Sache mit der Empörung

Dies gelesen in der Ankündigung eines Auftritts von Andreas Thiel: «Political Correctness ist ein Synonym für Humorlosigkeit. Denn das Gegenteil von Humor ist nicht Ernst, sondern die Empörung.» Und dies gedacht: So viel Selbstironie und Witz hätte ich Thiel nicht zugetraut. Er ist ungefähr der empörteste Kabarettist, den ich kenne, empört über den Islam, empört über Gutmenschen, Linke und Velofahrer. Und nun mag er also über sich selbst und seine eigene rechte politische Korrektheit – oder Humorlosigkeit – lachen. Chapeau!

Wieso mir Thiels Werbetext aufgefallen ist? Weil ich wieder einmal über die Medien nachdenke, um eine medienkritische Kolumne schreiben zu können. Auf meinem Stubentisch liegen «NZZ», «Tages-Anzeiger», «WOZ», «Schweizer Monat», «Appenzeller Zeitung» (ein Kopfblatt des «St.Galler Tagblatts») und «Die Zeit». Mobil scrolle ich mit Interesse durch die 12-App con Tamedia und die «NZZ am Sonntag». Und leider, aus Sicht eines Medienkritikers, bin ich ganz zufrieden mit dem, was ich lese – oder lesen könnte, wenn ich ausreichend Zeit hätte. Zeitungen halte ich nicht, um sie immerzu zu lesen, sondern primär um mich zu vergewissern, dass die Medien ihre Aufgabe allen Widerständen und ökonomischen Hindernissen zum Trotz erfüllen. Und das tun sie vorläufig noch – ungeachtet sinkender Budgets und der oft miesen Behandlung des schreibenden Personals durch Verlagsmanager.

Im Interview mit dem «Tages-Anzeiger» bedauert der abtretende Politikberater Guido Weber allerdings, «dass Provokationen die Reflexionen verhindern». Genau! Wenn mich in der Medienlandschaft etwas ärgert, dann diese ewig gleiche Skandalisierungsmasche, das Personalisieren und persönliche Anprangern. Die Quelle dieses Übels liegt allerdings meistens nicht bei den Medien selbst, sondern in der Politik. Und das nicht erst seit mit Trump der wohl lügnerischste Präsident aller Zeiten ins Weisse Haus eingezogen ist.

Medien und Politik erscheinen von aussen gesehen allerdings oft als ein einziges Funktionssystem. Im Vordergrund steht der Kampf um Aufmerksamkeit und Einfluss. Mit der Bewirtschaftung von Empörung erhofft man, mehr davon zu ergattern.

Auch mein Leibblatt, meine Regionalzeitung, ist davor nicht gefeit. Schon unzählige Artikel sind zu den Turbulenzen im Ausserrhoder Spitalverbund geschrieben worden, häufig mit dem verbalen Zweihänder. Sicher, es braucht Mut, der Regierung und dem Verwaltungsrat an den Karren zu fahren. Und Mut erwarte ich von den Zeitungen. Und Fehler sind gemacht worden: Kommunikations- und Führungsfehler. Es wurde zu lange gezögert, zu wenig kontrolliert.

Aber wenn Medien sich nur auf die agierenden oder eben nicht agierenden Personen konzentrieren, übersehen sie leicht «the elephant in the room». Das, was in Appenzell Ausserrhoden gegenwärtig passiert, ist politisch gewollt: Kleine öffentliche Spitäler sollen schliessen. Ihre Fallzahlen sind zu gering. Patientinnen und Patienten haben die freie Spitalwahl. Und sie gehen dahin, wo die Spezialisten sind. Wenn Spitäler negativ in die Schlagzeilen kommen, vergrössert dies die Probleme in kürzester Zeit. Medien sind nicht blosse Berichterstatter. Ihre Texte wirken sich aus auf den Gegenstand der Berichte.

Ich hätte mir in diesem Fall etwas mehr Analyse, etwas weniger Zuspitzung und Personalisierung gewünscht. Kommentare erst nach getaner Recherchearbeit, dann, wenn die Fakten auf dem Tisch liegen, Vergleiche zu anderen Regionen möglich sind. Bei komplexen Themen ist das eine Riesenbüez, von einer kleinen Lokalredaktion fast nicht mehr zu leisten.

Wie ist das nun also mit meiner medienkritischen Kolumne? Ich glaube, ich muss Martin Hitz eine Absage erteilen: Schreibstau! Ich bin zu wenig empört, habe Verständnis für die Personalprobleme der Lokalredaktionen, quittiere mit leisem lächeln, was ein wenig unbeholfen erscheint. Schliesslich herrscht Medienkrise – und wir alle warten, was das «Project R» mit seiner konkreten «Republik» nun auf den Tisch legen wird.

Hanspeter Spörri ist freier Moderator und Journalist in Teufen (Appenzell Ausserrhoden). Er arbeitete ab 1976 als Lokal-, Kultur- und Auslandredaktor verschiedener Zeitungen und eines Lokalradios. Von 2001 bis 2006 war er Chefredaktor des «Bund».

von Hanspeter Spörri | Kategorie: Mediensatz

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