Die entzauberte «Republik»

Es war die radikalste Entzauberung eines smarten Startups, seit Donald Trump Präsident wurde. Der höchst lückenhafte Fernsehauftritt von Christof Moser, Mitgründer der künftigen Online-Zeitung «Republik», entlarvte so gnadenlos dessen aufgeplustertes Marketing wie ein Tweet von Trump dessen Inkompetenz.

Für das Privileg, als Abonnent des künftigen Online-Magazins «Republik» 240 Franken zu bezahlen, musste man Schlange stehen. Von 12’000 Personen kamen in Rekordzeit 3 Millionen Franken zusammen. Ein phänomenaler Erfolg. Es ist das Verdienst von «Medienclub»-Gastgeber Franz Fischlin und dem Schweizer Fernsehen, das Phänomen «Republik» einem ersten Test auszusetzen. Christof Moser hat sich ihm gestellt. Und ist abgestürzt.

Der Co-Initiant des Medien-Startups schaffte es mit zwei Sätzen, die Glaubwürdigkeit seiner «Republik» zu liquidieren. Im ersten konnte Moser den Namen seines bisher zweitwichtigsten Anschubfinanzierers nicht korrekt nennen (es ist die Mettiss AG, «Eigentümerin auserlesener Immobilien in der Stadt St. Gallen»). Im zweiten erklärte sich Moser ausserstande zu sagen, ob und unter welchen Bedingungen die Investoren ihre 3,5 Millionen Anschubfinanzierung verzinsen lassen. Schliesslich sei er für das Geschäftliche nicht zuständig, sagte Moser. Dabei ist er selbstdeklarierter Unternehmer, Co-Gründer und einer von bisher zehn «Republik»-Mitarbeitenden.

Das wäre nicht der Rede wert, hätten Moser und seine Compañeros den Mund vorher nicht so voll genommen. Es ist auf der Website nachzulesen: Die «Republik» will nicht einfach ein neues Medium sein, sie will nicht einmal einfach nur den Journalismus retten, nein, gleich die Demokratie. Damit nicht genug: Die «Republik» will auch das Geschäftsmodell für diesen demokratieerhaltenden Journalismus neu erfinden, und zwar werbefrei.

Sogar über diese ironiefrei vorgetragene Marketingübertreibung könnte man milde hinweglächeln. Aber dem wiederum steht die Arroganz entgegen, mit der die «Republik»-Macher die Branche und den Beruf niederschreiben, dem sie selbst entstammen und immer noch angehören.

Immer noch geben Schweizer Haushalte 1,5 Milliarden Franken jährlich für Presseerzeugnisse aus, 855 Millionen für den Fernsehempfang (ohne Kabelanschlüsse und Geräte), dazu kommen noch einmal 1,5 Milliarden Werbeeinnahmen für die Presse (bei zugegebenermassen schwindsüchtiger Entwicklung) und 800 Millionen für TV und Radio. Mit diesem Geld werden laut Bundesamt für Statistik unter anderem die Löhne von fast 37’000 Menschen von Berufen «im Kernbereich der Medien» bezahlt. Was diese Leute tagtäglich für ihre immer noch kräftig zahlenden Kundschaft elektronisch und auf Papier produzieren ist mal besser, mal schlechter. Mal rechter, mal linker. Mal genauer recherchiert, mal schludriger. Aber alles in allem kommt es an, gegen harte Konkurrenz, und tut seinen Dienst für ein gut informiertes Stimmvolk.

Klar: Internet, globale Konkurrenz von Facebook und Google, galoppierende Handy-Fixiertheit – all das drückt auf Stimmung und Gewinne. Mit der Streichung von Journalistenpriviliegien, mit manchmal ziemlich undurchsichtigen Kooperationen, Umschichtungen und Zusammenlegungen reagieren die grossen Verlage.

Man mag das bedauern und betrauern. Man mag schwärzere Zahlen und Statistiken bemühen. Man kann dann auch, Internet sei Dank, sein eigenes neues Massenmedium erfinden.

Aber wer, wie die «Republik»-Macher, faktenfrei behauptet, im herkömmlichen Mediensystem sterbe der Journalismus und mit ihm die Demokratie, ist auf die deprimiertesten Pessimisten der Branche hereingefallen. Oder auf sein eigenes Marketing.

Vor allem aber: Wer in Anspruch nimmt, den Journalismus und seine Finanzierung neu zu erfinden, darf sich nicht dabei erwischen lassen, weder die Namen der wichtigsten Sponsoren noch deren Renditeerwartung zu kennen. Das ist, um ein Lieblingswort der «Republik» zu bemühen, vor allem eines: Bullshit.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

6 Bemerkungen zu «Die entzauberte «Republik»»

  1. grüezi herr schuler.

    haben sie dem manifst https://www.republik.ch/manifest schon einmal auf die worte geguckt? wir haben es gemacht: satz für satz: https://t.co/CrKlazrIaf im podcast: #NoRadioShow

    herzlich

    • Edgar Schuler:

      Danke für den Hinweis. Ich habe versucht, in den Podcast hineinzuhören, allerdings war das selbst für einen Interessierten wie mich lang, zu lang, die Essenz schwierig bis gar nicht herauszuhören. Und auf die republikanischen Worte habe ich in der Tat geguckt. Sonst wäre mir der Widerspruch zum Republik-Auftritt im Club ja nicht aufgefallen.

  2. ich habe herr moser schon oft gelesen, aber nie reden gehört. mein erster eindruck war: ein ruhiger, gescheiter und unaufgeregter typ. leider hatte er kaum gelegenheit, mehr als drei sätze hintereinander auszuführen, weil ihm meistens herr somm und oft auch herr blick unflätig ins wort fiel. mit dem krassen dampfplauderer somm, körpersprachlich stets zwischen lauthals übergriffig und larmoyant zurücklehnend (inkl. fieses grinsen), ist an einer tv-talkshow noch nie irgendwelche erkenntnis aus dem talk entstanden. vermutlich ist herr moser einfach ein netter und bedachter mensch, der es nicht nötig hat, auf die niveaulose gesprächskultur von herrn somm mit gleicher kannonade zurückzuballern. super hat er das gemacht.

    was die qualität der medien betrifft, bin ich irgendwie ähnlich am verdursten wie alle anderen 13k abonnenten und die republik-crew. für eine mehrheit der medienkonsumenten ist es wohl noch genug feucht, aber für leute wie mich ist es eindeutig zu trocken. ich will die gründe gar nicht ausführen, sie sind schon ausreichend beschrieben worden, von der forschung, von intellektuellen, von citoyens. aber weil es so trocken ist in der medienlandschaft (sie sollten sich mal den lokalteil meiner lokalzeitung ansehen, der ist vor lauter nichts geradezu selbstentzündend), haben wir alle 240+ franken in eine idee investiert, die gut gemacht und gut gedacht ist. wenn meine erwartungen nicht erfüllt werden, henusode – wir alle geben das mehrfache für bullshit aus.

    was das republik-marketing angeht, nur soviel: es ist von ausserordentlicher qualität – das sage ich als werbetexter, der seit gut 30 jahren in diesem metier unterwegs ist. dass sie die darin enthaltenen zuspitzungen nerven ist erstaunlich. ihr journalisten seid doch auch fleissige zuspitzer. der unterschied zwischen uns werbern und euch journalisten ist doch nur der, dass wir für ein produkt oder eine idee zuspitzen, und ihr für nachrichten, einordnungen und kommentare. ich habe in den letzten 45 jahren, also seit ich mit 15 begonnen habe zeitung zu lesen, 100k journalistischer zuspitzungen lesen müssen, die weit spitzer, unglaubwürdiger, zuweilen unethisch, mit weit weniger inhaltlichem unterbau waren.

    ihr text gehört auch zu dieser sorte. ich habe genug davon. und bin frohen mutes, dass die republik eine gute sache wird.

  3. Es ist klar, dass Journalisten vom Tagesanzeiger versuchen, ein Konkurrenzprodukt abzuwerten. Nur hat sich der Tagesanzeiger selber entzaubert, seit man merkt, dass viele Artikel nur noch auf Bestellung seiner Aktionäre geliefert werden, statt dem Leser zur Information zu dienen.

Bemerkung anbringen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *