Die ungleichen Vettern – «Sonntagszeitung» und «Tages-Anzeiger»

Am letzten Sonntag hat die «Sonntagszeitung» aus dem Haus Tamedia eine hundertseitige Beilage zu ihrem dreissigjährigen Geburtstag publiziert. Die Entstehung der «Sonntagszeitung» hatte ich als damaliger Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» von der Seitenlinie aus mitverfolgt. Und wenn Fridolin Luchsinger, der erste Chef des neuen Sonntagsblatts, auf eine Interviewfrage nach dem Echo in der «Tagi»-Redaktion antwortete: «Keine Freude? Das ist untertrieben. Die ‹Tagi›-Redaktoren haben uns teils gehasst …», so kann ich das nur bestätigen.

Als sich herumgesprochen hatte, dass über eine Sonntagszeitung nachgedacht wurde, meldete ich mich in Diskussionen der Geschäftsleitung auch zu Wort und schwärmte von der Sonntagsausgabe der «New York Times» oder auch von der britischen «Sunday Times». CEO Heinrich Hächler wollte davon jedoch nichts wissen; er stellte sich einen «neuen Wurf» vor. Die Formel lautete: «Klassisches Themenangebot mit einem Hauch von Boulevard». Glanzidee: Hauszustellung statt Abholpflicht am Kiosk.

Hächler und seine engsten Mitarbeiter misstrauten dem «Groove» des «Tages-Anzeigers». Sie fanden das hundertjährige Blatt «zu links» − Nachwehen der Zürcher Jugendunruhen, die bis in die frühen 80er-Jahre das behäbige Klima der mannigfach privilegierten Redaktion erschütterten. Meine Selbstdefinition der «Tages-Anzeiger»-Linie an den häufigen Gastauftritten in Rotary-Clubs: «… vielleicht um Haaresbreite links der Mitte», aber fest auf dem Boden des liberalen Rechtsstaates und der wehrhaften Demokratie. Immerhin: Die Polizisten von Stadt und Kanton Zürich sollen den «Tagi» fast geschlossen abbestellt haben − bis die Ehefrauen reklamierten.

Hächler, ein ehemaliger Gewerkschafter, unkte vom «Tages-Anzeiger» als einer «untergehenden Sonne» – aber nicht vorausschauend wegen Gratiszeitungsflut und Internet-Technologie, sondern wegen politischer Aufmüpfigkeit. Die neue «Sonntagszeitung» sollte den Test für einen verordneten Kurswechsel des «Tages-Anzeigers» abgeben – den er dann so nicht durchsetzen konnte. Ich wehrte mich zum Entsetzten meiner eigenen Redaktion nicht gegen die neue Formel der «Sonntagszeitung»: Eine fast hundertjährige Tageszeitungsredaktion müsse auch Neues neben den – etwas festgezurrten – eigenen Traditionen hinnehmen. Obwohl ein früheres Boulevard-Experiment des Hauses, die «Neue Presse», Ende der 60er-Jahre in Scherben geendet hatte.

Am meisten Freude hatte ich − damals schon zum Schweizer Fernsehen weitergewandert − an der «Sonntagszeitung», wenn sie die Fahne des investigativen Journalismus hochhielt und dabei erst noch alle medienethischen Regeln skrupulös befolgte. Beispiel: Der Streit zwischen Armeechef Roland Nef und Bundesrat Samuel Schmid einerseits, die furchtlos recherchierende «Sonntagszeitung» andererseits. Als Folge der Recherche traten Nef und Schmid − der Bundesrat hatte den Oberkommandierenden trotz Strafanzeige eines Opfers als «einwandfreien Charakter» gepriesen − im Jahr 2008 zurück.

Peter Studer war Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» und des Schweizer Fernsehens sowie Präsident des Schweizer Presserats.

von Peter Studer | Kategorie: Mediensatz

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