Das Weiche besiegt das Harte

Die «Arena» zum Thema «Trumps Krieg» ist bös missraten. Warum? Darüber lohnt sich nachzudenken. Die Antwort ist aber vermutlich ganz einfach: Arena-Moderator Jonas Projer wollte zu viel. Er wollte Daniele Ganser als Verschwörungstheoretiker entlarven, statt es dem Publikum zu überlassen, dessen Aussagen zu gewichten.

Als erfahrener Gesprächsleiter hätte Projer eigentlich wissen müssen, dass es so nicht geht. Er hätte sich beispielsweise an Roger Schawinskis Interview mit dem Kabarettisten Andreas Thiel erinnern können. Schawinski hatte Thiel ebenfalls entlarven wollen und war grandios gescheitert.

Als Moderator oder Interviewer in einer Live-Sendung ist man in einer vermeintlich starken Position. Man verliert allerdings die Kontrolle über das Geschehen, wenn man einen Gast allzu hart angeht, ihn suggestiv befragt und in eine Rolle zu drängen versucht, die dieser nicht einnehmen möchte. Das Publikum solidarisiert sich mit dem Exponierten – erst recht, wenn es diesem gelingt, ruhig und gelassen zu bleiben. In dieser David-gegen-Goliath-Situation nimmt man als Aussenstehender unbewusst Partei für den vermeintlich Schwachen – dieser kann auch Trump oder Blocher heissen, oder eben Ganser oder Thiel.

Dies gilt allerdings nur für sogenannte Qualitätsmedien, die gemessen werden wollen am eigenen Anspruch der journalistischen Ausgewogenheit, Fairness und Faktentreue. Medien einer neueren oder neu wiederaufkommenden Gattung, zu denen ich «Breitbart News» oder die «Weltwoche» zähle, können so aggressiv, einseitig und unfair sein, wie sie wollen – ihre Fans bleiben ihnen treu. Denn der Anspruch, den ihr Publikum an sie stellt, ist ein ganz anderer: Bestätigung der eigenen Haltung, Schaffung eines Wir-Gefühls, Angriff auf verhasste Eliten.

Die traditionellen Medien sind deshalb in der Defensive. Einerseits sollten sie versuchen, nach allen Seiten kritisch zu sein, die Komplexität der Welt abzubilden, das Unverständliche verständlich zu machen, anderseits wollen sie hin und wieder auch ein bisschen zuspitzen, ein klein wenig pöbeln, um Auflage, Klickzahlen oder Einschaltquoten zu erhöhen. Das passt nicht zusammen.

Wie also umgehen mit Verschwörungstheorien? «Der ‹Verschwörungs›-Begriff vernebelt das Denken», schreibt Kurt Marti auf «Infosperber». Er gehöre deshalb auf die Müllhalde. Als ich das las, musste ich erst einmal leer schlucken. Ich glaubte, ein einigermassen sicheres Gespür für Verschwörungstheorien zu haben, deren Anhänger jeden Einwand als Beweis für die Existenz der Verschwörung umdeuten, was Gespräche mit ihnen fast unmöglich macht.

Aber schnell wurde mir klar: Journalist Kurt Marti hat recht. Mit dem Verschwörungsbegriff kommt man nicht weiter. Er ist ebenso schädlich für den Diskurs wie das, was er bezeichnen soll, denn auch er immunisiert gegen Zweifel, gegen das Denken.

Das bedeutet nicht, dass ich glaube, Daniele Ganser habe in allem recht. Er stellt Fragen, die man stellen darf. Allerdings stellt er fast nur Fragen und gibt fast keine Antworten, insinuiert aber schlimme Vermutungen. So lässt sich Misstrauen säen; einen Dialog führen kann man auf diese Weise kaum. Ganser ist zweifellos ein geschickter Vermarkter des Zweifels.

Zweifel wären in der Demokratie zweifellos nützlich und produktiv. Allerdings habe ich immer wieder erfahren, wie obsessive Zweifler vergessen, an den eigenen Zweifeln und Mutmassungen zu zweifeln. So werden sie zu Rechthabern. Rechthaberei ist vielleicht das grösste Hindernis für einen wirklichen Dialog. Und gerade die neuen, die sogenannt sozialen Medien befeuern die Rechthaberei. Nicht frei von dieser Untugend ist aus meiner Sicht übrigens auch der eingangs erwähnte Andreas Thiel: Zwar hat er eine Koran-Übersetzung von A bis Z gelesen (das habe ich auch einmal), und tatsächlich stösst man bei dieser Lektüre auf Schwerverdauliches. Thiel scheint die Texte ganz ähnlich zu deuten wie die Wortführer des Islamischen Staats. Dazu hat er selbstverständlich das Recht. Die Meinungsäusserungsfreiheit und damit auch die Interpretationsfreiheit gehört zu den wichtigsten Menschenrechten. Sie schliesst auch ein Recht auf Ignoranz ein. Aber sie entbindet uns selbstverständlich nicht von der Verantwortung, die wir als Menschen, als Bürgerinnen und Bürger haben: Wir sollten Dialoge führen, keine Kriege. Lessings Ringparabel, die ihre Wurzel in einer Koran-Sure hat, ist mir deshalb lieber als Thiels unausgegorene Koran-Kritik.

Die schwierige Aufgabe, die sich den Medien, überhaupt allen Publizierenden heute stellt: Auseinandersetzungen so zu führen, dass sie nicht in Katastrophen führen, Meinungsverschiedenheiten auf zivilisierte Art auszutragen. Carlo Strenger rät mit Blick auf Fundamentalisten, Populisten oder die antiwestliche Rhetorik eines Wladimir Putin zu einer «Haltung der zivilisierten Verachtung», mit der das aufklärerische Toleranzprinzip wieder vom Kopf auf die Füsse gestellt werde. Denn bei aller Toleranz bleibt uns eines zu tun: Entschieden einzutreten gegen die bornierte Intoleranz, die sich gegenwärtig wie eine Seuche ausbreitet, gegen die gefährliche Sehnsucht nach Autorität, nach starker Führung, nach dem starken Mann, nach dem rächenden Gott, nach der absoluten Gewissheit. Das, was ich bisher als Verschwörungstheorien bezeichnete, steht in direktem Zusammenhang mit diesen Sehnsüchten.

Laotse, glaube ich, könnte in diesen Auseinandersetzungen ein guter Ratgeber sein: «Das Weiche besiegt das Harte» (弱之勝強,柔之勝剛).

Hanspeter Spörri ist freier Moderator und Journalist in Teufen (Appenzell Ausserrhoden). Er arbeitete ab 1976 als Lokal-, Kultur- und Auslandredaktor verschiedener Zeitungen und eines Lokalradios. Von 2001 bis 2006 war er Chefredaktor des «Bund».

von Hanspeter Spörri | Kategorie: Mediensatz

Bemerkung anbringen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *