Glücksfall Trump

Man stelle sich vor, Hillary Clinton hätte die Wahl gewonnen. Grau in grau würden die Verlautbarungen der US-Präsidentin ausfallen, grau in grau würden die Medien darüber berichten. Und jetzt das. Donald Trump zündet von Tag eins im Amt an ein Feuerwerk nach dem andern und bringt zuverlässig die einen zum Johlen und die anderen zum Japsen.

Der «Blick» sieht Schweizer Kinderseelen in Gefahr und fragt den Erziehungsexperten Remo Largo: «Wie bringe ich meinem Kind bei, dass es nicht lügen darf, wenn der mächtigste Mann der Welt, US-Präsident Trump, nachweislich Unwahrheiten verbreitet?» Und weil der «Blick» allein schon Trumps Unterschrift zum Fürchten findet, holt er den Beistand einer Graphologin ein, die aus einer präsidialen Notiz «Blitz und Donner» herausliest.

Ist das nicht von beträchtlichem Unterhaltungswert? Von den politischen Zielen des amerikanischen Präsidenten mag man halten, was man will, es ist hier nicht der Ort, sie zu diskutieren. Als Medienereignis hingegen ist er unbestreitbar eine grosse Nummer. Seine 77-minütige Pressekonferenz von letzter Woche zum Beispiel, die er als streitlustige Publikumsbeschimpfung angelegt hatte, war bestes Entertainment. «I’m having a good time», sagte Trump mehr als einmal, und man glaubte ihm aufs Wort. Nachdem er CNN minutenlang heruntergemacht hatte, brachte er selbst den CNN-Reporter zum Lachen, indem er ihn unterbrach als er fake news erwähnte. «I’m changing it: very fake news.»

CNN schadet es nicht, von Trump geprügelt zu werden − die Einschaltquoten steigen. Und die «New York Times», die von Trump nie ohne das Beiwort «failing» erwähnt wird, erfreut sich gerade eines Schubs an Neuabonnenten.

Für die Medien ist Präsident Trump also durchaus ein Glücksfall. Statt in Daueraufregung zu verfallen (wie in unserem Sprachraum der hyperventilierende «Spiegel»), tun sie gut daran, nüchtern ihre Wächterrolle zu spielen und die politischen Vorgänge zu analysieren. Den amerikanischen Medien scheint das bisher nicht schlecht zu gelingen. Für Polemik, Spott und Hohn gibt’s schliesslich noch die Kollegen von den Comedy-Shows, für die Trump auch ein Glücksfall ist. Ihr einziges Problem: Nicht selten ist das Original unterhaltsamer als die Parodie. Aber sogar unser einheimisches Comedy-Schaffen hat Trump zu einer Höchstleistung angespornt («Switzerland second») – ein willkommener Kollateralnutzen.

Daniel Weber ist Chefredaktor des «NZZ-Folio».

von Daniel Weber | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Glücksfall Trump»

  1. Matthias:

    Grau in grau war die Berichterstattung über Clinton.

    Über Politik willst du nicht diskutieren.

    Aber meine Zeit mit so einem Bullshit verschwenden… Das ist einer der Artikel, über die man nachdenkt, aber die nicht veröffentlicht.

Bemerkung anbringen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *