«NZZ» mit neuem Kommentar-Regime

Letzte Woche wunderten sich «NZZ»-Leser – Konkurrenzredaktionen eingeschlossen: Eine offiziöse Mitteilung der Redaktion sagte: «Heute werden wir die Kommentarspalte auf NZZ.ch bei den meisten Artikeln deaktivieren. Stattdesssen tauscht sich jede Woche ein Autor unter seinem Artikel mit den Lesern aus. Und jeden Tag laden wir sie zu Diskussionen über drei Themen ein [zu Texten, die wir veröffentlicht haben].» Der Newsroom werde die Debatten begleiten.

Teamleiter Oliver Fuchs begründet die Abwendung von einem locker kontrollierten Zuschriftenfluss so: «Wo früher Leserinnen und Leser kontrovers miteinander diskutiert haben, beschimpfen sie sich immer öfter.» Die «NZZ» werde zunehmend als «Systempresse» oder «Propagandaschleuder» betitelt, statt inhaltlich auf [vermeintliche] Inhaltsfehler aufmerksam gemacht – und das in rigider Absolutheit. «Entsprechend schwer tun wir uns selber mit unserer Kommentarspalte. […] Wir mussten darum auf diese Situation reagieren und einen Weg zurück zu einer konstruktiven Diskussionskultur einschlagen.»

Drei verschiedene Wege will die «NZZ» diesbezüglich beschreiten:

  • Einmal pro Woche soll eine Online-Debatte mit einem Mitglied der Redaktion stattfinden. (Verkehrsexperten zur «Gotthardröhre», Sportredaktoren zu Winterolympiaden, Auslandredaktoren zu Zuständen in Nordafrika»).
  • «Jeden Tag laden wir [zudem] zur Diskussion über drei Themen» ein, «die wir bereits veröffentlicht haben».
  • Inhaltliche Fehler in Artikeln können über eine Feedback-Funktion direkt moniert werden.

«Wir als Betreiber entscheiden, welche Kommentare veröffentlicht werden.» Und: «Wir lehnen diese ab, wenn Sie unserer Netiquette nicht entsprechen.»

Und die vorläufigen Resultate, Echos?

Eine erste Autorendebatte fand statt zum redaktionellen Kommentar am Tag nach der Volksabstimmung zur Unternehmenssteuerreform III: «Ausdruck eines grösseren Malaise». (Habe ich richtig gezählt? 214 Zuschriften, einige mehrfach, einer unter Trollverdacht). Eine zweite, moderierte Debatte ist angelaufen: «Was ist von ‹Operation Libero› zu erwarten?». Der Briefkasten für Fehlerhinweise werde rege genutzt, heisst es, die «Netiquette» meist eingehalten.

Grundsätzliche Aussagen: Ein «NZZ»-Leser vorbehaltlos positiv; ein anderer befürchtet eine langweilig ausgewogene Debatte ohne «Salz und Pfeffer».

Wissen muss man, dass das Bundesgericht schon vor Jahren einen unbeaufsichtigten, persönlichkeitsverletzenden Leserkommentar gerichtlich der Zeitung zugerechnet hat, nämlich der «Tribune de Genève», die gegen die Kostanauflage heftig protestierte. Art. 28 ZGB ahnde eben auch die Mitwirkung an der Verletzung allein schon durch Abdruck, sagte die Justiz. Seither schalten alle Redaktionen Leserzuschriften nur nach Vorprüfung frei.

Auch anderen bekannten Redaktionen ist es unwohl beim gehässig gewordenen Kommentarklima. So hat der Chefredaktor des ehrwürdigen amerikanischen Finanzmagazins «Fortune» schon vor über einem Jahr den Abdruck von Leserzuschriften abgebrochen − mit dem Trost, Leser, die Mitteilungswürdiges bei sich hätten, könnten ihn direkt anschreiben. Was er prüfenswert finde, werde er aufgreifen.

Spontaneität des einstmals erhofften Bürgerjournalismus? Sie hat es wohl schwerer heute. Mörgeli und Bigler sei’s geklagt.

Peter Studer war Chefredaktor des «Tages-Anzeigers», des Schweizer Fernsehens SF sowie Präsident des Schweizer Presserats.

von Peter Studer | Kategorie: Mediensatz

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