Trump-Versteher

Wie wichtig sind Leitartikel? Wichtig genug, um sich mit ihnen auseinanderzusetzen, weil sie die Richtung einer Zeitung ein Stück weit vorgeben. Im vorliegenden Fall trifft das glücklicherweise nicht gänzlich zu. Die «NZZ» berichtet zum Thema Trump ausführlich, kritisch und vielfältig. Chefredaktor Eric Gujer allerdings holt aus zu einer Kritik an der Trump-Kritik.

Im Furor der Empörung gehe unter, «dass der Herr des Weissen Hauses ein wichtiges Thema anschneidet. Seine Inaugurationsrede hallt nach, weil sie schnörkellos das Ziel der nächsten vier Jahre definiert: die amerikanischen Interessen zur alleinigen Richtschnur der Politik zu machen.» Die Europäer, schlägt Gujer vor, sollten in dieser Debatte ausnahmsweise ihren Hang zu doppelten Standards zügeln. London, Paris und Berlin handelten schon lange so, wie es Trump nun ankündigt.

Täusche ich mich, wenn ich den Eindruck gewinne, der Leitartikel verharmlose nicht nur Trumps Programm, sondern bringe so etwas wie klammheimliche Sympathie für seinen Stil und seine Ziele zum Ausdruck? Gujer scheint sich zwar ebenfalls um Differenzierung zu bemühen – und vorsichtshalber um eine Distanzierung (wie es schon die beiden anderen Trump-Versteher Somm und Köppel getan haben): «Trump bezeichnet sich als paranoid, er leidet offenkundig an einer narzisstischen Störung, und ihn treibt kleinliche Rachsucht, weshalb er wegen der Lappalie, wie viele Menschen zur Zeremonie vor dem Capitol kamen, einen wütenden Streit vom Zaun brach. Diese Charaktereigenschaften sind keine guten Voraussetzungen für eine Präsidentschaft.»

In der Tat! Und Gujer hat ja recht, wenn er eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Trump fordert und feststellt, dass er für eine grosse Strömung der Gegenwart stehe: die Renaissance des Nationalstaats. Ich kann ihm auch folgen, wenn er der EU rät, die Auswirkungen der Renaissance des Nationalen auf das «in seiner heutigen Form überambitionierte Konstrukt der EU» zu überlegen und statt zu jammern ehrlich Inventur zu machen: «Worin besteht der unveräusserliche Kern der europäischen Integration? Und wie setzt der stets zerstrittene Kontinent seine Interessen in der Welt durch? Es wäre schön, Klartext käme nicht nur aus Washington», schreibt Gujer zum Schluss.

Gujers Text hört dort auf, wo er beginnen müsste. Er stellt wichtige Fragen, verzichtet aber darauf, mögliche Antworten zu skizzieren. Zugleich aber macht er sich lustig über Kommentatoren, die sich mit düsteren Szenarien überboten, die den Parvenu mit der Sturmfrisur zur Gefahr für den Weltfrieden oder mindestens für den Gesellschaftstanz erklärt hätten, weil er beim abendlichen Ball ein wenig unbeholfen seine Runden mit Melania drehte.

Ist denn Trumps Unberechenbarkeit keine Gefahr für den Weltfrieden? Und bietet er mit seiner traurig wirkenden Frau nicht einen schrecklichen Anblick?

Die Trump’sche Art von Klartext ist zudem längst schon aus europäischen Hauptstädten – Warschau, Budapest – oder von europäischen Politikerinnen und Politikern mit konkreten Wahlchancen zu vernehmen.

«Was Trump auch macht oder sagt, ist ein einziger Affront für sensible Reporterseelen», schreibt Gujer. Ich muss gestehen – zu diesen Sensiblen gehöre ich auch: In meinen Augen weisen die neuen Nationalismen, die in den USA, in Ungarn und Polen schon Regierungsdoktrin sind, eine deutlich fremdenfeindliche Prägung auf. Ergänzt werden sie von einer autokratischen Selbstherrlichkeit, die auch bei Putin oder Erdogan zu Tage tritt. Eine Art «Führerprinzip» kommt hier zum Tragen. Rechtsstaatliche Normen werden leichtfertig, aber sehr bewusst übergangen, internationale Verpflichtungen ignoriert.

Das sind mehr als nur Anfänge, denen es zu wehren gälte, denen sich auch die «NZZ» mit aller Kraft entgegenstemmen müsste. Deren (wirtschafts-)liberale Traditionen sollten die Zeitung eigentlich immun gegen jedwede Art von Totalitarismus machen. Die Auseinandersetzung, die sich abzeichnet, ist nicht eine zwischen links und rechts, sondern zwischen einem Nationalismus und Chauvinismus mit rechtsextremem, antiliberalem und teilweise «sozialistisch» angehauchtem Programm einerseits und liberaler, demokratischer Offenheit anderseits. Die soziale Frage wird dabei eine wesentliche Rolle spielen. Rein linke oder rein liberale Ideen werden angesichts von Globalisierung und Digitalisierung kaum in der Lage sein, sie befriedigend zu beantworten. Die demokratischen und rechtsstaatlichen Errungenschaften, die es zu verteidigen gilt, haben linke, liberale und konservative Wurzeln.

«Hysterie ist keine Politik», titelt Gujer. Richtig. Aber es herrscht im bürgerlichen und linken Lager nicht Hysterie, sondern zuvorderst Ratlosigkeit. Denn mit einem Präsidenten Trump ist nichts mehr so, wie es zuvor war.

Während ich dies schreibe, poppt auf meinem Handy-Bildschirm ein Hinweis von «Zeit Online» auf: «Kann die EU Donald Trump etwas entgegensetzen?». Antwort: «Nein.»

Persönlich glaube ich, dass den neuen Nationalismen sehr wohl etwas entgegengesetzt werden kann. Liberale, Linke, Konservative dürfen auf deren Versuche zur Selbstverharmlosung nicht hereinfallen. Trump, Putin, Kaczyński, Orbán, Erdogan, Le Pen, Petri und Höcke (AfD) sind weder konservativ noch liberal noch sozial noch patriotisch. Sie sorgen sich nicht um die kleinen Leute, wie sie es vorgeben, sie denken noch nicht einmal national, sondern eher «völkisch», streben nach Macht und schüren zu diesem Zweck mit geschickter Rhetorik den Nationalismus und das Ressentiment. Das hatten wir schon mal.

Hanspeter Spörri ist freier Moderator und Journalist in Teufen (Appenzell Ausserrhoden). Er arbeitete ab 1976 als Lokal-, Kultur- und Auslandredaktor verschiedener Zeitungen und eines Lokalradios. Von 2001 bis 2006 war er Chefredaktor des «Bund».

von Hanspeter Spörri | Kategorie: Mediensatz

3 Bemerkungen zu «Trump-Versteher»

  1. Fred David:

    Ja, mit praktisch allem einverstanden. Aber auch hier: Warum klammern Schweizer Journalisten bei solchen Betrachtungen nahezu immer und ausnahmslos die Heimatfront aus: die SVP und ihren Blocherismus? Warum werden konsequent alle Beispiele um uns herum aufgezählt, nur die im eigenen Haus nicht? Nix für ununguet, @Hanspeter Spörri. Ich bin froh, dass du das Thema aufgreifst. Man darf der Restauration nicht kampflos das Feld überlassen. Klingt ein wenig pathetisch, aber ich hätte vor wenigen Jahren auch nicht für möglich gehalten, so einen Satz jemals hinzuschreiben: Man muss wieder kämpfen für das, was wir einmal für selbstverständlich hielten, wir Sensibelchen.

  2. Hanspeter Spörri:

    Halb-bewusst habe ich die SVP nicht erwähnt, weil ich glaube – oder hoffe –, dass bei ihr die Dinge etwas komplizierter liegen. Immer wieder hatte ich im Verlauf der Jahre auf regionaler Ebene mit SVP-Leuten zu tun, die konstruktiv am demokratischen Prozess mitwirkten. Selbstverständlich sehe ich, dass in ihren Reihen radikale Populisten und Nationalisten den Ton angeben, die mit den in der Kolumne genannten Personen vergleichbar sind. Bei manchen Kampagnen spielte die SVP im Kreis der Neo-Nationalisten gar eine Vorreiterrolle. Dennoch würde ich den Blocherismus lieber gesondert behandeln – und der Partei damit die Chance lassen, irgendwann zu ihrem ursprünglichen Konservatismus zurückzufinden. Vielleicht ist das eine naive Hoffnung. Aber gerade der Trumpismus müsste den SVPlern eigentlich zeigen, welche Gefahren im Populismus lauern.

  3. Frank Hofmann:

    Natürlich ist es Hysterie, Guyer hat völlig recht. Warum soll alles „so sein wie zuvor“? Das Pendel schlägt nun zurück, das versetzt das linksliberale, internationalistische Justemilieu in Panik, weil es am meisten zu verlieren hat: nicht nur die Deutungs- und moralische Hoheit, sondern auch seinen staatlich alimentierten Wohlstand.

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