Angry white male public intellectuals

Gehören Sie auch zur Scheinelite? Wurden Sie ebenfalls kürzlich geohrfeigt? Mir ist das passiert, weil ich Trump misstraue und seinen Wählern unterstelle, auf den vulgären Machtmenschen, seine Lügen und Hasstiraden hereingefallen zu sein. Eigens für mich und meinesgleichen hat Roger Köppel als Gastautor des Magazins «Focus» Folgendes formuliert:

«Dies ist meine Botschaft an die Hochmütigen und politisch Korrekten, die nach wie vor mit abstossender Überheblichkeit den übrigens demokratischen, friedlichen und absolut zivilisierten Volksentscheid der Amerikaner zum Höllensturz des Abendlandes herunterreden, weil sie sich einfach vollständig geirrt und die Stimmung falsch eingeschätzt haben: Es ist gut, dass die moderne Priesterkaste, diese politische Universalkirche der Hochmoral und der richtigen Gesinnung eine gigantische Ohrfeige kassiert hat. Die Leute haben die Nase voll von dieser abgewirtschafteten globalisierten Scheinelite, die uns offene Grenzen, katastrophale Kriege, den Euro, ein (sic) Himalaya von Staatsschulden und jede Menge Verachtung für den ‹einfachen Bürger› beschert hat. Und, ja, diese Ohrfeige fühlt sich gut an!»

Auch «NZZ»-Feuilleton-Chef René Scheu – der immerhin davon Kenntnis genommen hat, dass Trump im Wahlkampf log – rechnete mit der Elite ab, mit den «public intellectuals». Unter Intellektuellen habe sich die Rede von den Frustrierten, Verlierern, Rassisten, Sexisten und Xenophoben verselbständigt:

«In vielen Foren hat sich daraus längst eine gebildete Form der hate speech entwickelt, die sich ungefiltert über einen Teil der amerikanischen Bevölkerung ergiesst. Es ist salonfähig geworden, die Mündigkeit der Bürger in Zweifel zu ziehen und Qualifikationen für demokratische Partizipation zu fordern. Jene, die das Unheil nicht kommen sahen, wissen nun plötzlich, woher es kam – von ebenjenen Leuten, über die sie herziehen, ohne sie zu kennen.»

Ganz präzise mich kann Scheu damit zwar nicht gemeint haben. Ich kenne den Mittleren Westen der USA ziemlich gut. Und ich kenne einige Leute, von denen ich annehmen muss, dass sie Trump gewählt haben. Nein, es sind keine Fremdenfeinde, Rassisten und Sexisten. Und auch keine Verlierer. Sondern rechtschaffene, fromme, konservative Farmer. Ich glaube nicht, dass es ihnen beispielsweise im Trump-Tower wohl wäre. Aber sie haben wohl Trump gewählt, weil sie konservativ wählen wollten.

Konservativ? Es ist ein Zeichen der Zeit, dass die politischen Begriffe ihre ursprüngliche Bedeutung verlieren und einer wie Trump sich an die Spitze schwingen kann, gewählt wird von gottesfürchtigen, arbeitsamen Leuten.

Oder doch vor allem von «angry white men»?

Mir scheint, die beiden zitierten Texte zeigen, wie eine Untergruppe von Trump-Anhängern denkt. Es gibt sie in Amerika. Ein typisches Beispiel ist etwa Steve Bannon, Chef von «Breitbart News», den man wohl als rechtsextrem bezeichnen muss. Und es gibt sie hier, idealtypisch verkörpert durch Roger Köppel: die «angry white male public intellectuals». In milderen Fällen geben sie einfach den Volksversteher – d.h. sie verstehen, weshalb das Volk so wählt und abstimmt, wie sie es selbst auch für richtig halten, ohne dass sie es aber direkt zugeben würden. Schwere Fälle hingegen werden von Gefühlaufwallungen überwältigt und erfreuen sich an Ohrfeigen.

Hanspeter Spörri ist freier Moderator und Journalist in Teufen (Appenzell Ausserrhoden). Er arbeitete ab 1976 als Lokal-, Kultur- und Auslandredaktor verschiedener Zeitungen und eines Lokalradios. Von 2001 bis 2006 war er Chefredaktor des «Bund».

von Hanspeter Spörri | Kategorie: Mediensatz

3 Bemerkungen zu «Angry white male public intellectuals»

  1. Bezeichnenderweise war bei Scheus Replik vom Dienstag «Das Problem mit der Publikumsverachtung» (eigentlich eine Pseudo-Replik, da bis jetzt keine Leserbriefe oder sonstige Gegendarstellungen in der NZZ erschienen sind) schon am Nachmittag die Kommentarfunktion deaktiviert. Ein Kommentar, der Musiker und Geisteswissenschaftler diffamiert, blieb unwidersprochen stehen, als ob er die von den Freischaltenden und der Redaktion erwünschte Meinung spiegelte. Gemäss meiner eigenen Erfahrung wird die NZZ auch keine Leserbriefe, die den neuen Feuilletonchef kritisieren, mehr publizieren.

    Das zeigt, dass René Scheu in einer geschützten Werkstatt lebt, in der man es sich offenbar zum Ziel gesetzt hat, die eigenen Leser als Idioten abkanzeln zu dürfen. Natürlich befinden sich diese „angry white male public intellectuals“ in ihrer eigenen Schumpeter-Hayek-Filterblase, aus der heraus sie sich herablassend und mit geschwurbelter Phrasendrescherei über all jene äussern, die nicht ihre Meinung teilen. Sie entpuppen sich somit als jene Publikumsverächter, die sie zu kritisieren vermeinen.

    Für die NZZ, die sich selber gerne als liberal bezeichnet, ist ein solch antiliberales Verhalten gegenüber ihren Lesern schlicht eine Schande. Eine Qualitätszeitung sollte sich gut überlegen, ob sie weiterhin Leute beschäftigen möchte, die nicht bereit sind, für Qualität zu sorgen.

    • Frank Hofmann:

      Sind Sie gezwungen, die NZZ zu lesen bzw. zu abonnieren? Ich hingegen MUSS den linksgrün-bünzligen Sauglattismus aus Leutschenbach jährlich mit 450 Fr. honorieren.
      Zur Sache: Sie pflegen einfach Ihre Feindbilder Somm, Scheu, Köppel. Was ist denn so toll an immensen Staatsschulden und den Fluten von Billiggeld, am Euro, an den offenen Grenzen, an der hohen Jugendarbeitslosigkeit in EU-Süd etc.?

      • Wenn es eine Alternative gäbe zur NZZ mit Fachjournalisten, die von Kultur etwas verstehen, würde ich sofort wechseln. Haben Sie mir eine? Wenn nicht, ist das wieder ein Beleg für die Schwäche des freien Wettbewerbs, was wiederum die staatliche Notwendigkeit von Radio SRF 2 Kultur untermauert.

        Im übrigen entlarvt Ihr Argumentationsmuster «Meine Interessen sind wichtiger als die Ihrigen» die vermeintlichen Liberalen schnell als Antiliberale. Und das ist auch der Grund, warum ich die Herren Somm, Scheu, Blocher etc. für nichts anders als Machtmenschen halte, die anderen via Saublödismus ihre Eigeninteressen aufdrängen wollen. Die ganze Politpropaganda wird dann noch durch den Werbezahler alimentiert. Da wir Meinungsfreiheit haben, werde ich nicht müde, dies zu betonen, auch wenn es Leuten wie Ihnen auf den Senkel geht. Danke für Ihr Verständnis, Herr Hofmann!

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