US-Wahlen: Der meistgescholtene Prügelknabe ist der Meinungsbefrager

Gregor Sonderegger, involviert in die Planung der SRF-US-Wahlberichterstattung vom 8. November 2016, staunt immer noch: Die Edelgazette «New York Times» hatte noch am Tag vor der Wahl die Siegeschancen Trumps bei 15 Prozent angesetzt. Als sich die Familie Clinton am mittleren Wahltagabend entspannt zum Nachtessen begab, hielten die meisten Medien Hillarys Siegeschancen noch für intakt – bei etwa 80 Prozent.

Am späteren Abend drehten sie auf Trumps Triumph. Ähnliche Abstürze beim Brexit-Plebiszit im Juni. «Wir haben uns alle geirrt», schrieb Sonderregger zerknirscht. «Und zwar gewaltig. So wie wir das knappe Ja zur Masseneinwanderungsinitiative 2014 nicht wirklich haben kommen sehen.»

Gelegentlich kommt es mal anders, aber dann meist über eine gedehntere Zeitkurve mit grossen Schwankungen. Im vergangenen Dezember etwa bahnte sich der Abstimmungsendspurt zur Durchsetzungsinitiative der SVP an, mit der die Partei die automatische Ausweisung straffälliger Ausländer erzwingen wollte. Gerade hatte das Parlament noch eine harte Gesetzeslösung geschrieben, gemäss schweizerischer Rechtskultur aber eine Härtefallklausel eingefügt. Das passte der SVP nicht, die doch ihre Kampagne gegen die «Kuscheljustiz» alimentieren wollte. Anfang November 2015 ergaben Wahlumfragen, dass 66 Prozent der Stimmbereiten der Durchsetzungsinitiative zuzustimmen gedachten. Im Verlauf der folgenden Wochen aber sanken die Zustimmungszahlen, und Ende Februar lehnten 60 Prozent der Stimmenden die Initiative ab. Ich verweise auf die Ursachenforschung zu diesem Turn.

Was ist mit den Wahl- und Abstimmungsumfragen los? Ich fragte bei Linards Udris nach, dem stellvertretenden Leiter des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich. Erstaunlich: Die Wahlumfrageforschung ist notleidend. Zu wenige und zumeist ältere Studien. Viele Medienberichte spielen einfach mit ein paar aufregenden Zahlen, ohne sie in einen grösseren Zusammenhang zu stellen. Dafür haben Redaktoren in den aus Spargründen ausgedünnten Journalistenteams oft auch keine Zeit. Vielleicht mutmassen sie voreilig über die Auswirkungen solcher Umfragen auf das Wählerverhalten.

Aus den Diskussionen in den USA, wo die Wahlforschung eine lange Tradition hat, geistern einige «Catchwords» herum, etwa das vom «Bandwagon-Effekt», wonach sich Wähler motivieren lassen, beim vordersten Wagen neben der Musik aufzuspringen. Oder das Gegenteil, der «Underdog-Effekt», der Sympathisanten dazu verleitet, aus Mitleid eben nicht beim vordersten, sondern bei einem der hinteren Wagen anzudocken. Udris warnt: Statt sich schnell auf schwer messbare «direkte» Abstimmungseinflüsse bei den Aussagen der Wählerschaft zu versteifen, müsse der «ganze Kreislauf» der Umfrage analysiert werden. Das fängt gerade in der Schweiz mit ihren Verklumpungen von Titeln in grossen Medienhäusern mit der Frage nach den jeweiligen Umfrageveranstaltern an. Beispiel: Die von Tamedia durchgeführten Umfragen finden sehr starke Resonanz in den verlagseigenen Titeln, während Umfragen anderer Medienhäuser oder des Instituts GfS wenig erwähnt werden – und umgekehrt (aus: «Abstimmungsmonitor», Foeg, 25.9.2016. PDF; 3,4MB).

Zwei Gruppen nehmen Umfrageresultate besonders ernst: a) Journalisten, die besonders aktiv Twitter verfolgen; b) Newsinteressierte, die auch noch eher gut gebildet sind. Der Forscher Thomas Milic zieht aus deutschen Studien den Schluss, dass bei unseren Nachbarn rund ein Drittel der Mediennutzer Umfragen wahrnimmt (Zahl steigend); das lege aber nicht auch eine hohe Beeinflussung im Wahlverhalten nahe. Sybille Hardmeier und Hubert Roth entnehmen einer nicht weiter vertieften Schweizer Vergleichsstudie (2003) von zahlreichen Umfragen, dass Effekte auf das Wahlverhalten zwar existieren können, jedoch nur unter gewissen Bedingungen auftreten, schwach ausgeprägt sind und sich häufig gegenseitig neutralisieren.

Das wird – insbesondere nach den eingangs erwähnten Debakeln – sicher nach ernsthafter aktueller Forschung rufen. Die Schweizer SRG-Umfragen zum Beipiel sind – erst recht seit einem «Unfall» bei der Stimmungserforschung vor der Anti-Minarett-Initiative – unter dem Kodex eines Branchenverbands strikt geregelt: mindestens tausend Stimmberechtigte, Erwähnung des Umfrageinstituts und des Auftraggebers, Durchführungsart, Prozentfehlertoleranz, Wortlaut der Fragen. Das Bundesgericht hat die strengen Regeln 2011 in einem Urteil mit Tadel an einer SRG-«Tagesschau»-Ausgabe bestätigt. Bundesrat und Nationalrat wiesen im gleichen Jahr eine Motion von Christoph Mörgeli zum Verbot solcher Umfragen vor Abstimmungen und Wahlen ab.

Zwei wichtige Forschungsfragen hat der Infratest-Befrager Rainer Stocker bereits letztes Jahr skizziert:

  • Wie können die auf einen Festnetzanschluss verzichtenden «Mobile onlys» von den wohl immer noch häufig durchgeführten Telefonumfragen erfasst werden? Mit zusätzlichen Online-Befragungen – kombiniert – möglicherweise.
  • Kann der wachsenden Weigerung, sich Befragungen zu stellen, mit neuen Fragemustern der «Behavioural Economics» begegnet werden?

Der Journalist und Anwalt Peter Studer war u.a. Präsident des Schweizer Presserats sowie Chefredaktor von «Tages-Anzeiger» und Schweizer Fernsehen.

von Peter Studer | Kategorie: Mediensatz

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