Nicht die Fehler sind das Problem

Jetzt hat die Abrechnung mit den Medien wieder Hochkonjunktur. Zugegeben, post festum machen die Vorschauen auf die US-Präsidentenwahl keine gute Falle. Es gibt aber Dinge, die uns Medienleuten mehr zu denken geben sollten.

Zum Glück ist es jetzt bald vorbei, habe ich mir am Wochenende vor dem US-Wahltag gesagt, und in den Nachrichtensendungen weggezappt, als es um die jüngsten Zuckungen an der Umfragefront und deren Interpretation durch Korrespondenten und Experten ging. Augenreiben und Flüche waren dann am Mittwochmorgen angesagt – shit! statt glad it’s over. Seither wird in- und ausserhalb der Branche das Klagelied über das kollektive Medienversagen gesungen.

Mich erinnert das ein wenig an die Kritik, die 2010 an der Berichterstattung über die Finanzkrise (PDF; 6,5MB) geübt wurde. Abgesehen von Ungenauigkeiten der Studie finde ich es übertrieben und verfehlt, von den Medien zu erwarten, dass sie eine Finanzkrise voraussehen. Wenn das den Heerscharen von Ökonomen und Experten nicht gelingt, wieso sollen wir Journalisten klüger und besser sein? Eher sollte man sich fragen, warum wir Leuten wie dem selbst ernannten Dr. Doom Marc Faber noch Platz in der Berichterstattung einräumen.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob Blindheit, bewusstes Wegschauen und Manipulation die Gründe dafür sind, dass kaum ein Medium den Sieg von Trump vorausgesagt hat. Die offensichtliche Fehleinschätzung ist vielleicht eher ein Symptom für Entwicklungen, die seit längerem im Gang sind. Mir ging es zum Beispiel so, dass mich die schiere Masse der Berichte über den Wahlkampf überforderte, beziehungsweise mein Interesse an dem Thema zunehmend lähmte. Ganz besonders dann, wenn es um die teilweise ungenügend erklärten und sich in rascher Folge ablösenden Umfragen ging. Kombiniert mit dem Dauergewitter auf den digitalen und sozialen Medien und den Rückkoppelungen auf die traditionellen Medien führt das wohl dazu, dass es schwieriger geworden ist, den roten Faden zu finden.

Ein zweites Problem sehe ich, wie bereits erwähnt, bei den übertriebenen Erwartungen. Oder besser gesagt, bei der Unsitte, dass wir diese Erwartungen selber schüren. Wenn Verleger und Journalisten, ohne rot zu werden, behaupten, die Sparprogramme beeinträchtigten die Qualität der Medien nicht und die journalistischen Leistungen seien besser als je zuvor, ist das kaum ein Beitrag zur Steigerung der Glaubwürdigkeit der Branche. Gleiches gilt, wenn die Online-Teaser und Listicles auf Newsportalen im Bemühen um Klicks Dinge versprechen, die sie nicht halten können. Man könnte sich auch fragen, ob Adolf Ogis Idee, ein Treffen von Trump und Putin in Genf zu organisieren, wirklich zur Schlagzeile taugt.

Dem Spiegel-Gründer Rudolf Augstein wird das Zitat zugeschrieben, wonach wir Journalisten dazu verurteilt sind, Fehler zu machen. Entscheidend ist neben dem steten Bemühen um Korrektheit die Bereitschafft, Fehler klar und rasch zu korrigieren. Hier sind durchaus Fortschritte zu beobachten, von den Nachrichtenagenturen über die Online-Medien bis zu den Printprodukten. Durchgesetzt hat sich auch die Praxis, dass die Nachrichtenportale bei Breaking News eine Rubrik «Was wir noch nicht wissen» eingeführt haben.

Ich bin überzeugt: Mehr Bescheidenheit und Bereitschaft zur Selbstkritik wären dem Ansehen unseres Berufsstands förderlich. Dann würde man uns auch besser zuhören, wenn wir zu erklären versuchen, warum wir die Finanzkrise und die Wahl Trumps nicht vorausgesehen haben. Selbstkritik heisst aber nicht Nestbeschmutzung. Jenen, die finden, die Medien hätten im US-Wahlkampf total versagt, wäre auch die Frage zu stellen: Hätten wir denn schweigen sollen, ob all den Unwahrheiten und Unflätigkeiten, die sich Trump erlaubte? Wer glaubt, wir seien auf dem besten Weg, unseren Beruf selber abzuschaffen, müsste sich vielleicht auch fragen, ob es das Patentrezept für die Zukunft des Journalismus ist, gnadenlos gegen den vermeintlichen Mainstream anzuschreiben.

Balz Bruppacher ist als freier Journalist tätig; früher war er Chefredaktor des Schweizer AP-Dienstes.

von Balz Bruppacher | Kategorie: Mediensatz

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