Stiften statt spenden

39 Prozent. Das war letzte Woche die wichtigste Zahl für die Presse. Es waren nicht die Leserzahlen der Wemf − alles in allem nicht berauschend, wie üblich −, und es waren nicht die Sparprogramme bei Tamedia, denen solche aus anderen Verlagshäusern folgen werden.

Nein, es waren die 39 Prozent. So gross ist der Anteil, den die gedruckte Presse an den Werbeausgaben in der Schweiz inzwischen noch hat. (Das gesamte Werbevolumen sank in den letzten zehn Jahren von 2,4 auf 1,4 Milliarden Franken.) In fünf Jahren, so schätzt Lennart Hintz, CEO der Mediaagentur Mediacom, wird dieser Anteil noch bei 20 bis 25 Prozent liegen. Dies ist die Zahl, die darüber entscheidet, wie viele Journalisten ihren Platz im Newsroom werden räumen müssen. (Was unter anderem die Diskussion um ein ganzseitiges Inserat auf der Frontseite der «NZZ» eher akademisch erscheinen lässt.)

Was da an Einnahmen wegbricht, lässt sich nicht kompensieren: weder durch Online-Werbung − die geht vor allem an Google, Facebook & Co. − noch dadurch, dass man die Leser tiefer ins Portemonnaie greifen lässt − funktionierende Micropayment-Systeme werden daran nichts ändern. Auch das Spenden bzw. Crowdfunding kann keine tragfähige Basis für Journalismus sein; die deutschen Krautreporter haben erfahren, wie gross die Kluft zwischen Begeisterung und Zahlungsbereitschaft ist. Und sie waren nicht die einzigen.

Darum bin ich skeptischer als Hansi Voigt, der einen blühenden Journalismus ausserhalb der Verlage prophezeit und Journalisten als Marke sieht wie die Künstler in der Musikbranche, die ihre Labels nicht mehr brauchen. Auf absehbare Zeit ist in der Medienbranche der Titel, für den ein Journalist schreibt, bei weitem die stärkere Marke als der Journalist. Verglichen mit der Kraft einer Institution ist der Netzruhm des Einzelnen eine flüchtige Sache.

Natürlich hoffe auch ich, dass das Startup von Constantin Seibt und Christof Moser ein Erfolg wird. Dazu muss es sich auf eine robuste Finanzierung verlassen können. Stiftungsmodelle mögen nicht immer und überall so vorbildlich funktionieren wie bei ProPublica seit bald zehn Jahren, aber sie werden im Journalismus eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Auch wenn noch nicht klar ist, ob sie über die blosse Projektförderung hinaus zur Strukturentwicklung der Branche beitragen können.

Daniel Weber ist Chefredaktor des «NZZ-Folio».

von Daniel Weber | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Stiften statt spenden»

  1. Manuel Puppis:

    Alle sehen das Finanzierungsproblem des Journalismus (also das, was die Wissenschaft schon länger als „Medienkrise“ bezeichnet). Und doch wagt sich kaum jemand, den „elephant in the room“ anzusprechen. Medienförderung könnte ein Teil der Lösung sein, wird aber von Verlagen, JournalistInnen und Politik grösstenteils abgelehnt.

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