Lebhaft köchelndes Mediengespräch

Während der letzten zwei Wochen gab es in Zeitungen und Blogs eine stattliche Zahl von grundsätzlichen Texten zu lesen. Die anstehende Service-public-Debatte um die Rolle der SRG, die im Sammelstadium befindliche «No Billag»-Initiative gegen Radio- und TV-Gebühren, die 2017 eigentlich zu erneuernde SRG-Konzession flossen mit ein.

1. Der Optimist: Alan Rusbridger, Alt-Chefredaktor des «Guardian»

Rusbridger durchläuft schwierige Zeiten. Er zehrt immer noch vom Ruhm, den amerikanischen Geheimdienst-Saboteur Edward Snowden öffentlich lanciert zu haben und ihn regemässig in Moskau zu besuchen. Der «Guardian», präsent und geschätzt auch in den USA, zählt 100 Millionen Online-Nutzer, hat letztes Jahr aber einen Verlust von mehr als 60 Millionen Pfund geschrieben und muss 200 Stellen abbauen. Dennoch ist Rusbridger Optimist – es bleibe uns nur übrig, «die Zeitung auf das digitale Zeitalter auszurichten». Soziale Medien liessen bei dem Dummen, das sie transportieren, immerhin alle am öffentlichen Diskurs teilhaben. Es gebe Finanzmodelle, die funktionieren. Die immer komplexere Welt brauche guten kraftvollen Journalismus. Wir sollten unseren Wert beweisen. Müsste er, Rusbridger, neu anfangen, würde er wieder Journalist werden wollen. (Yannick Nock und Christof Moser haben in einem doppelseitigen Interview am Rand des «Swiss Media Forum» die Fragen für die «Schweiz am Sonntag» gestellt.)

2. Die Warner: Prof. Otfried Jarren (Zürich) und Prof. Stephan Russ-Mohl (Lugano)

Jarren ärgert sich, dass die Medienbranche mit sich nicht über Qualität reden lassen wolle. Er verweist wohl unausgesprochen auf die rechtswidrige Kündigung einer achtjährigen Vereinbarung durch den Verlegerverband; sie hatte der Unterstützung des medienethisch urteilenden Schweizer Presserats gegolten. Vielleicht auch der harschen Kritik am ersten Schweizer Medienqualitätsrating des breit zusammengesetzten Stiftervereins (Herbst 2016). Inzwischen zahlt der Verlegerverband den Jahresbeitrag wieder, und man ist bereit, das Medienqualitätsrating mit den Stiftern gemeinsam zu diskutieren.

Russ-Mohl seinerseits befürchtet, die Informationsmedien würden im Online-Zeitalter der Versuchung erliegen, allzu viele Spalten mit irrelevantem oder ungeprüftem «Bullshit» abzufüllen. Die Redaktionen erhielten nicht mehr die Mittel und die Zeit dafür, ihre Aufgabe als «Schleusenwärter des öffentlichen Diskurses» wahrzunehmen. Das sei für das Vertrauen in die Medien aber unerlässlich.

3. Die Pessimisten

In einem Workshop hatte ich vor einer grösseren Gruppe von Kunstkritikern meine eigene Umfrage gemacht und mit manchen telefoniert. Das Ergebnis war deprimierend. Ständige Budgetkürzungen und Personaleinsparungen haben bei vielen den Funken der Begeisterung erstickt. Dazu kam der Eindruck mangelnder Wertschätzung. Bitte keine Namen nennen; einige Chefs sind empfindlich. Gleichentags kam die Meldung, zwei bekannte Mitglieder der «NZZ»-Kulturredaktion würden das stolze Haus verlassen. Auf die Frage, ob sie ihren Kindern den Journalistenberuf empfehlen würden, gab es kaum Ja-Antworten.

Der Journalist und Anwalt Peter Studer war u.a. Präsident des Schweizer Presserats und des Schweizer Kunstvereins sowie Chefredaktor von «Tages-Anzeiger» und Schweizer Fernsehen.

von Peter Studer | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Lebhaft köchelndes Mediengespräch»

  1. Seit der neue Feuilletonchef René Scheu heisst, gibt es im Feuilleton der NZZ keine anständige Kulturberichterstattung mehr, dafür wird es mit der Politpropaganda einer rechtsorientierten Clique und Publireportagen & Sekundärgeschwätz über die Kulturindustrie zugemüllt. Es kommen auch immer wieder dieselben Langweiler, die eigentlich nichts zu sagen haben, zu Wort: Einfalt statt Vielfalt. M.a.W. die NZZ betreibt statt Meinungsbildung auf der ganzen Linie Meinungsmache und degradiert sich damit langsam, aber sicher zur Weltwoche 3.

    Es wundert mich, dass im Ggs. zum befürchteten Antritt von Markus Somm nicht mehr öffentlicher Widerstand gegen diese politisch motivierte Verblödung stattfindet. Die kulturinteressierte Leserschaft sollte die NZZ mit Protest-Leserbriefen eindecken, Institutionen sollten sich wehren gegen die Vereinnahmung der Kulturseiten durch gedankenlosen Schwachsinn und, wenn dies alles nichts nützt, darf man das Abonnement auch einfach abbestellen. Nicht zufällig hat wohl die NZZ von 2015 auf 2016 ca. 21’000 Leser verloren, wie die jüngst publizierte Statistik des WEMF zeigt.

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