Kellermanns Abgang

Kellermann und Raaflaub sassen, wie so oft in letzter Zeit, beim Bier im «Couch & Sofa». Da hockte man tatsächlich statt auf anständigen Horgen-Glarus-Stühlen auf durchgesessenen Polstermöbeln, oder vielmehr: man fläzte sich. Und statt eine ordentliche Stange Hürlimann vor sich auf dem Tisch stehen zu haben, nippten beide an je einem Fläschchen Höngger Craft, das in der Hand langsam warm wurde. Die Stammgäste munkelten, Kevin und Caspar, die gemeinsam des «Couch & Sofa» betreiben, würden das Bier zu Hause in der Badewanne brauen.

Raaflaub versuchte, den Gedanken an die Badewanne zu verscheuchen und sich auf die entspannende Wirkung des Alkohols zu konzentrieren. Nein, das war nicht seine Welt. Aber wo sollte man schon hingehen, seit Magi den «Sternen» schliessen musste. Statt der Quartierbeiz stand da nun ein «Coop to go».

Raaflaub hatte es seinerzeit als Verrat an Magi empfunden, dass der Ressortleiter Wirtschaft die Eröffnung dieses Ladens als Sternstunde in der Entwicklung der Gastronomie feierte und in seinem Artikel ausführlich den Marketingleiter zu Wort kommen liess. «Die Zeiten, als man nur morgens, mittags und abends ass, sind vorüber», sagte der. «Heute snacken wir uns durch den Tag!» Die Abschlussredaktion hatte doch tatsächlich das Ausrufezeichen stehen lassen, und als Raaflaub das an der nächsten Morgensitzung kritisierte, schauten ihn alle nur verständnislos an.

Heute musste Raaflaub zugeben, dass der «Coop to go» gleich vis à vis der Redaktion seine Lebensqualität massiv steigerte. Zwar war bei Magi das Bier kühl, aber bei Raaflaubs Arbeitszeiten war ihre Küche immer schon geschlossen, bis er es in ihre Gaststube schaffte. Und von knochentrockenen Linzertörtli als einzigem festem Nahrungsmittel mochte er sich nicht jeden Tag ernähren. Die Coop-Sandwiches waren mindestens saftig, und sei es nur wegen der Alibi-Tomatenscheibe in der Mitte. Aber sie waren nicht so saftig, dass sie in die Tastatur tropften.

Als hätte er Raaflaubs Gedanken gelesen, sagte Kellermann: «So habe ich mir den Journalismus schon nicht vorgestellt. Etwas Hektik ist ja ganz ok, aber ständig fürs Online liefern, bevor ich überhaupt verstanden habe, worum es überhaupt geht, also das macht mich fertig.» Kellermann liess sich noch etwas tiefer ins geblümte Polster sinken. «Und dann, weisst du, das Gefühl, dass wir mit all dem Gehetze doch nichts ausrichten. Ich sag Dir, die Musik spielt woanders, aber nicht mehr in den Medien.»

Raaflaub hatte es sich in den letzten Wochen zur Aufgabe gemacht, den jungen Kollegen aufzuheitern. Kellermann war Mitte zwanzig, aber wirkte jetzt schon ausgebrannt. Seit er mit grossartigen journalistischen Idealen von der Fachhochschule gekommen war, hatte er sich im Newsroom als Allzweckwaffe bewährt: Keiner tippte flinker und keiner begriff die Redaktionssysteme schneller, von denen es fast monatlich ein neues gab: für die schwindende Printauflage, für die Website, für Mobile, für die Videoeinbindung, für den Newsletter, für WhatsApp. Aber gleichzeitig hatte er innert Monaten einen ungesunden Zynismus entwickelt, ein Vorgang, den Raaflaub nur zu gut kannte, bei ihm aber Jahre, wenn nicht Jahrzehnte gedauert hatte.

«Schau, einer wie du, der hat die besten Voraussetzungen für diesen Job», sagt Raaflaub. Kellermann blickte auf. «Du bist doch ein Digital Native, wie man so schön sagt, total fix mit allem, was aus dem Silicon Valley kommt. Und schau: Überfordert waren wir alle, als wir mit abgebrochenem Studium in den Journalismus einstiegen, naseweis waren wir. Aber wir waren wie Du, haben uns von unserer Ahnungslosigkeit nicht abschrecken lassen und Seiten gefüllt, was das Zeug hielt. Weisst du, der Unterschied zu heute ist gar nicht so gross.»

Kellermann nickte. Dann nahm er einen grossen Schluck warmes Bier. Als müsste er sich Mut antrinken. «Danke, Marcel, das ist sehr nett. Aber weisst du, deine Aufmunterung kommt zu spät. Ich habe heute unterschrieben.»

Raaflaub verschluckte sich. «Wo?»

«Coop. Marketingkommunikation.»

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

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von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

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