Schweizer Medienqualitätsrating 2016

«Echo der Zeit», «Neue Zürcher Zeitung», «NZZ am Sonntag» und 20minuten.ch: So heissen die Sieger des ersten Schweizer Medienqualitätsratings (MQR) (ganzer Bericht als PDF), das den Medien am Montag im Neubau des Landesmuseums präsentiert wurde − an einer erstaunlich mässig besuchten Medienorientierung, notabene, was angesichts des bestens vernetzten Vorstands des herausgebenden Stiftervereins Medienqualität Schweiz (Sylvia Egli von Matt, Andreas Durisch, Bruno Gehrig, Markus Notter, Tobias Trevisan) doch eher erstaunt. Irrtum vorbehalten, war beispielsweise kein einziger Vertreter eines Mediums aus dem Hause Tamedia anwesend, obwohl dem Vernehmen nach mindestens sechs Redaktionsmitglieder eine persönliche Einladung erhalten hatten.

Tamedia gehört neben Ringier, Basler Zeitung Medien und AZ Mediengruppe übrigens auch zu jenen Verlagen, die − unter der Führung des Verbands Schweizer Medien − den ursprünglich vorgesehenen dritten Teil des Qualitätsratings, nämlich die Analyse der organisationsinternen Qualitätssicherungsprozesse, verhindert haben, indem sie dem Institut für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW keinen Einblick in die internen Qualitätssicherungsmassnahmen gewähren wollten (Nick Lüthi hat das ganze Theater für die «Medienwoche» schön zusammengefasst: Verlegerverband bremst Medienrating).

Aber lassen wir die Kindereien und wenden wir uns dem Ranking zu, das nun vorerst halt auf zwei statt auf drei «Modulen» beruht, nämlich auf einer vom Jahrbuch «Qualität der Medien» her bekannten Inhaltsanalyse zur Eruierung der Berichterstattungsqualität einerseits und auf einer Befragung des Publikums zur Wahrnehmung der Qualität der Medien andererseits − ergänzt durch Interviews mit Medienexperten (Details zum methodischen Vorgehen).

Die Einschätzung des Publikums stimmt dabei recht gut mit den Befunden der Wissenschaft überein. Ein Resultat, über das sich Mark Eisenegger, Verantwortlicher des seit sechs Jahren erscheinenden Jahrbuchs «Qualität der Medien», an der Pressekonferenz sichtlich freute (please chuckle from above, Kurt Imhof!). Ausrisse sind u.a. bei der «Basler Zeitung» und zum Teil auch bei der «Weltwoche» zu beobachten, die von den Forschern als höherwertig eingestuft werden als durch das Volch. «Die Wahrnehmung eines ideologisch motivierten Kampagnenjournalismus scheint Spuren zu hinterlassen», heisst es im Bericht dazu.

Tages- und Onlinezeitungen
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(Lesehilfe: «Die Grafik zeigt für die Analyse der Berichterstattungsqualität (X-Achse) und die Analyse der Qualitätswahrnehmung (Y-Achse), ob ein Medientitel im Vergleich mit der Gruppe unterdurchschnittliche (–1), durchschnittliche (0) oder überdurchschnittliche (+1) Qualitätswerte erzielt. Bei Titeln, die sich in der Diagonale positionieren, kommen beide Messverfahren zu analogen Befunden. Bei Titeln ausserhalb der Diagonale weichen die Ergebnisse der Inhaltsanalyse und der Befragung voneinander ab. Punkte oberhalb der Diagonale bedeuten, dass der Medientitel vom befragten Publikum besser bewertet wird. Kommt der Medientitel unterhalb der Diagonale zu liegen, schneidet er in der Inhaltsanalyse besser ab.»)

Auffallend ist die gute Positionierung von nzz.ch, hinken die Online-Auftritte von Zeitungen in der Regel doch qualitativ recht deutlich hinter ihren Printmüttern her. Im Bericht heisst es dazu:

«Bei der ‹NZZ› scheint sich die Konvergenzstrategie, wonach die Print- und die Onlineausgabe weitgehend identisch gestaltet werden, die Onlineausgabe mit einer Paywall geschützt und zudem nur zurückhaltend mit Agenturmeldungen aktualisiert wird, auszuzahlen: Die Nachrichtensite nzz.ch erzielt in Befragung wie Inhaltsanalyse Höchstwerte und muss sich in ihrer Vergleichsgruppe einzig im Vergleich mit ihrem gedruckten Pendant knapp geschlagen geben. Während die anderen Newssites aus der Vergleichsgruppe neben ihren redaktionell erstellten Beiträgen online in erheblichem Umfang zusätzliches Agenturmaterial publizieren, scheint nzz.ch darauf zu verzichten. Hier bleibt das Verhältnis von Eigenleistung und Fremdmaterial zwischen Presse und Web mit ungefähr 80 zu 20% nahezu gleich.»

Die News-Website «Watson» wurde aufgrund ihrer Ambition, in der obersten Liga mitzuspielen, der Kategorie «Tages- und Onlinezeitungen» zugeteilt, was das miserable Abschneiden in diesem Segment zumindest zum Teil erklären dürfte. Wären die «News unfucked» im Qualitätsrating den «Pendler- und Boulevardzeitungen» zugeschlagen worden, hätten sie eine Spitzenpositionierung erreicht.

Auffallend übrigens auch die schlechte Publikumsbewertung der «Südostschweiz» (mit sage und schreibe 21 Prozent «Sport»!). Für die «Neue Luzerner Zeitung» trifft interessanterweise genau das Gegenteil zu (gute Bewertung durch die Leserschaft, mittelmässige Resultate bei der Inhaltsanalyse).

Sonntagszeitungen und Magazine
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«Le Matin Dimanche» zeigt, dass der Boulevard mit den sogenannten Qualitätsblättern durchaus mitzuhalten vermag (zumindest wenn es nach der Inhaltsanalyse geht), was vom «Sonntagsblick» offensichtlich nicht behauptet werden kann.

Boulevard- und Pendlerzeitungen
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Auch hier fallen die Erzeugnisse der «Blick»-Gruppe («Blick» und blick.ch) deutlich ab, während der Online-Ableger von «20 Minuten» über sein Mutterblatt triumphieren kann.

Radio- und Fernsehsendungen
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Nicht ganz überraschend ist das «Echo der Zeit» von Radio SRF hier der unangefochtene Sieger, während «ZüriNews» von TeleZüri weit abgeschlagen ist. Auffallend weit weg von der Diagonale befindet sich «Le Journal» des Genfer Privatsenders Léman Bleu: Die Studienautoren dazu:

«Die Nachrichtensendung Le Journal auf Léman Bleu schneidet in der Vergleichsgruppe nur leicht unterdurchschnittlich ab, was die Inhaltsanalyse betrifft. Die geringeren Einordnungsleistungen sind vermutlich auch darauf zurückzuführen, dass der lokale Privatsender deutlich weniger Ressourcen als die SRG-Titel zur Verfügung hat. Trotzdem pflegt Le Journal des kleinen Senders Léman Bleu eine sehr beachtliche, immerhin durchschnittliche professionelle und relevante Berichterstattung und schneidet im direkten Vergleich mit den ZüriNews des ebenfalls privaten TeleZüri in jeder Dimension besser ab. Politikbeiträge beispielsweise spielen bei Léman Bleu mit 42% eine deutlich grössere Rolle als bei ZüriNews mit 29%. Das Publikum allerdings schätzt diese insgesamt recht guten Leistungen nicht gleich positiv ein. Le Journal gehört sogar zu den Medien, denen das Publikum relativ wenig Professionalität zuschreibt.»

Und hier noch die Gesamtschau:
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Und abschliessend noch etwas Hintergrund:

«Dem Projekt liegt ein demokratietheoretisch begründeter Qualitätsbegriff zugrunde. Demzufolge bemisst sich Medienqualität daran, wie gut Informationsmedien den demokratischen Leistungsfunktionen öffentlicher Kommunikation dienen (Hagen 2015, McQuail 1992, Schatz/Schulz 1992). […]

Die Qualitätsmessung erfolgt auf den definierten Qualitätsdimensionen Relevanz, Einordnungsleistung, Professionalität und Vielfalt. Diese Dimensionen lassen sich aus den Leistungsfunktionen öffentlicher Kommunikation ableiten (Forumsfunktion, Kontrollfunktion, Integrationsfunktion) und sind ebenso für die Leitbilder und Verhaltenskodizes der journalistischen Praxis massgeblich […].» (Mehr dazu hier und hier)

Das erste Schweizer Medienqualitätsrating soll rund 450’000 Franken gekostet haben. Finanziert wurde die Studie durch die Mitglieder des Stiftervereins Medienqualität sowie durch Spenden zwischen 10’000 und 50’000 Franken von ABB, AMAG, Credit Suisse Foundation, Denner, Mobiliar, Ernst Göhner Stiftung, Novartis, Stiftung für MeinungsFreiheit und MedienVielfalt, Swiss Life und Swiss Re.

Es ist vorgesehen, die Studie im Zweijahresrhythmus zu wiederholen.

(Quelle Grafiken: Medienqualitätsrating 2016)

Siehe auch:

Update, 23. September 2016:

von Martin Hitz | Kategorie: Medienschau

4 Bemerkungen zu «Schweizer Medienqualitätsrating 2016»

  1. Pingback: Schweizer Medienqualitätsrating 2016 | digithek blog

  2. Medien in der Selbstbeobachtungsfalle
    Auf Facebook kam die Frage auf, warum sich eigentlch „die Medien“ als „Betroffene“ kaum für dieses Medienrating interessieren würden. Hier der Versuch einer Antwort:
    Ich gehe davon aus, dass das Medienrating intern schon auch diskutiert wird. Es liegt aber auch auf der Hand, dass Medien bei einem sie selbst betreffenden Thema nicht die geeigneten Diskursorganisatoren sind. Die unabhängigen Fachmedien haben das Thema jedoch sehr wohl aufgegriffen. Zudem richtet sich das Rating ja nicht nur an die Medien, sondern an weit grössere Kreise; zum Beispiel auch an die Publika dieser Medien. Auch die Werbewirtschaft soll auf der Suche nach weiteren Währungen sein und die Medienpolitik wird sicher auch mal vorbeischauen.
    Es ist aber tatsächlich festzuhalten, dass die Resonanz bei den weiteren Kreisen die Berichterstattung der reichweitenstarken Medien voraussetzen würde. Wenn sich diese weigern, den Diskurs öffentlich zu machen, kann dieses Ziel natürlich nur eingeschränkt erfüllt werden.
    Bleibt der schale Beigeschmack, dass viele Medien sehr wohl Handlungen aus Politik, Wirtschaft, Sport, Wissenschaft, Bildung etc. thematisieren und kritisieren, bei ihren eigenen Angelegenheiten aber in der Selbstbeobachtungsfalle erstarren.

  3. Pingback: Lebhaft köchelndes Mediengespräch | Medienspiegel.ch

  4. Danke für interessanten Artikel und neue für mich Information! Die Tabellen helfen klar und bescheid die Situation zu verstehen.

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