Blattkritik

Blattkritik ist wichtig. Sagt man. Blattkritik müsse verbessert und systematisiert werden, meinen die Chefs. Und sagt jetzt auch Pietro Supino, der Tamedia-Verleger.

Ich habe ein Berufsleben lang Erfahrungen mit Blattkritik gesammelt. Als Praktikant, der an Redaktionskonferenzen versucht hat, möglichst unauffällig am Tisch zu sitzen, wenn der Chefredaktor schlechte Laune hatte; als Tagesverantwortlicher, der in Gedanken bei der Zeitung von morgen war, aber an der Sitzung wertvolle Zeit mit der Zeitung von gestern verbrachte; als Mitglied einer Redaktionsleitung, welche die Idee hatte, die Blattkritik schon vor Redaktionsschluss am Abend abzuhalten (was das «Bieler Tagblatt» schliesslich als Innovation präsentierte); als Chef, der das Blatt kritisieren musste und kritisiert wurde, wenn er zu viel lobte, wenn er zu wenig lobte, wenn er kritisierte, was offensichtlich zu kritisieren war – weil eh schon alle wussten, dass ein Fehler passiert war. Und wenn er kritisierte, was die Kritisierten für eine tolle Leistung hielten.

Blattkritik, weiss ich heute, gehört im Berufsalltag zum Schwierigsten. Blattkritik kann zerstörerisch sein. Blattkritik wird von manchen Kolleginnen und Kollegen für interne Abrechnungen genutzt. Blattkritik wird dem Verleger oder Chefredaktor manchmal im Serviceclub zugetragen und fliesst dann in den «regelmässigen Dialog» ein, meist ohne Quellentransparenz. Blattkritik in Zeiten von Sparübungen ist die Hölle. Die Vorzensurhölle.

Beim Qualitätsmonitoring der eigenen publizistischen Medien, lese ich im «Klein Report», gehe es Supino, nicht um Kontrolle der Chefredaktionen, sondern um eine «permanente offene Diskussion». Die Ansprüche an «Tages-Anzeiger» oder «20 Minuten» seien dabei unterschiedlich.

Das habe ich jeweils auch gesagt, wenn die Form der Blattkritik zur Diskussion stand: Es geht nicht um Einschüchterung, nicht um nachträgliche Zensur. Es geht um die Frage, was publizistische Qualität ist.

Mit dieser ist Supino übrigens laut «Klein Report» nicht unzufrieden: «Im Gegenteil – ich bin stolz auf die tägliche Leistung unserer Redaktionen». Aber «einerseits beschäftigt mich die Frage, wie ich meine verlegerische Verantwortung wahrnehmen kann. Andererseits werden in der Qualitätsdiskussion oft nicht die richtigen Fragen gestellt.»

Man darf gespannt sein, ob Res Strehle nun die richtigen Fragen stellen wird. Der ehemalige «Tages-Anzeiger»-Chef ist Projektleiter. An zufälligen Stichtagen wird er zusammen mit der jeweiligen Chefredaktion und einer externen Expertin «regelmässige Audits» durchführen.

Audit? Das klingt irgendwie nach Sekte. Das scheint auch Supino zu spüren. Aber nein, um mehr Kontrolle gehe es nicht, sondern «um eine permanente, offene Diskussion auf der Basis von Fakten und klaren Kriterien», wiederholt und präzisiert er. Das gehöre bereits heute zur Kultur des Unternehmens, «aber mit dem Projekt möchten wir den Prozess systematisieren und damit die Qualität der Qualitätsdiskussion verbessern.»

Es ist das Problem derjenigen, die ohne eigenes Verschulden im Journalistenberuf älter geworden sind: Wir haben alles schon gehört, oft schon! Projekt, Prozess, systematisieren, Qualitätsdiskussion, offen, Fakten, klare Kriterien.

Na dann: viel Vergnügen!

P.S. 1: Wenn ich diese Woche Blattkritik machen müsste, so am liebsten bei der «WOZ». Die Beilage über «Die Dschihadisten von Bümpliz» – grosse Klasse! In der Einleitung erwähnt der Autor Daniel Ryser en passant das, was mir am Journalismus heute so auf die Nerven geht: Der Islamische Zentralrat (IZRS) vertritt gerade einmal 0,5 Prozent der Muslime in der Schweiz, erhält aber mehr Medienaufmerksamkeit als alle anderen muslimischen Vereine zusammen. – Wir Medienleute verzerren die Wirklichkeit, weil wir auf das Sensationelle, auf Provokation und Extremismus fixiert sind. Und auf Populisten, muss ich der Vollständigkeit halber sagen. Auf Populisten, die wir hauen, denen wir aber die grösste Plattform bieten.

P.S. 2: Warum Blattkritik nicht einfach abschaffen? In allen Redaktionen, die ich im Laufe meines Berufslebens kennengelernt habe, wurde ohnehin andauernd über Texte und Bilder, über Tonalität und Qualität geredet. Was eher etwas zu kurz kam, war die tägliche Reflexion der eigenen Haltung.

Hanspeter Spörri ist freier Moderator und Journalist in Teufen (Appenzell Ausserrhoden). Er arbeitete ab 1976 als Lokal-, Kultur- und Auslandredaktor verschiedener Zeitungen und eines Lokalradios. Von 2001 bis 2006 war er Chefredaktor des «Bund».

von Hanspeter Spörri | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Blattkritik»

  1. Fred David:

    Ich habe die harte Schule von „Spiegel“-Redaktionskonferenzen durchlaufen. Im Wechsel war jede Woche ein anderes Ressort für die stets gut und mit System vorbereitete Blattkritik zuständig. Die Erfahrung: Inhaltliche Kritik war auch dort eher selten.

    Der Kritiker setzte sich verschärfter Beobachtung aus und musste sich schon mal für die nächste Woche auf die Retourkutsche wappnen. Revier markieren, Machtspiele eben, damals völlig männerdominiert. Wenn Frauen das Wort ergriffen, war es meist mehr inhaltlich. Die Erfahrung habe ich auch später gemacht. Frauen können nicht nur das besser.

    Der Einzige, der sich häufig scharfe inhaltliche Kritik erlaubte, war Rudolf Augstein selber (inkl. gelegentlich weiter Abschweifungen). Ein einziges Mal, ich bin heute noch stolz drauf, habe ich, von der hinteren Sitzbank aus – man musste dazu aufstehen, um gehört zu werden – einen Kommentar des Herausgebers kritisiert. Der voll besetzte Saal drehte sich entsetzt bis verächtlich nach mir um. Es hat mir nicht, zumindest nicht messbar, geschadet, Er nahm es mit leisem Brummen hin. Aber sowas macht man nicht öfter. Will sagen: Kritik ertragen alle (!) Betroffenen schlecht (ich natürlich inkl.).

    Einfacher ist es , wenn die Kritik – sachkundig – von aussen kommt. Oefter mal Gastkritiker einladen, aber die müssen fachkundig sein, sonst wird daraus eine Plauderei und sie dürfen nicht abhängig davon sein, wie sie das kritisierte Medium später behandelt. In der kleinen Schweiz , wo jeder mit jedem…, ist das noch etwas schwieriger. Eine Aufwandentschädigung sollte drin liegen. Das hilft. Das können sich nur grössere Medien leisten. Aber die sollten es!

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