Twitter ade?

Von ihm hätte ich es nicht erwartet. Sascha Lobo, der Netzguru mit der Hahnenkammfrisur, kündigte in seiner jüngsten Kolumne auf «Spiegel Online» an, er werde künftig bei Ereignissen wie #münchen den Rat seiner Frau befolgen und Twitter abschalten: «Soziale Medien erscheinen mir überwiegend als Segen, aber gerade in grossen Nachrichtenlagen, wenn sie spürbar ihre grösste Wucht entfalten, kommen sie mir derzeit eher kontraproduktiv vor.»

Ich habe in jener Schreckensnacht auch ab und zu einen Blick auf die Tweets geworfen, die schneller als im Sekundentakt über das Display meines Smartphones jagten. Und war erschüttert ob der Flut an Halbwahrheiten, Falschinformationen und üblen Unterstellungen, die da ihre Wucht entfalteten. Gleichzeitig hatte ich den Fernseher eingeschaltet und war ebenso erschüttert. Auf privaten Kanälen (RTL) war man pausenlos auf Sondersendung, spielte alle Viertelstunden die gleichen beiden Interviews mit Augenzeugen ein, liess Korrespondenten vor Ort berichten, was sich tat, leider nichts, und fasste dazwischen wortreich zusammen, was es zusammenzufassen gab, leider ebenfalls nichts. Nicht besser waren die öffentlich-rechtlichen ARD und ZDF, die sich beeilten, Experten ins Studio zu holen, die ausufernd kommentierten, was man zu dem Zeitpunkt wusste, nämlich nichts.

Auch die Kollegen in den Online-Redaktionen der Zeitungen hatten es nicht leicht. Dass sie in ihren Updates getreulich die Falschmeldungen der Polizei rapportierten und dafür sorgten, dass der Begriff «Langwaffe» schlagartig ins Vokabular des Durchschnittsusers Eingang fand, wird ihnen niemand verargen wollen. Man meldet halt, was man kann. Sascha Lobos Kritik an den sozialen Medien scheint mir darum die Medien grundsätzlich zu treffen: Sie geben sich der «rauschhaften Nähe» zu aktuellen Ereignissen hin; sie sind beseelt vom Wunsch, «das Informationsvakuum sofort zu füllen, noch während etwas geschieht»; und sie überspielen «die eigene Hilflosigkeit mit Kommunikationsritualen».

Was soll man daraus für Schlüsse ziehen? Der naheliegende ist tatsächlich: Stecker raus, gezielte Medienabstinenz, bis sich der Rauch verzogen hat. In den Radionachrichten beim Rasieren am morgen danach erfährt man mehr als während einer durchwachten Nacht. Trotzdem bleibt die Irritation: Im Sog von Twitter & Co. investieren alle Medien Unsummen in die Schnelligkeit der Informationsvermittlung mit dem paradoxen Resultat, dass man sie abschaltet, weil man der Desinformationsvermittlung entgehen will. So hatte ich mir eigentlich die digitale Informationsrevolution nicht vorgestellt.

Daniel Weber ist Chefredaktor des «NZZ-Folio».

von Daniel Weber | Kategorie: Mediensatz

4 Bemerkungen zu «Twitter ade?»

  1. Romana Ganzoni:

    Zum obigen Thema (Danke!) diesen Text – im Magazin der Süddeutschen erschienen – mit Gewinn gelesen:

    http://www.jetzt.de/amoklauf-in-muenchen/amoklauf-in-muenchen-der-wahnsinn-auf-den-handys

  2. Pingback: Das OEZ und die Leere bei Twitter - JakBlog

  3. marak:

    Heute haben wir eben Brandbeschleuniger in Form von Twitter und all den anderen Kanälen. Diese Kanäle ermöglichen im Prinzip jedem Menschen auf den Globus seinen Senf zur Sachlage abzugeben und den Senf der anderen Senftuben weiter zu verbreiten.
    Die Situation bei einer Katastrophe ist aber immer Dieselbe: Niemand hat die Übersicht in den ersten Stunden. Von daher kann man wirklich getrost alles abschalten und gemütlich eine erste Orientierung der Rettungskräfte abwarten. In der Wartepause könnte man seine Kräfte schonen und sich Gedanken über die Berichterstattung machen. Fraglich aber, ob das die Arbeitgeber auch so sehen. Und die Konsumenten. Oder haben die keine Zeit und müssen Twittern?

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