Die Grenzen der Öffentlichkeit

Was gehört an die Öffentlichkeit? Die öffentlichen Angelegenheiten natürlich. Daran zweifelte ich im Laufe meiner Journalistenlaufbahn nie. Aber was sind öffentliche Angelegenheiten? Was muss im Interesse des Gemeinwesens vor und in der Öffentlichkeit verhandelt werden? Und was nicht?

Während vieler Jahre trat ich fast radikal für Transparenz ein, glaubte, dass in der öffentlichen Debatte alle Probleme gelöst werden könnten – wenn sie nur gut moderiert werde. Uns, die Journalistinnen und Journalisten, sah ich als die ehrlichen Treuhänder der Öffentlichkeit. Es war eine Art Glaube. Mit dem Publikum als letzter, oberster Instanz.

Allerdings verändert sich die Wirklichkeit, wenn sie beobachtet wird. Das weiss man auch aus der Physik. Wer ein Thermometer in den heissen Kaffee taucht, kühlt diesen dadurch ab. Oder heizt ihn auf, wenn sein Thermometer wärmer ist, als der kalte Kaffee.

Die blosse Gegenwart eines Journalisten bringt die Leute dazu, komische Dinge zu sagen und zu tun. Darauf wies auch Bilkay Öney hin. Die ehemalige Ministerin für Integration der rot-grünen Regierung von Baden Württemberg diskutierte im «Club» des Schweizer Fernsehens – als deutsche Muslima, welcher der radikale Islam missfällt. Es ging um den verweigerten Händedruck zweier muslimischer Schüler gegenüber ihrer Lehrerin. Bilkay Öney hat in ihrer Amtszeit gute Erfahrungen gemacht mit dem Dialog im kleinen Kreis, mit runden Tischen: Wenn man aber öffentlich diskutiere, stelle sich jeder anders dar, sagte sie.

Das Thema wurde im «Club» nicht weiter vertieft. Aber der These wurde auch nicht widersprochen. Sie stimmt mit meiner Berufserfahrung überein: Die Leute reden im Interview anders als im Vorgespräch. Das gilt vor allem für die Dominatoren der öffentlichen Meinung. Sie sind Darsteller ihrer Rolle, geben sich unnachgiebig und kompromisslos – dümmer, als sie eigentlich wären. Denn sie ringen um Einfluss – um Wähleranteile, um Popularität, um Aufmerksamkeit. Und die gewinnt man vermeintlich nicht mit Differenzierung. Probleme werden in der medialen Arena deshalb nicht gelöst, sondern bewirtschaftet.

Seit dem Journalismus die Gatekeeper-Funktion abhanden gekommen ist, seit Logarithmen der digitalen Konzerne die Öffentlichkeit strukturieren, ist nichts besser – demokratischer, gerechter, transparenter – geworden, wie Internet-Aficionados einst gehofft hatten. Infektiöse Wut bis hin zum Hass, für die schon die klassischen Medien anfällig waren, verbreitet sich dank neuer Medien noch ungehinderter. Wenn die Welt heute spinnt – und mit Blick auf Herren wie Erdogan, Putin, Orban, Kaczyński, Trump, auf Organisationen wie den IS, auf die kriminelle Energie in manchen Chefetagen kommt man nicht umhin, pathologische Züge, narzisstische Persönlichkeitsstörungen auszumachen –, wenn die Welt also spinnt, hat das auch mit den medialen Strukturen zu tun. Am besten nutzten können diese die Narzissten. Charismatiker, Über-Überzeugte, vor sich selbst in Ehrfurcht Erstarrte haben medial die grösste Durchschlagskraft, entwickeln den grössten medialen Charme.

Dem setzen wir wenig entgegen. Was hilft, ist vielleicht das Beharren auf dem, was richtig ist: auf der «goldenen Regel» (was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu), den Menschenrechten, dem Anstand. Medienleute sind nicht mehr Gatekeeper. Aber sie sind vielleicht bald als einzige noch in der Lage, öffentliche Debatten konstruktiv zu führen, wofür der «Club» nicht selten ein Beispiel bietet. Und möglicherweise sind wir bald die letzten Verteidiger des Privaten. Dies sichert vielleicht in Zukunft unsere Existenzberechtigung.

Hanspeter Spörri ist freier Moderator und Journalist in Teufen (Appenzell Ausserrhoden). Er arbeitete ab 1976 als Lokal-, Kultur- und Auslandredaktor verschiedener Zeitungen und eines Lokalradios. Von 2001 bis 2006 war er Chefredaktor des «Bund».

von Hanspeter Spörri | Kategorie: Mediensatz

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