Die Lucky Lukes der Medienkritik

Die Medienkritik war in diesem Fall schneller als die Medien selbst. Noch bevor überhaupt eine Zeile zum endlich gefassten Täter von Rupperswil gedruckt war, tippte ein Journalistikprofessor seine Entrüstung über bevorstehende medienethische Sünden in die Twitter-Timeline.

Wetten wurden zwar keine veranstaltet. Darüber abstimmen, wer das Missetätermedium sein werde, konnte man dagegen schon:

Es kam dann nicht ganz so schlimm, wie es sich der Wächterrat auf Twitter schon fast genüsslich ausgemalt hatte. In journalistischen Beiträgen auf allen Kanälen blieb es maximal bei Vorname und Initial, und das Gesicht des Täters starrte einem entgegen, mal schamhaft verpixelt, mal nicht.

Auch das gehört zur vielbejammerten Digitalisierung: Die Medienkritik hält bei der Beschleunigung mit ihrem Objekt – dem beschleunigten Journalismus – locker mit. Es ist wie bei Lucky Luke, der schneller schiesst als sein Schatten. Diese Temposteigerung hat vor allem eine Folge: Die Urteile werden reflexartig oder schon im Voraus gefällt. Oft genug sind sie damit eben nicht mehr als Vorurteile. Man glaubt, als Medienkritiker kenne man die Mechanismen des Journalismus, genauer: des Boulevards, und richtet sich darauf ein. Genauer: Schiesst sich darauf ein.

Ein Vorurteil hat es dabei besonders leicht. Wer die medienkritischen Beiträge zum Fall Rupperswil durchgeht, erhält fast den Eindruck, in vielen Newsrooms würden moralisch minderwertige Wesen arbeiten, die von zwei Instinkten getrieben würden: niederem Voyeurismus und – womöglich noch schlimmer – Auflagen- oder Klickgeilheit im Dienste von Konzernumsätzen. Als wäre der Redaktionsalltag durch die Sorge um den eigenen Bonus (und dem des CEO) geprägt.

Dabei würde sich Nachdenken über die Medienreaktionen auf «Rupperswil» durchaus lohnen. Nachdenken darüber, was alles zu den Funktionen der Medien in der Gesellschaft gehört − und dass es nicht einfach nur die Gegensätze schwarz gegen weiss, Fakten gegen Gerüchte, Nachrichten gegen Voyeurismus gibt.

Es war kein Zufall, dass im SRF-«Medienclub» weder die Journalisten noch die Medienanwältin noch der Medienkritiker den bemerkenswertesten Beitrag lieferten, sondern ein Betroffener, der nah an den Ereignissen von Rupperswil dran war und in den Medienstrudel hineingezogen wurde. Er sagte: «Es ist wichtig und richtig, dass dieser Mensch auf der Titelseite kommt.» Nicht weil es darum gehe, den Täter an den Pranger zu stellen, präzisierte er, sondern weil ein öffentliches Interesse daran bestehe, von diesem Menschen mehr zu wissen. Und er sagte, dass er das zwar nicht von einer «NZZ» erwarte, aber: «Dass das der ‹Blick› bringt, da habe ich kein Problem.»

Mediensoziologen nennen das die soziale Orientierungsfunktion der Massenmedien. Diese sorgen auf mehreren Ebenen dafür, dass wir uns besser zurechtfinden, uns zurückfinden in eine Ordnung, die − im Fall Rupperswil – durch ein scheinbar unbegreifliches Verbrechen aus den Fugen geriet.

Es ist ein medienkritischer Grundlagenirrtum, zu meinen, solche Ereignisse liessen sich allein durch Fakten, intellektuelle Einordnung und den wohlabgewogenen Kommentar gesellschaftlich bewältigen. Dass der Fall durch die Strafverfolger aufgeklärt und dass wahrheitsgetreu und objektiv auf allen Kanälen darüber berichtet wird, ist das eine. Dazu wird auch gehören, dass ein Gericht den Täter seiner gerechten Strafe zuführt. Das andere ist, dass solche Taten eine zusätzliche Dimension haben, der mit rein sachlicher Berichterstattung allein nicht beizukommen ist.

Der Fall Rupperswil, wo der Mörder 500 Meter von seinen Opfern entfernt wohnte und nach der Tat ausgesprochen normal weiterlebte, ist ein klassisches Beispiel dafür, dass das Böse nicht oder nicht unbedingt im dunklen Wald oder in der Unterführung lauert, sondern sich mitten unter uns eingenistet hat. Bemerkenswert viele Verbrechen, von Tschanun über Kampusch und Fritzl bis zum 12-jährigen Paul zeigen dieses Muster. Nicht die Banalität des Bösen erschreckt, sondern seine totale Normalität. Alle können wir zu Opfern werden, manche werden sogar zu Tätern, und niemand weiss, ob der Mann nebenan oder der Sitznachbar im Tram ein Mörder ist.

Zugegeben, die Wahrscheinlichkeit ist gering, aber die Möglichkeit ist doch da, immer. Und damit lässt sich vernünftig kaum leben. Gesellschaften aller Zeiten haben sich Moritaten- und Märcherzählern bedient, haben Gerüchte und Klatsch produziert, um mit dem Bösen aus ihrer eigenen Mitte umgehen zu lernen. Hier erhält das oder der Böse einen Namen (oder einen Vornamen und einen Initial), sein Gesicht wird gezeigt, seine Lebensumstände durchleuchtet. Sein Werdegang wird auf Anzeichen abgeklopft, die im Nachhinein die Taten scheinbar erklärbar machen.

Natürlich kann man dem Voyeurismus sagen. Eines aufgeklärten Journalismus unwürdig, reine Sensationshascherei, irrational. Aber wie alle allzumenschnlichen Regungen stellt der Voyeurismus auch einen gesellschaftlichen Wert dar – wie der Neid, die Neugier, die Eifersucht oder der Narzissmus. Und damit hat der Boulevardjournalismus seine klar definierte Funktion. Ziemlich genau so, wie es im «Medienclub» nicht eine Fachperson ausdrückte, sondern ein Betroffener und Medienkonsument.

Den medienkritischen Schnellschützen ist das einerlei. Sie legen ein simples Denkschema über die Berichterstattung und ziehen mit dem ethischen Massstab die Grenze zwischen zugelassener sachlicher und verbotener emotionaler Berichterstattung. Sie sind damit ziemlich genau das, was sie gerade dem Boulevard vorwerfen: schreckliche Vereinfacher.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

2 Bemerkungen zu «Die Lucky Lukes der Medienkritik»

  1. „… und trifft dabei immer ins Schwarze“

    Edgar Schuler beschreibt die gesellschaftliche Funktion des Journalismus richtig: Wenn das Böse einen irritierend „normalen“ Hintergrund hat, so soll diese unerträgliche Irritation vom Journalismus thematisiert und ergründet werden (Einführung in die Journalistik; Proseminar 2). Im Fall Rupperswil gehört dazu selbstverständlich auch das Ausrecherchieren des Milieus des Täters. Dies hilft dem Einordnen und macht möglicherweise im Nachhinein die schreckliche Tat erklärbar.

    Aber – und das ist der Punkt, auf den Lucky Luke in seiner prophylaktischen Medienkritik gezielt hat – das geht für den verantwortungsvollen Journalismus auch ohen Nennung des Vollnamens oder ohne Veröffentlichung der genauen Adresse. Ohne unnötige Flurschäden bei den Angehörigen also.

    „Pars pro toto“ mag zwar ein reizviolles rhetorisches Prinzip sein, seine Anwendung ist hier aber unfair, weil sich Lucky Luke an manchen Stellen auch reflektiert mit den Dalton Brothers beschäftigt hat (z.B. hier: http://bit.ly/292hXqq).

    Immerhin hat der prophylaktische Schuss manchen Journalisten ins Grübeln gebracht; manche auch, die am liebsten losgeballert hätten, dann aber doch die Verantwortungsethik zum Maßstab nahmen (z.B. hier: https://twitter.com/thomas_ley/status/731198597333692416).

    Und schliesslich – wo wir gerade bei journalistischen Tugenden sind: Wir sollten die tolle Figur als Ganzes nehmen: Er zielt zwar schneller als sein Schatten, aber er trifft eben auch ins Schwarze :-)

  2. Pingback: Jonet Das Journalistennetz. Seit 1994. » Medienlog vom 29.6.2016

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