Die Journalistenmutter

Als Journalist erlebt man immer wieder Zeitgenossen, die ein einziges Ziel haben: in die Medien zu kommen. Manche zahlen dafür saftige Honorare an PR-Agenturen, manche beschenken Medienleute überreichlich, manche hecken etwas Spektakuläres aus, manche machen sich lächerlich. Wer es ganz geschickt oder ganz tollpatschig anstellt, hat häufig Erfolg. Medienaufmerksamkeit lässt sich steuern.

Nichts dergleichen tat Marlies Schoch, die am letzten Samstag im Alter von 75 Jahren verstorbene Wirtin der «Hundwiler Höhe». Sie führte eine Beiz und scherte sich wenig darum, was die Leute sagen. Sie behandelte alle gleich. Und sie hörte zu – auch uns Journalisten. Sie bedauerte uns ein wenig. Sie wusste, unter welchem Druck wir stehen. Mir ihr konnten wir – wie Büezer und Bäuerinnen, Intellektuelle und Unternehmerinnen, Künstlerinnen und Politiker – ganz normal reden. Manchmal gab sie den Rat, gelassen zu bleiben, es komme schon gut. Ihr glaubte ich das. Und es kam gut. Schlussendlich. Und trotz allem.

Mit den Jahren wurde die «Hundwiler Höhe» zur Energietankstelle für desillusionierte Medienleute, erschöpfte Manager, ausgebrannte Professorinnen, stellenlose Jugendliche, für Flüchtlinge jeder Art. Viele fanden auf dem 1309 Meter hohen Nagelfluh-Hügel im Appenzellerland neue Lebenslust.

Und Marlies Schoch wurde dadurch – ohne eigenes Zutun sozusagen – prominent.

Denn manch ein Journalist, manch eine Journalistin schrieb nach der Wanderung zum abgelegenen Gasthaus eine schöne Reportage oder manchmal sogar eine Hymne auf die «beste Wirtin der Schweiz» (Hannes Nussbaumer am 24.12.09 im «Tages-Anzeiger»). Das «Migros-Magazin» kürte sie 2010 zur «Frau der Woche», weil sie «seit 40 Jahren in ihrer Beiz auf der Hundwiler Höhe Bundesräte wie Asylsuchende, Wirtschaftsführer wie Ausbrecher bewirtet – ein letztes Reduit der Ideal-Schweiz.» Dabei habe Marlies Schoch einen Hang zu Zurückhaltung und Bescheidenheit.

Wenn wir Medienleute einmal jemandem begegnen, der nichts unternimmt, um unsere Aufmerksamkeit zu erregen, uns nicht für wichtiger hält als andere Erdenbürger, uns persönlich aber ernst nimmt, dann halten wir das für eine Sensation.

Marlies Schoch war konservativ, liberal, fortschrittlich, gläubig, skeptisch – alles zugleich. Lebensklug, hilfsbereit, mütterlich, notfalls auch einmal streng. Sie wertete niemanden ab, ermunterte einen, auf sein Herz zu hören und den Verstand zu gebrauchen.

Als sie bei Kurt Aeschbacher und Giacobbo/Müller auftrat, war sie so wie immer – ohne jede Selbstinszenierung. Thomas Widmer, der Wander-Kolumnist, der einst dank Marlies Schoch zum Journalismus fand, beschrieb sie einmal so:

«Über die Wirtin Marlies Schoch will ich hier gar nicht zu viel schreiben, sie (…) wirtet auf der Höi seit Jahrzehnten, hält die Gaststube 365 Tage im Jahr offen und hat für jeden ein offenes Ohr. Hat man eine Lebenskrise, geht man dort hinauf und zieht dann in der Regel erleichtert wieder hinab.»

Widmer hatte Marlies auch schon im Dezember 2006 interviewt, damals noch für die «Weltwoche».

Frage: «Sie sind bekannt als Wirtin, die ein offenes Ohr für Sorgen hat. Als Appenzeller Landesmutter.»
Antwort: «Für fast alle kleinen Wirtschaften im Appenzellerland gilt, dass sie den Therapeuten oder Psychologen ersetzen.»

So war sie: Sie stand im Mittelpunkt, weil sie sich nie selbst in den Mittelpunkt stellte.

«Noch ein Wunsch an euch Journalisten», fügte sie an: «Berichtet mehr über den Mittelstand und nicht immer nur über die 300 Reichsten im Land! Das gibt sonst eine Missstimmung. Wir sollten den Leuten, die ihr Geld einteilen müssen, Sorge tragen.»

Das Gespräch auf der Hundwiler Höhe war immer auch politisch – aber dank der Anwesenheit von Marlies Schoch nie einseitig. Sie wäre eine gute Journalistin gewesen. Alle hatten hier eine Stimme. Aber eben nur eine Stimme, nicht mehr. Die Wahrheit gehörte auf der Hundwiler Höhe niemandem, auch nicht Marlies Schoch.

P.S. Lesenswert: Nachruf von Thomas Widmer im «Tages-Anzeiger».
Sehenswert: «Service inbegriffe», Dokumentarfilm von Eric Bergkraut.

Hanspeter Spörri ist freier Moderator und Journalist in Teufen (Appenzell Ausserrhoden). Er arbeitete ab 1976 als Lokal-, Kultur- und Auslandredaktor verschiedener Zeitungen und eines Lokalradios. Von 2001 bis 2006 war er Chefredaktor des «Bund».

von Hanspeter Spörri | Kategorie: Mediensatz

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