«Es gilt die Unschuldsvermutung»

Von Balz Bruppacher

Was hat die Kritik am Schweizer Luftwaffenchef mit den «Panama Papers» zu tun? Von Beidem wissen wir dank Indiskretionen. Was die journalistische Aufbereitung ebenso schwierig macht wie die Rezeption durch das Publikum.

Die Leistungen des Journalisten-Netzwerks, das den riesigen Datenberg der panamaischen Anwaltskanzlei begehbar gemacht hat, sollen hier nicht kleingeredet werden. Als die mediale Lawine am vergangenen Sonntagabend losgetreten wurde, fühlte ich mich aber ziemlich überfordert. Eine Erfahrung, die ich aus der Berichterstattung über andere Datenlecks (Offshore-Leaks, Swiss-Leaks, Luxemburg-Leaks) kannte und die zwischen «Wow» und Kopfkratzen schwankte.

Die Menge und die Kadenz der Informationen, so scheint mir, hat bei den jüngsten Enthüllungen noch einmal zugenommen. Und zwar nicht nur bei den Medien, die an der international koordinierten Recherche beteiligt waren, sondern auch bei den Informationsorganen, die die Nachrichten weiterverbreiteten. Letzteres fiel hierzulande besonders bei der «Neuen Zürcher Zeitung» (NZZ) auf. Traditionell vorsichtig bei der Aufnahme von Primeurs anderer Medien, war die NZZ bereits am Sonntagabend mit einem längeren Eigenbericht online präsent, der anderntags auf der Frontseite platziert wurde. Seither wird in Print (auf Doppelseiten im Auslandteil) und Online (anfänglich als eine Art Live-Ticker) ausführlich über alle Facetten der «Panama Papers» berichtet.

Das mag mit dem deklarierten Ziel der NZZ-Chefredaktion zusammenhängen, im Online-Bereich aufs Tempo zu drücken. Oder/und mit dem Umstand, dass die «Panama Papers» Stoff für neue Kritik an Putin liefern. Der russische Präsident beziehungsweise die mutmasslich durch ihn veranlassten Finanztransaktionen In Milliardenhöhe über Briefkastenfirmen eines Freundes in Steuerparadiese waren auch für viele andere Medien im In- und Ausland ein zentrales Thema. Der Fokus der Berichterstattung westlicher Medien auf Putin macht es für den Kreml einfacher, seine Verschwörungstheorien zu verkaufen, und nährt den Verdacht, dass die Selektion der geleakten Dokumente einer versteckten Agenda folgen könnte. Darauf verweist zum Beispiel der frühere britische Diplomat Craig Murray in seinem Blog und wirft der BBC vor, die zentrale Rolle der Britischen Jungferninseln als Standort der dubiosen Briefkastenfirmen zu unterschlagen.

Die Frage, wem das Ganze nützt, wird auch in medienkritischen Beiträgen aufgeworfen (zum Beispiel hier und hier). Die Antwort wird durch den Umstand erschwert, dass das Medien-Netzwerk die geleakten Daten nicht öffentlich zugänglich macht und dass die Quelle geheim gehalten wird. Könnte es sein, dass der Datenberg am Schluss nur einige Mäuse gebärt? Immerhin gibt es mit dem zumindest vorübergehenden Aus für den isländischen Ministerpräsidenten bereits ein «erstes prominentes Opfer», mag man einwenden. Wobei «Opfer» insofern das falsche Wort ist, als der Demissionär in der Lesart des Medien-Netzwerks ein «Täter» war. Dass vermeintliche «Täter» im Nachhinein zu «Opfern» werden können, weiss man allerdings aus früheren Leaks, wie zum Beispiel im Falle von Gunter Sachs. Dennoch hat in den Boulevard-Medien bereits das Namedropping begonnen (zum Beispiel hier).

Eine andere journalistische Unsitte feiert ebenfalls fröhliche Urständ: Nach ausführlichen Berichten über die angeblichen Verfehlungen namentlich genannter Personen folgt der abschliessende Satz: «Es gilt die Unschuldsvermutung.» So zum Beispiel in der Spätausgabe der «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens vom 3. April. Das soll offenbar juristischen Klagen vorbeugen, kommt mir aber eher vor, als ob sich jemand aus der Verantwortung für die journalistische Auswahl stehlen will. Und tönt wie der Hinweis «ohne Gewähr» bei der Wiedergabe der Lottozahlen. Die «Tagesschau» war vom Journalisten-Netzwerk offensichtlich vorinformiert worden und konnte bereits gut zwei Stunden nach der weltweiten Veröffentlichung über die «Panama Papers» ein Interview mit dem federführenden Journalisten des Schweizer Partners «SonntagsZeitung» anbieten.

Schon jetzt lässt sich sagen, dass die mediale Inszenierung der «Panama Papers» bestens gelungen ist und den am Netzwerk beteiligten Medien hohe Aufmerksamkeits- und Weiterverbreitungsquoten bescherte. Offen bleibt der «Fallout» der Enthüllungen. Zu wünschen wäre, dass der Recherche- und Vermarktungsaufwand nicht im umgekehrten Verhältnis zu den Folgen steht. Und dass die problematischen Aspekte der Offshore-Finanzvehikel nicht gemäss der Zehn-Tage-Regel über die Halbwertszeit von Skandalen wieder von der medialen Agenda verschwinden. Vor allzu grossen Hoffnungen sei gewarnt. Wer zum Beispiel hat mitbekommen, dass sich der Nationalrat in der März-Session dieses Jahres mit zwei Motionen über die Steuerlücken bei Offshore-Gesellschaften befasste und diese hochkant bachab schickte?

Balz Bruppacher ist als freier Journalist tätig und war früher Chefredaktor des Schweizer Dienstes der Nachrichteagentur AP.

von Balz Bruppacher | Kategorie: Medienschau

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