Blocher und der Nationalbankpräsident

Seine spitze Nase schwebte schnuppernd über dem Château Mouton Rothschild 1988. Sie kräuselte sich skeptisch; dann nahm Peter Edel sehr, sehr vorsichtig einen Schluck in den Mund. Herr Otto, Kellner in der «Brasserie Bellevue» seit Menschengedenken, verzog keine Miene. Aber mit jeder Sekunde, die Edel ohne Urteil verstreichen liess, wurde Herr Otto innerlich nervöser.

Diese Wirtschaftsanwälte hatten so eine Art, gerade die teuersten Weine zurückzuweisen, wenn ihnen danach war. Und die Zeiten waren definitiv vorbei, als es sich das «Bellevue» leisten konnte, eine angebrochene Flasche Châteaux Mouton Rothschild 1988 nach Feierabend dem Personal als Begleiter zum übriggebliebenen Ossobuco auszuschenken.

Max Meier sah gleichgültig zu. Er wusste, dass Edel immer eine Show aus der Weinprobe machte. Meier hatte Zeit. Es waren die Feiertage am Jahreswechsel 2011/2012. Als Chefredaktor eines der grossen Schweizer Sonntagsblätter hatte er vorgesorgt: mit günstig eingekauften Reportagen aus warmen Weltgegenden, dem grossen Champagner-Test seines Weinjournalisten und dem Bundesratsranking, das sich mit etwas Phantasie als very hard news auf der Frontseite verkaufen liess. Nichts konnte schief gehen.

Schliesslich stellte Edel sein Glas auf den weissen Damast und kam zum Urteil: «Er ist schon etwas müde, im Abgang etwas rau, aber trinkbar», befand der Anwalt. Herr Otto atmete innerlich auf wie ein Walross, sein Gesicht aber blieb steinern, und er füllte beide Gläser exakt bis zur Stelle mit dem grössten Durchmesser.

Edel erhob sein Glas. «Zum Wohl, Max!», sagte er. Sie stiessen an, und höflich liess auch Meier den ersten Schluck gemächlich von links nach rechts und von rechts nach links durch die Mundhöhle schwappen, bevor er ihn die Kehle hinunterrinnen liess. Meier machte sich nichts aus Wein.

«Du wirst Dich gewundert haben», sagte der Anwalt, «warum ich Dich so plötzlich sehen wollte.» Das hatte Meier nicht. Er wusste, dass Edel ein Arbeitstier war und über die Feiertage lieber im Nebel hocken blieb, während sich seine Klienten in Klosters oder St. Moritz gegenseitig in ihre Ferienhäuser zu Hauspartys einluden. Aber auch Edel war eitel. Und Edel hatte vor einer Weile beiläufig erwähnt, dass eigentlich bald ein grösseres Porträt über ihn fällig wäre. Arbeitstitel: «Der Bestvernetzte».

Also nickte Meier ergeben und machte sein neugieriges Gesicht, das er sich als Schutzmaske in Hunderten solcher Mittagessen antrainiert hatte.

Edel blickte vorsichtig nach links und nach rechts, senkte seine Stimme, fixierte Meier mit seinen Kugelaugen und sagte: «Das Communiqué.» Der Chefredaktor verstand nicht. Er nickte vorsichtshalber eifrig und wollte das Schweigen für sich arbeiten lassen. «Das Communiqué!», wiederholte Edel etwas lauter und blickte sich wieder um.

Meier wurde durch Herrn Otto gerettet, der das Zürcher Geschnetzelte brachte. Im «Bellevue» wurde es immer aus der Pfanne serviert. Herr Otto hob es umständlich auf die bereitgestellten, glühendheissen Teller und schöpfte von der leicht angebrannten Rösti dazu. Meier wusste: Wirtschaftsanwälte und andere Top-Shots frequentierten das «Bellevue» nicht, weil es gut war, sondern so abartig teuer, dass man unter sich blieb.

Meier nahm eine erste Gabel voll, dann kapitulierte er. «Das Communiqué?» «Ja doch, das Communiqué», rief Edel aufgeregt, senkte aber sofort wieder seine Stimme, «das Dementi, dass nichts dran sei an den Vorwürfen.»

Jetzt verstand Meier. Die Nationalbank hatte an Heiligabend − an Heiligabend! − eine Pressemitteilung verschickt, über die die paar Journalisten, die durch drakonische Dienstpläne zum Ausharren in den Redaktionen verdammt waren, seither mit mässigem Eifer rätselten.

Meier hatte seinen Volontär darauf angesetzt. Der Mann hatte einen Bachelor in Datenjournalismus, spezialisiert auf C, C++ und R. Meiers Verlagsleiter war beim Einstellungsgespräch darüber begeistert gewesen, Meier weniger.

«Und?», fragte der Chefredaktor während er im Geist an seinem Kommentar für das Bundesratsranking weiterfeilte. Edel legte sein Besteck auf die Tellerkante und machte ein Gesicht wie Brutus beim ersten Treffen mit den anderen Casär-Mördern. «Ich weiss, wer hinter den Vorwürfen steckt.»

«Ok?», sagte Meier gedehnt.

«Blocher», rief Edel. Am Nebentisch drehte eine ältere Dame ihnen irritiert den Kopf zu. Meiers Gabel blieb einen Zentimeter vor seinem Mund stehen. Rahmsauce tropfte auf die Krawatte.

«Blocher? Warum Blocher?», fragte er, bevor er ebenfalls das Besteck auf den Teller legte und mit der Serviette den Rahm von der Seide tupfte.

Edel erklärte Meier alles. Blocher habe den Nationalbankpräsidenten beim Bundesrat angeschwärzt, die Nationalbank habe alles überprüft, nichts gefunden, alles sei ein dreckiges Spiel des SVP-Nationalrats. Und für den Nationalbankpräsidenten, da lege er, Edel, die Hand ins Feuer. Und nein, er erzähle das nur als besorgter Bürger, der zufällig den Nationalbankpräsidenten kenne und genug habe von Blochers Machenschaften.

Zurück in der Redaktion kippte Meier kurzerhand das Bundesratsranking aus dem Blatt, schrieb eigenhändig Frontaufmacher, Hauptartikel und einen Kommentar. Einen gesalzenen Kommentar. Was er nicht wusste: Edel war schon am Tag zuvor mit Koller, dem Chef des zweiten grossen Sonntagsblatts, am selben Ort gewesen, hatte den selben Wein getrunken und die selbe Geschichte erzählt. Koller und Meier arbeiteten quasi parallel, ohne voneinander zu wissen.

Was die beiden ebenfalls nicht wussten − damals nicht wissen konnten: Mit ihrer Schlagzeile, Blocher stecke hinter den Vorwürfen, setzten sie die Affäre erst richtig in Gang. Der Name Blocher weckte die Nation auf. Der Nationalbankpräsident begann sich in Widersprüchen zu verheddern. Seine Gegenspieler spielten der Konkurrenz der beiden Sonntagsblätter Dokumente zu, und dem Nationalbankpräsidenten blieb schliesslich nichts anderes übrig, als zurückzutreten.

Das Porträt, das sich Peter Edel gewünscht hatte, ist bisher nicht erschienen.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

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