Selbst ernannt

Hin und wieder schreibe ich medienkritische Kolumnen. Deshalb fühle ich mich mitgemeint, wenn jemand über die «selbst ernannten Qualitätswächter und angeblichen Medienexperten» herzieht.

Güte oder Defizite des heutigen Journalismus seien für diese ein populäres Betätigungsfeld, las ich kürzlich in der neu abonnierten 12-App. Diese ist übrigens eine gute Sache: Für sechs Franken im Monat kann ich täglich 12 ausgewählte Artikel aus Tamedia-Produkten abrufen, beispielsweise Texte von Constantin Seibt oder Jean-Martin Büttner, die ich vielleicht verpassen würde, weil ich den «Tagi» nicht täglich zur Hand nehme. In der App lese ich im Zug oder beim Warten, immer dann, wenn ich sonst vielleicht meditierend auf die Geleise oder zum Fenster hinaus starren würde. Fast fehlt mir heute diese Leerzeit, weil die App immer lohnenden und verführerischen Lesestoff bietet.

Aber mein Thema ist ein anderes: Was haben Konzernjournalisten eigentlich gegen Qualitätswächter. Der medienkritische Diskurs lasse gerade das vermissen, was er zu fördern vorgebe, schreibt Michael Marti, Mitglied der Chefredaktion des «Tages-Anzeigers» und Leiter Digital: Qualität.

«Wirklich befremdend indessen ist der Umstand, dass in dieser Frage die Leser kaum eine Rolle spielen», fährt Marti fort: «Ihr Urteil ist nicht gefragt – und tun sie dieses in Form von Klicks oder Abo-Käufen kund, gilt nicht selten: Was beim Publikum populär ist, das kann journalistisch nicht wertvoll sein.»

Das nun ist ein Klischee. So einfältig stellt man sich höchstens in einer Chefredaktion die Medienkritiker vor.

Die 12-App will ich hier nicht kritisieren. Sie findet ihr Publikum. Und sie macht laut Michael Marti sichtbar, was ihre Leser wollen: «Lange Texte, relevante Themen, kaum Unterhaltung». Das bestätigt zu erhalten erfreut mein Journalistenherz. Aber es ist keine Überraschung. Das Bedürfnis nach Relevanz ist so alt wie die Menschheit.

Zweifellos gibt es im «Tages-Anzeiger» und in der «Berner Zeitung», im «Bund», in «Schweizer Familie», «Annabelle» und weiteren Tamedia-Publikationen immer wieder lesenswerte relevante Texte.

Auf der 12-App wird man am Ende des Artikel gefragt, ob man das Gelesene für lesenswert halte. Aus Respekt vor der journalistischen Leistung sage ich häufig ja.

Was fällt durch? Laut Marti finden sich unter den zehn schlechtesttaxierten Beiträgen Artikel wie «Ein Hoch auf hässliche Pullis», «20 Tricks, wie Sie schön bleiben», aber auch eine Polemik gegen die Politikerin Jolanda Spiess-Hegglin. Vom Publikum nicht geschätzt werde ein aggressiver, polemischer Ton.

Auch das ist nichts Neues: Wer als Journalist immer wieder direkt mit dem Publikum in Kontakt kommt, weiss: Leserinnen und Leser wünschen sich in ihrer Mehrheit einen kritischen, aber keinen Fertigmacher-Journalismus. Lifestyle-Themen interessieren wenig. Das Publikum ist deshalb nicht der schlechteste Qualitätswächter.

Wer lange genug in der Branche tätig war, weiss aber um die Risiken des Mediengeschäfts. Denkfaulheit, Zynismus, Verführbarkeit durch Macht und Mächtige, fehlende Distanz zu staatlichen und wirtschaftlichen Entscheidern kommen in den besten Häusern vor. Nicht immer arbeiten Redaktionen nur nach journalistischen Kriterien; nicht immer halten Verlage die redaktionelle Unabhängigkeit hoch. Es herrscht vielerorts ein wenig transparentes Gerangel um Einfluss auf den redaktionellen politischen Kurs. Und manche Blätter sind inzwischen derart umgepolt, dass sie im Dienste einer populären Partei stehen, einer eigenen Agenda folgen.

Ein Lied von Bob Dylan aus seiner «christlichen Phase» enthält den Refrain:

«But you’re gonna have to serve somebody, yes
Indeed you’re gonna have to serve somebody
Well, it may be the devil or it may be the Lord
But you’re gonna have to serve somebody»

Ich interpretiere: Man kann ein noch so bedeutender Journalist sein – immer steht man im Dienste einer Sache, von der man nicht einmal sicher weiss, ob sie eine gute oder eine schlechte ist. Gegenwärtig zum Beispiel verrichten wir Medienleute wieder einmal das Geschäft der Terroristen. Wir können gar nicht anders. Wir müssen berichten und uns kommentierend empören über den Terror, der seine Fratze zeigt, über das gezielt wahllose Töten. Das ist die Aufgabe, die uns die Terroristen zugedacht haben. So verbreiten sich Angst und Schrecken, spaltet sich die Gesellschaft.

Der Terrorismus rechnet mit den Medien.

Der medienkritische Diskurs sollte deshalb vor allem ein selbstkritischer Diskurs sein, ein Diskurs auch über die Sprache und ihre manipulative Kraft. Der «Tages-Anzeiger» bietet dafür erstaunlich wenig Platz. Der Verweis auf die viel aussagekräftigeren Klickzahlen der 12-App ist dafür eine etwas hilflose Entschuldigung.

Hanspeter Spörri ist freier Moderator und Journalist in Teufen (Appenzell Ausserrhoden). Er arbeitete ab 1976 als Lokal-, Kultur- und Auslandredaktor verschiedener Zeitungen und eines Lokalradios. Von 2001 bis 2006 war er Chefredaktor des «Bund».

von Hanspeter Spörri | Kategorie: Mediensatz

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