Im Dienst der Verdunkelung (Teil 2)

Von allen Wortmeldungen, die ich in jüngster Zeit publiziert habe, hallt die Medienkolumne in der «Schweiz am Sonntag» vom 17. Mai 2015 am längsten nach. «Im Dienst der Verdunkelung» lautete ihr Titel (online nicht mehr verfügbar), und darin stand geschrieben:

«Journalisten, die zum intransparenten Gemauschel der Public-Affairs-Agenten im Bundeshaus recherchieren, begegnen reihenweise früheren Kollegen oder ehemaligen Chefs. Der Journalismus ist zum Trainingslager geworden für eine spätere, viel lukrativere Aufgabe: Lobbyismus.»

Bis heute werde ich mindestens einmal pro Woche auf diese Kolumne und die darauffolgende Debatte (z.B. hier, hier und hier) angesprochen. Verleger und Verlags-CEOs gratulieren mir, Kolleginnen und Kollegen beglückwünschen mich bei Branchentreffen oder abends am Tresen. Und ebenfalls bis heute erreichen mich dazu Briefe und E-Mails von gewöhnlichen Bürgerinnen und Bürgern.

Das Thema bewegt. Und bewegt sich doch nicht.

Die Branche feiert die Kolumne, weil ich darin einige Namen von Seitenwechslern aufgezählt und diese als «Verräter» bezeichnet habe. Die Branche gratuliert mir für den Mut, konkrete Namen genannt zu haben, die ohnehin alle kennen. Alle geben mir recht und alle sind sich einig, was die Gründe für die Seitenwechsel sind, für die Übermacht von PR- und Lobbying: die teilweise krass journalismusfeindlichen Arbeitsbedingungen in der Branche, die miserable Honorierung journalistischer Arbeit – besonders für Einsteigerinnen und Einsteiger, aber auch für freie Medienschaffende –, die fehlenden Perspektiven. Aber niemand ändert etwas daran.

Die Bürger schreiben mir Briefe, weil sie sich von der Politik nicht mehr vertreten fühlen und dem Journalismus nicht mehr vertrauen. Die Namen sind ihnen egal, ihnen geht’s ums System, das sie so wahrnehmen: eine Kungelei aus Politik und Medien, die wirtschaftlichen Interessen von potenten Lobbys dient. Eine Verquickung von Journalismus, PR, Lobbying und Werbung, die alles ist, nur nicht aufrichtig und ehrlich. Und alle machen mit und niemand ändert etwas daran.

In der «Schweiz am Sonntag»-Kolumne stand weiter geschrieben:

«Wer die Durchseuchung der Politik mit gekauften Interessen kritisiert, muss auch die Ex-Journalisten kritisieren, die nicht mehr im Dienst der Aufklärung für Transparenz in Politik und Wirtschaft sorgen, sondern ihre journalistischen Netzwerke im Dienst der Verdunkelung feilbieten – oft gegen die Interessen der Öffentlichkeit, viel zu oft zusammen mit Journalisten, die sich von ihnen steuern lassen.»

Das dieser Tage von der «Basler Zeitung» veröffentlichte vertrauliche Drehbuch (PDF) der Lobbying-Agentur Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten zur Verstaatlichung der Atom- und Wasserkraft des Energiekonzerns Alpiq, das Journalistinnen und Journalisten in die Strategie einbindet wie Marionettenfiguren («Public Affairs ist ein wichtiges Element zur Erreichung des Business-Plans», steht im Papier), zeigt einmal mehr die Abgründe der Lobbying-Industrie, die eben erst noch im Sumpf der «Kasachstan-Affäre» um die amtierende Nationalratspräsidentin steckte und sich mit undurchsichtigen Transparenz-Manövern leidlich um gute PR in eigener Sache bemüht.

Als «seltener Einblick in die Arbeitsweise der Postdemokratie» wird das geleakte Alpiq-Papier von Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten zutreffend bezeichnet. Betreffend Medien steht darin u.a.:

«Wir brauchen bei den Leitmedien Supporter, die a) Politiker als Helden ins Zentrum stellen und b) die Branche thematisieren und nicht zuvorderst die Unternehmen.»

Sowohl Leitmedien wie Supporter dürfte Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten erfahrungsgemäss problemlos finden, von den Helden gar nicht zu reden – davon gibt’s im Bundeshaus 246 an der Zahl, viele davon ohne Skrupel.

Wie leicht sich doch Politikerinnen und Politiker instrumentalisieren lassen! Diesen Vorwurf erheben die Medien spätestens seit der «Kasachstan-Affäre» gegen Christa Markwalder und ihre Parlamentskollegen – zurecht. Ein Vorwurf, mit dem sich die Medien allerdings auch selber eindecken könnten.

«Es brauchte die Kasachstanaffäre, damit der Ständerat jetzt eingesehen hat, dass die Öffentlichkeit die Machenschaften gewisser Lobbyisten und Politiker womöglich nicht ganz so normal findet wie die Lobbyisten und Politiker selber»,

schrieb der «Tages-Anzeiger».

Und was ist mit den Journalistinnen und Journalisten? Die Medienbranche muss sich nicht erst seit der «Kasachstan-Affäre» und der Alpiq-Offenbarung dringend überlegen, was sie der PR- und Lobbying-Übermacht und der Instrumentalisierung entgegensetzen kann.

Native Advertising?

Ein Anfang könnte sein, die kurzfristig womöglich geschäftsfördernden, mittel- und langfristig jedoch geschäftsschädigenden Kungeleien von Medienmanagern aufzuklären und zu beenden. Wenn Ringier-CEO Marc Walder offenbar – wie nicht zuerst hier, aber hier erstmals verbürgt – vorgeworfen wird, unliebsame Artikel, die seine Pläne und Geschäfte stören, per SMS von der «Blick»-Website löschen zu lassen, und er dann dazu bei Twitter auch noch beharrlich schweigt, dann ist er Teil des Problems, über das wir hier reden. Das Gleiche gilt übrigens auch für Chefredaktoren, die meinen, ihre Milizpflichten mit Konsultationen des Geheimdienstes wahrnehmen zu müssen.

Öffentliche Meinung lässt sich kaufen, Glaubwürdigkeit nicht.

Christof Moser ist Bundeshauskorrespondent und Medienkritiker der Zeitung «Schweiz am Sonntag» sowie Redaktionsleitungsmitglied der unabhängigen Informationsplattform «Infosperber».

von Christof Moser | Kategorie: Mediensatz

3 Bemerkungen zu «Im Dienst der Verdunkelung (Teil 2)»

  1. Pingback: Kasachstan-Affäre: Füürio An Der Spitze Des Eisbergs

  2. Fred David:

    Kann man nur zustimmen. Glaubwürdigkeit ist ein soft factor, der sich nicht in CHF beziffern lässt, weswegen man mit der Forderung nach Glaubwürdigkeit meist auf sanftes Lächeln stösst. Und allseits auf unverbindliche Zustimmung. Dabei kostet Glaubwürdigkeit richtig Geld. Irgendwann bringt sie auch welches. Ist sie mal weg, kann man sie nicht mehr zurück kaufen. Es ist zäh, in oberen Medienetagen darüber zu diskutieren. Das unbequeme, weil nicht in Zahlen zu fassende Thema wird gern weggelächelt. Soft factors sind was für Softies…

  3. Fred David:

    …übrigens fiel mir in dem von @Christoph Moser erwähnten vertraulichen Papier der PR- und Lobbying-Agentur Hirzel.Nef.Schmid zur Bearbeitung der Oeffentlichkeit in Sachen Strommarkt ein Begriff besonders auf: „Problembewirtschaftung“. Und in diesem Zusammenhang der schöne Satz: „Zunehmende Entlassungen in Unternehmen begünstigen die Diskussion über eine Rettung der Kernenergie durch den Staat.

    Auf Deutsch: Man muss Probleme verstärken, bis zur Hysterie, eben: „bewirtschaften“, sie hoch schreiben (lassen). Das begünstigt das Umfeld, um die gewünschte politische Entscheidung herbeizuführen.

    Langsam entdecken auch Medienkonsumenten diese Mechanismen.

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