Zeitreise

Fast ein halbes Kilo wiegt sie, die Jubiläumsausgabe, mit der die «Zeit» letzte Woche ihren 70. Geburtstag gefeiert hat. Man blättert gern in den 78 Seiten, bleibt hängen und liest. Auch wenn man kein Fan der Wochenzeitung ist, die gemacht wird von «Cordhosenträgern, die permanent Paradigmenwechsel sagen und schreiben».

Ja, auch das steht so in der Jubiläumsausgabe, Selbstironie ist den Kolleginnen und Kollegen von der «Zeit» nicht fremd. Man findet in ihrem Rückblick kaum Schönfärberei, manch Selbstkritisches, viel Kurzweiliges («Unsere besten Fehlprognosen») und Einblicke in die Sittengeschichte. Als Iris Radisch 1990 Feuilleton-Redaktorin wurde, gab es in der Redaktion kaum Computer und noch weniger Frauen – was ihr billets doux der manchmal merkwürdigen Art bescherte: «Leider bin ich schon zu alt, um mit Ihnen zu schlafen.»

Nach mindestens zehn Jahren Medienkrise, Sparprogrammen und Entlassungen tut es gut, eine Zeitung in den Händen zu halten, die selbstbewusst nicht nur zurückblickt auf ihre Geschichte, sondern auch nach vorn. Dabei stand ja auch die «Zeit» am Abgrund, als Holtzbrinck sie 1996 für umgerechnet 70 Millionen Euro dem Gründer Gerd Bucerius abkaufte; die meisten gaben der Wochenzeitung keine Chance. «Hatten wir vordem das Gefühl gehabt, nichts falsch machen zu können», erinnert sich der ehemalige Feuilletonchef Ulrich Greiner, «schien es nun, als könnten wir nichts mehr richtig machen.»

Wahrscheinlich war es ihr Glück, dass die «Zeit» ihre grosse Krise erlebte, bevor die Internetrevolution die Medien durchschüttelte. Man war gezwungen, die gedruckte Zeitung attraktiver zu machen, bevor die Konkurrenz der Online-Medien die Print-Auflagen schrumpfen liess. Die «Zeit» wurde aktueller, weniger belehrend, zugänglicher geschrieben. Heute ist die gedruckte Auflage mit 505’800 Exemplaren so hoch wie noch nie. Das mag seinen Preis gehabt haben: «Früher ging es darum, was die Leser wissen sollten», wird ein Redaktor zitiert, «heute fragt man, was sie lesen wollen.» Der Erfolg scheint mir diesen Preis wert.

Wenn heutzutage zwei Journalisten aufeinandertreffen, dauert es keine drei Sekunden, bis sie über die Krise in ihrer Branche lamentieren. Sie tun es zurecht. Aber gerade darum hören wir es gern, wenn ein Verleger wie Dieter von Holtzbrinck gelassen in die Zukunft blickt: «Wie weit sich die Print-Auflagen der Zeitungen in Deutschland noch nach unten entwickeln oder ob Zeitungen vielleicht eine Renaissance erleben werden, weiss niemand. Doch Print wird es weiterhin geben.»

Das sind doch wieder einmal «good news», oder?

Daniel Weber ist Chefredaktor des «NZZ-Folio».

von Daniel Weber | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Zeitreise»

  1. Balz Bruppacher:

    Ja, schon. Allerdings scheint mir, dass die Branche Gefahr läuft, allzu sehr nach dem Helmut-Thoma-Bonmot zu funktionieren, wonach der Köder dem Fisch und nicht dem Angler schmecken soll. Vielleicht täte es gut, sich manchmal auch ein wenig an William Shawn zu erinnern. Vom langjährigen Redaktor des „New Yorker“ ist folgendes Zitat überliefert:

    „Wir publizieren nicht für die Leser. Wir denken nie ‚Wird das irgend jemandem gefallen oder wird das von wenigen oder von vielen Leuten gelesen?‘ Wir versuchen, das zu drucken, was uns selber interessiert, worüber wir etwas lernen wollen, was wir amüsant finden. Ich weiss nicht, wer unsere Leser sind und will es auch nicht wissen. Wir denken, wir erweisen den Lesern den grössten Respekt, wenn wir nicht versuchen, zwischen ihnen und uns zu unterscheiden.“

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