Nichts als die Wahrheit

Der Bequemlichkeit halber feierte der Schweizerische Zentralverband Medienqualität (SZVMQ) sein zehnjähriges Bestehen gleich in der Altersresidenz Rotondo, wo ohnehin die meisten Vorstands- und Ehrenmitglieder ihren Lebensabend verbrachten: der Präsident, ein Alt-Grossrat, der vergnügt an seiner Tabakpfeife saugte, mehrere emeritierte Professoren mit durchschnittlich je drei Ehrendoktortiteln, einstige Chefredaktoren grosser Blätter, dazu ein PR-Mann, der jünger und bedeutender wirkte, als er war, und während der Feier mehrmals mit dem Handy am Ohr aus dem Saal stürmte, sodass die Burgunderkelche auf den festlich gedeckten Tischen klirrten.

Zu feiern gab es viel. Vor zehn Jahren wurden alle Vereine, Stiftungen und Freundeszirkel, die sich der Medienqualität verschrieben hatten, mit der Eidgenössischen Medienkommission zum SZVMQ zwangsfusioniert. Es war die seinerzeitige Medienministerin gewesen, die auf den genialen Gedanken gekommen war, die Presseförderung mit den Qualitätsbestrebungen eng zu verzahnen. Der SZVMQ verteilte also nicht nur Qualitätsnoten, sondern auch Geld. Das und die schlimme Lage der Presse − Print war kein Geschäftsmodell mehr, Online würde es nie werden − führte dazu, dass der Zentralverband zum eigentlichen Schwergewicht in der Presselandschaft geworden war.

Der Bedeutung des Jubiläums entsprechend hielt Bundesrat Roger Köppel die Festansprache. Mit nur wenig Wehmut erinnerte er an seine einstigen Irrungen und Wirrungen als junger Chefredaktor eines qualitativ minderwertigen Wochenblattes. Der seit Amtsantritt etwas rundlich gewordene Magistrat lobte das neue System, das die wirtschaftlichen Probleme der Presse gelöst und einen ausgewogenen, ausführlichen und der staatsbürgerlichen Aufklärung verpflichteten Journalismus erst möglich gemacht habe. Das Ausland schaue mit Neid auf die neue Medienordnung in der Schweiz, erklärte Köppel am Schluss unter Applaus. Tatsächlich verlas daraufhin ein bemüht aufgekratzter einstiger Nachrichtensprecher mit gepflegtem Dreitagebart Grusstelegramme der Langzeitpräsidenten Vladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan und Donald Trump.

Im Festsaal des Altersheims lag die Sonderausgabe einer Zeitung auf. Darin schilderten Mitglieder des SZVMQ-Vorstands in ausführlichen Gastbeiträgen ihr Qualitätsmanagementsystem, das auf drei Säulen beruhe: erstens organisatorische Qualitätssicherung unter Rückgriff auf innerbetriebliche qualitätssichernde Ressourcen und Prozesse; zweitens Berichterstattungsqualität aufgrund der Kriterien Relevanz, Vielfalt, Aktualität und Professionalität und drittens Qualitätswahrnehmung, überprüft durch regelmässige Befragungen bei den Stakeholdern aus Exekutive, Legislative, Judikative, Public Relations, der übrigen Wirtschaft und ein paar Lesern. Im Leitartikel lobte der Chefredaktor des Blatts den SZVMQ für die allein auf wissenschaftlichen Grundlagen beruhende, politisch unabhängige Ausschüttung der Presseförderungsmillionen.

Die Zeitung mit der Extraausgabe zum Jubiläum heisst «Die Wahrheit». Sie ist die letzte verbliebene Tageszeitung in der Schweiz. Sie wird eigentlich nur in der Seniorenresidenz Rotondo gelesen. Überall sonst vergilben die gratis verteilten Exemplare in den Treppenhäusern, während die Menschen darüber hinwegsteigen, ohne den Blick von ihren Smartphones abzuwenden.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

3 Bemerkungen zu «Nichts als die Wahrheit»

  1. Ein guter Text, der leider mehr Wahrheiten in sich trägt, als wir alle wahrhaben möchten, denn wir sind auf dem besten Wege zu einem Zustand, der dem Beschriebenen nicht fern ist. Und ich kann nicht sagen, dass mir diese Aussichten gefallen.

  2. Sehr geehrter Herr Schuler

    Wir freuen uns über Ihr Interesse an unserer Studie über die Medienqualität Schweiz. Wie Sie richtig schreiben, liegt eines unserer Ziele darin, regelmässig Stakeholder von Medienorganisationen – zum Beispiel Expertinnen und Experten aus Politik, Wirtschaft und Kommunikation – darüber zu befragen, wie sie die Qualität der Medien wahrnehmen. Das Hauptziel liegt jedoch darin, die Einschätzungen der Schweizer Bevölkerung über die Medienqualität in Erfahrung zu bringen. Ich möchte freundlich darauf hinweisen, dass hierbei nicht nur ein „paar Leser“ befragt werden, sondern mehr als 1500 repräsentativ ausgewählte Personen aus der Deutsch- und Westschweiz. Diese werden zudem nicht nur über Printtitel befragt, sondern auch über Online-, Radio- und TV-Angebote. Für die Durchführung wurde das renommierte Marktforschungsinstitut GfK Schweiz beauftragt.

    Falls Sie Fragen, Anmerkungen oder Kritikpunkte haben, so können Sie sich gerne an uns wenden.

    Mit freundlichen Grüssen
    Diana Ingenhoff
    Professorin für Medien- und Kommunikationswissenschaft, Universität Fribourg, verantwortlich für das Modul 3 Qualitätswahrnehmung

    Link zu den FAQ auf unserer Homepage: http://www.medienqualitaet-schweiz.ch/index.php/faq/

  3. Pingback: Kellermanns Abgang | Medienspiegel.ch

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