Der Auftrag

«Wir müssen über das schreiben, was ist, nicht über das, was wir gerne hätten.»

Ein Satz wie ein Fels. Gesagt hat ihn der neue «Tages-Anzeiger»-Chef Arthur Rutishauser im Interview mit dem «Klein Report». Während ich ihn lese, packt mich ein leises Grauen. Das ganze Leben habe ich wohl damit verbracht, über das zu schreiben, was ich gerne hätte – denn nie konnte ich mit Sicherheit sagen, was ist.

Noch düsterer wird meine Stimmung, weil mich die Einsicht in die ewige Wiederkehr des Gleichen packt. Schon Bundesrat Christoph Blocher hatte einst so gesprochen. Zehn Jahre ist das jetzt her. Es war an der Verleihung des BZ-Lokaljournalistenpreises im Landesmuseum Zürich, bei der ich zugegen war. «Schreiben, was ist!» – so lautete der Titel des bundesrätlichen Referats. «Schreiben, was ist», das sei das Vermächtnis des «Spiegel»-Begründers Rudolf Augstein, sagte Blocher. Diesen zitierte er gleich mit einer weiteren Aussage: «Richtig informieren, heisst auch schon verändern!»

Das hatte ich auch einmal geglaubt, denn ich bin ja Spät-Achtundsechziger, war «Spiegel»-Leser und wollte die Welt zum Guten verändern, sah im Journalismus ein Mittel zum Zweck, glaubte an die positive Kraft der reinen Wahrheit. Und glaubte auch, dass es die reine Wahrheit gebe und man sie nur erkennen müsse.

Wir Journalisten gehörten einer wenig beneidenswerten Berufsgattung an, so wandte sich Blocher dann mit tröstendem Unterton direkt an unsere Zunft: «Sie sollen die Wirklichkeit beschreiben, auch wenn Ihnen diese Wirklichkeit bewusst oder unbewusst vorenthalten wird.»

Darin, so Blocher weiter, glichen wir den Exekutivpolitikern, die zuerst das Problem erkennen müssten, um sachgerecht handeln zu können. Der Mensch glaube allgemein jedoch, man müsse den Ist-Zustand nur so beschreiben, wie man ihn gerne hätte, dann sei alles gut (Frage: Wer glaubt das?): «Wird einem dann später dieses selbst fabrizierte Trugbild als Wirklichkeit in Zeitungen und Fernsehen vorgesetzt, nimmt man diese schmeichelnde Ersatzrealität natürlich gerne für bare Münze …».

Ein schönes Beispiel für Blochers Rhetorik: Er erhebt sein Publikum zu Mutigen, Wissenden und Eingeweihten; die Täuscher und die Getäuschten, die Mutlosen und Weichsinnigen sind die Anderen. «Schreiben, was ist», das ist der berühmte Auftrag, den auch Gefolgsmann Roger Köppel angenommen hat, der Titel, unter dem er das Programm der von ihm umgepolten «Weltwoche» formuliert.

Und nun also Arthur Rutishauser. Der Kreis der Was-ist-Schreiber weitet sich. Und langsam wird mir klar, wohin uns das Heldenepos führt: «Sagen, was ist! Schreiben, was ist! Die Wirklichkeit abbilden, kann (…) plötzlich sehr subversiv und gefährlich sein», sagte Blocher. Und weiter: «Journalist ist ein gefährlicher Beruf. Ich meine nicht dann, wenn auch Sie die Tatsachen verdrehen, sondern eher dort, wo sie die Fakten so darstellen, wie sie sind!»

Blochers Rede kam gut an, obwohl im Saal die Kader des angeblich linksliberalen Medienmainstreams anwesend waren. Immerhin sagte Blocher viel Wahres: «Auch Demokratien, selbst die unsrige, sind nicht gefeit vor Unterdrückungen. Am schlimmsten ist es dort, wo nur eine Meinung herrscht und keine andere zugelassen wird.»

Ein politisch Korrekter, ein naiv-bösartiger Gutmensch, wer den Verdacht hegt, wir bewegten uns auf die «Schreiben-was-ist-Diktatur» zu!

Hanspeter Spörri ist freier Moderator und Journalist in Teufen (Appenzell Ausserrhoden). Er arbeitete ab 1976 als Lokal-, Kultur- und Auslandredaktor verschiedener Zeitungen und eines Lokalradios. Von 2001 bis 2006 war er Chefredaktor des «Bund».

von Hanspeter Spörri | Kategorie: Mediensatz

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