Die Lügenpresse und die Presseförderung

In einem hochkarätig besetzten, allerdings privaten Kreis von Journalisten und Wissenschaftern konnte ich kürzlich wieder einmal das beobachten, was man als das Imhof-Trauma der Schweizer Medienlandschaft bezeichnen muss. Seit der unterdessen verstorbene Soziologie-Professor und seine Leute akribisch und periodisch den publizistischen Ausstoss vermessen und dabei zu einem zunehmend vernichtenden Urteil kommen, wehren sich Journalisten (zum Beispiel ich) und Verleger gegen diese düsteren Erkenntnisse.

Die Wissenschafter haben dafür, logischerweise, ihre Methoden und dicken Auswertungen zur Hand. Die andere Seite muss sich auf anekdotische Evidenz berufen. Das hört sich für unkonzentrierte Ohren an wie das Hickhack zwischen Beda Stadler und einem Impfgegner: Fakten versus dumpfe Glaubenssätze, glasklare Naturwissenschaft gegen Ideologie. Nur dass es sich beim «Jahrbuch Qualität der Medien» eben gerade nicht um Naturwissenschaft handelt. Imhofs Leute messen zwar genau, aber was genau sie messen, ist nicht so eindeutig.

Vermutlich stimmt der Befund, dass bei den klassischen Schweizer Medien der Ausstoss an Qualitätsjournalismus abnimmt. Aber unklar bleibt, ob deswegen tatsächlich eine Generation von Informations-Deprivierten heranwächst, die komplexe Fragestellungen nicht kompetent vermittelt erhalten und deshalb für Entscheidungen auf der demokratischen Bühne nicht die notwendige Reife entwickeln können.

Gegen diese (hier zugegebenermassen zugespitzt formulierte) These spricht, dass noch nie in der Menschheitsgeschichte so viele Menschen zu so viel Wissen so guten Zugang hatten: Es steckt bei den meisten in der Hosentasche, wo das Smartphone glimmt. Dagegen sprechen zudem Zahlen über die steigende Maturitätsrate und die immer zahlreicheren, auf dem zweiten oder dritten Bildungsweg erworbenen Abschlüsse. Zum gegenteiligen Schluss kommt auch, wer sich mit jungen Leuten unterhält, die sich das notwendige Rüstzeug für den Entscheid über eine Abstimmungsvorlage atemberaubend schnell aus dem Netz herunterladen. Aber das ist dann eben wieder nur anekdotische Evidenz.

Am Streit der beiden Lager hat sich seit dem ersten Erscheinen des «Jahrbuchs» wenig verändert. Ausser dass Imhofs steter Tropfen tatsächlich Wirkung zeigt.

Nunmehr hat nämlich die Eidgenössische Medienkommission dem «Jahrbuch»-Befund die behördliche Adelung verliehen. Der Bericht über die Medienförderung (PDF) liest sich in der Analyse des Ist-Zustands der Presse stellenweise wie das amtliche Protokoll eines Imhof-Vortrags – ohne seine legendären Lacher. Dazu kommt eine neue Dimension: Vorschläge, wie durch öffentliche finanzielle Unterstützung der privaten Medien Linderung und Besserung geschaffen werden kann.

Wenn man, schon halbwegs überzeugt, von der Lektüre des Berichts aufblickt und sich den unvermeidlichen News aus Köln zuwendet, gerät man allerdings ins Grübeln. Hätte ein Mediensystem mit mehr staatlicher Förderung – und sei sie noch so indirekt oder über Stiftungen vermittelt – tatsächlich anders, schneller, besser auf die Ereignisse der Silvesternacht reagiert? Und wäre der neu aufgewärmte Vorwurf «Lügenpresse!» so tatsächlich leichter aus der Welt zu schaffen?

Die besagte hochkarätige Runde war, meiner Einschätzung nach, mehrheitlich einigermassen erschüttert über den Glaubwürdigkeitsverlust der Medien, wie er gerade in Köln wieder offensichtlich geworden war. Das macht empfänglicher für staatliche Medienförderungsszenarien. Die Opposition gegen Staatsgelder für Verleger könnte dahinschmelzen. Das wäre dann das wahre Imhof-Trauma.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Die Lügenpresse und die Presseförderung»

  1. Es gilt zu bedenken, dass die Maturandenquote kein Gradmesser für Informiertheit und Wissen ist, dass gerade das via Handy theoretisch ständig zugängliche Wissen verhindert, dass man tatsächlich auch noch etwas weiss und dass zwar noch nie so viel Wissen verfügbar war – aber eben auch noch nie so viele ob der unübersichtlichen Informationsmenge schlicht überfordert waren. Zur anekdotischen Evidenz muss ergänzt werden, dass es auch gegenteilige Evidenz gibt – ebenso anekdotisch natürlich.
    Wahrscheinlich hätte ein weniger ökonomisch orientiertes Mediensystem dann schneller reagiert, wenn Redaktionen besser besetzt gewesen wären und so von den Ereignissen direkter und früher erfahren hätten. Zumindest liesse sich so jener Teil des Lügenpresse-Vorwurfs entschärfen, der über das hinausgeht, was im Rahmen der allgemeinen Verschwörungstheorien dazu gefaselt wird.

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