Panini-Bildchen-Demokratie

Ich will ja nicht übertreiben, aber die Medien ignorieren die wichtigste politische Weichenstellung der kommenden vier Jahre: als spielte es keine Rolle, ob die Schweiz eine bürgerlich dominierte Mitte-Rechts(aussen) oder eine bürgerlich dominierte Mitte-Links-Regierung erhält.

Seit der Rücktrittsankündigung von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf erweitert sich das Meinungsvakuum täglich. Die politische Mitte hat sich bis zur nächsten Bundesratswahl abgemeldet. Medial vorgesetzt wird uns dafür eine Politgroteske sondergleichen: eine endlose Gockelparade, die schon Wochen vor den Wahlen anrollte. Wie in einer Art Panini-Bildchen-Demokratie wird auf dem Schulhof nur noch verhandelt, welcher Kandidat der Einheitspartei den neu zu besetzenden Bundesratssitz erhalten soll.

Von wem die Schweiz künftig regiert werden soll, stand nur in einem ganz kurzen Zeitfenster zur Debatte. Der fast schon erdrückende mediale Konsens: Zwei SVP-Bundesräte müssen her. Die grösste Partei gehört eingebunden. Ende der Debatte! Jene Partei also, die offen und aggressiv Rechtsstaat («Durchsetzungsinitiative») und Menschenrechte («Selbstbestimmungsinitiative») in Frage stellt. Ein Vierteljahrhundert Politklamauk und Demokratiesabotage muss belohnt werden! Was unter Einbindungsnostalgikern gerne vergessen geht: Auch mit zwei SVP-Bundesräten sind rund 20 Prozent der Wählenden nicht in der Regierung vertreten. Fällt aber kaum jemandem auf. Ausser den 20 Prozent natürlich.

Die Konkordanzdemokratie (inkl. Zauberformel) liegt in den letzten Atemzügen. Was für eine Traumkonstellation für publizistische Überlegungen und Debatten! Stattdessen spielen Schweizer Zeitungen über die Bande: Eine regelrechte Diskursauslagerung findet statt. In der «NZZ» liefert die einzig ernsthafte Analyse dazu Historiker Thomas Maissen. Beim «Tages-Anzeiger» erklärt Sozialgeograf Michael Hermann (oder auch etwa Josef Lang) die defekte Demokratie, und für «Watson News» springt Cédric Wermuth in die Bresche.

Eine publizistische Bankrotterklärung. Heikle Themen nur noch an externe Kommentatoren auszulagern, ist doppelt suboptimal: einerseits weil es respektlos ist gegenüber dem intellektuellen Potenzial, das in (fast) jeder Redaktionsstube schlummert, andererseits schadet es dem aufrechten Gang. Sapere aude!

Nur eine einzige Zeitung bewahrt eigenständig und deutlich Haltung. Warum lediglich die «WoZ» auf die Idee kommt, auch nach den Wahlen ein Bekenntnis zu Rechtsstaat, Demokratie und Menschenrechten einzufordern, ist mir ehrlich gesagt ein gröberes Rätsel.

Ugugu hat seine angestammte Tätigkeit als Journischredder zunehmend auf Twitter verlagert.

von Ugugu | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Panini-Bildchen-Demokratie»

  1. Fred David:

    Fremdmeinenlassen ist eben risikofrei. Und das mit der „Panini-Bildchen-Demokratie“ ist copy right-würdig.

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