Überwürzt

Unter Vertretern der schreibenden Zunft, schreibt René Scheu, sei es verpönt, sich politisch zu outen. Das hat was. Es gilt auch für mich. Ich oute mich ungern, weil ich meistens gar nicht genau weiss, als was ich mich outen sollte. Als wertkonservativen, linksliberalen, anarcho-libertären Etatisten? Ich habe schon freisinnig, grün, sozialdemokratisch gewählt, lese gerne Churchill und halte Karl Marx für einen wichtigen Denker. Hodler, Anker, Giacometti sind für mich für grosse Künstler.

René Scheu ist der künftige Feuilleton-Chef der «NZZ», Nachfolger von Martin Meyer und – wie böse Zungen behaupten – Ersatz für Markus Somm. Scheu redigiert momentan noch den «Schweizer Monat», das intellektuellste Medium im rechten Spektrum. Er macht das ausgezeichnet. Der «Monat» bietet immer wieder anregende Lektüre, trotz ideologischem Brett vor dem Kopf. Scheu schreibt auch Kolumnen für die «NZZ am Sonntag». Das macht er, wie ich finde, weniger gut, weil er sich in diesen Texten konstant outet, weil er mir seine Meinungen unter die Nase reibt, obwohl ich diese bereits kenne, sie nicht teile und mich auch nicht erneut mit ihnen auseinandersetzen möchte.

René Scheu fragt in seiner Kolumne «Ohne Scheuklappen» (online nicht frei zugänglich) im Oktober-Heft des «Monat», ob sich hinter dem von politischen Bekenntnissen befreiten Journalismus nicht eine Art eigentlich milieufremder Obrigkeitshörigkeit verberge: «Nämlich die Sehnsucht nach einer Expertokratie, die sich der Politik annimmt, während man selbst das Privileg hat, sie gönnerhaft zu kommentieren, ohne sich die Finger zu verbrennen?»

Auch das hat was. Ich verbrenne mir nicht gerne die Finger, indem ich mir eine Meinung zulege, die ich eigentlich gar nicht oder nur vorübergehend und im Einzelfall habe. Meinungen sind wie Gewürze. Sie sind wichtig, weil ohne sie alles fad schmeckt. Aber sie sollten ein Gericht nicht dominieren, sondern dessen Eigengeschmack zur Geltung bringen. Künstliche Geschmacksverstärker – mit denen ich die modernen Schlagzeilen-Meinungen vergleiche – erregen bei mir Übelkeit.

Trotz seinen Meinungen halte ich Scheu für einen klugen Kopf. Allerdings glaube ich nicht, dass er keine Scheuklappen trägt. Das glaube ich von niemandem, auch nicht von mir. Ich halte es aber für gefährlich, wenn man von sich selber glaubt, man gehe ohne Scheuklappen durch die Welt, könne schreiben, was ist. Wenn man einmal einen solchen Zustand erreicht hat, ist man zum Ideologen geworden, trägt eben das obengenannte Brett vor dem Kopf. Dazu ein Beispiel:

«Am Anfang dieser Sonderpublikation stand eine Überraschung. Eine negative», liest man im Editorial des Ergänzungshefts «Der Staat und der Wettbewerb», das im September dem «Schweizer Monat» beigelegt war: «Wir hatten kürzlich in einer Studie gelesen, dass mindestens ein Drittel aller Beschäftigten in der Schweiz in staatlichen oder staatlich beherrschten Betrieben tätig sei. Der richtig starke Tobak folgte aber erst noch. Dieselbe Studie rechnete vor, wie und wer vor allem in diesem Land die Preise steuert. Hätten Sie vermutet, dass ungefähr 55 Prozent aller Preise für Güter und Dienstleistungen durch den Staat (teil-)administriert werden?» (Anmerkung: Ja, das hätte ich ungefähr vermutet.)

Es wird uns da ein schlimmer Zustand beschrieben, die Schweiz als gelenkte Marktwirtschaft, als staatsaffines, wettbewerbsaverses Land. Das ist nicht ganz falsch und nicht ganz richtig, sondern primär ideologisch. Warum? Weil der Text sich auf eine Expertokratie beruft, die sich der Politik annimmt, während er selbst diese gönnerhaft kommentiert, ohne sich gegenüber den relevanten Meinungsträgern – z.B. im «NZZ»-Verwaltungsrat – die Finger zu verbrennen.

Es wird spannend sein, zu verfolgen, wie sich Scheu bei der «NZZ» zurechtfindet. Er könnte es gut machen. Ich weiss das, weil ich einst beobachten konnte, wie er ab 2002 im «St.Galler Tagblatt» Fuss fasste: neugierig, frisch, fröhlich schrieb der junge Philosoph lesenswerte Texte.

Oder er könnte scheitern, weil er heute zu glauben scheint, dass er ohne Scheuklappen durch die Welt wandert, ausstaffiert mit richtigen Meinungen, portiert von den richtigen Leuten. Wenn er mit dieser Haltung am Feuilleton-Herd steht, wird er überwürzte Gerichte auf den Tisch bringen.

Hanspeter Spörri ist freier Moderator und Journalist in Teufen (Appenzell Ausserrhoden). Er arbeitete ab 1976 als Lokal-, Kultur- und Auslandredaktor verschiedener Zeitungen und eines Lokalradios. Von 2001 bis 2006 war er Chefredaktor des «Bund».

von Hanspeter Spörri | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Überwürzt»

  1. Es gibt immer noch Leute, die die NZZ nicht in erster Linie wegen der Wirtschaft-News und auch nicht wegen des mittlerweile auf zwei Bünde aufgeblähten Politik-Teils kaufen oder abonnieren. Unterdessen wurde auch das Ressort «Forschung & Technik» an einen belanglosen Platz hin ausgelagert. Die NZZ wird also voll und ganz auf Ideologie getrimmt. Da passt der designierte Feuilletonchef gut ins Bild. Eine „Politisierung des Feuilleton“ wurde ja bereits unverhohlen angekündigt.

    Ich möchte auch keine Pamphlete im Feuilleton lesen, zumal etwa in der Causa Bärfuss bis jetzt bewusst keine Gegenstimmen zu Wort kamen. Die Feuilleton-Redaktion ist gar nicht glücklich mit dem Entscheid und viele Leser ebensowenig, denn von einem der in der NZZ am Sonntag sein Freund-Feind-Denken auslebt und dieses dann in einer Replik machiavellistisch dem Kritiker unterstellt, ist ausser einem Elefanten im Porzellanladen nicht viel zu erwarten. Das passt zum rechtsfreisinnigen Verwaltungsrat der NZZ, seinem neuen Chefredaktor und dem CEO aus Österreich.

    Da der kulturinteressierte Leser von einem Feuilleton Inhalte erwartet und nicht noch mehr politische Schlagabtausche, wie sie uns die neue NZZ schon zur Genüge aufdrängt, wird seine Unterstützung dieser Zeitung mit einem Abonnement bald der Vergangenheit angehören.

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