Adlernase irrt

Von Edgar Schuler

Auch Medienkritiker haben schlechte Tage. Manchmal ist auch nur ihr Timing schlecht. Bei Eiland Rarster, dem preisgekrönten Medienredaktor mit der markanten Nase, traf für einmal beides gleichzeitig zu.

Er schrieb: «Die laute Berichterstattung über die Flüchtlinge ist verstummt.» Und er gab sich «irritiert» über den «Stimmungswechsel» in den Medien. Vor kurzem hätten sie das Flüchtlingsthema noch auf «Alarmstufe 1 verkauft». Jetzt aber würden sie ihm «allenfalls noch Kurzmeldungen» widmen. Sein Fazit: «Das bestärkt den Verdacht, dass wir nur unzuverlässig und willkürlich über das informiert werden, was ist.»

Dumm nur für Medienredaktor Rarster, dass an dem Donnerstag, als er seine Auslassungen schrieb, und am Tag darauf, als sie erschienen, gleich mehrere grosse Reportagen und Analysen zum Thema die Schweizer Medien zierten. Der empirische Grundlagenirrtum konnte Eiland Rarster in seinem Falkenhorst allerdings nicht weiter erschüttern. Sein «Generalbefund», beschied er Twitter-knapp, treffe dennoch zu.

Tatsächlich kann man Rarsters Generalbefund nur zustimmen, so ganz generell gesehen wenigstens. Tagesaktuelle Medien sind windige Gesellen und unglaublich gedächtnisschwach. Wie junge Hunde hecheln sie immer einem neuen Knochen hinterher, wenn sie einen alten als abgenagt betrachten.

Das Flüchtlingsthema ist nun aber das denkbar schlechteste Beweisstück für dieses Übel. Die Berichterstattung über das Flüchtlingselend hält sich nämlich erstaunlich gut. Jedenfalls offenbart die gründliche und vielschichtige massenmediale Auseindersetzung mit der Migrationsproblematik eine wohltuende Ernsthaftigkeit, mindestens wenn man sie vergleicht mit der Obsession für die Zuger Politsexaffäre, für die Nacktbilder aus dem Bundeshaus und aus den Amtsräumen des Badener Stadtoberhaupts.

Irritierender als sein verpatztes Timing aber ist Eiland Rarsters naives Verständnis von Journalismus. Was Generationen von Medienwissenschaftern und Soziologen über die gesellschaftliche Funktion von Massenmedien herausgefunden haben, scheint keine Spuren in seiner Sicht auf die real existierende Publizistik hinterlassen zu haben.

Jedes Medium für sich und alle Medien miteinander bilden nicht Wirklichkeit ab, sondern erschaffen Wirklichkeiten. Diese ähneln bestenfalls entfernt den Wirklichkeiten, die die Welt täglich immer wieder neu und anders bietet. Wenn es aber eine Wirklichkeit gibt, der sich die Medien systematisch unterwerfen, ist es die Wirklichkeit der Veränderung. Massenmedien sind zuständig für das Neue und Unerhörte. Die Schlagzeile «Die Flüchtlingssituation bleibt unverändert» gehört in ein amtliches Bulletin, aber nicht auf eine Titelseite.

Rarsters Vorwurf, über das, «was ist», werde unzuverlässig berichtet, erinnert an die üblichen Klagen nach einem Flugzeugabsturz: Über die vielen Tausend täglich problemlos abgewickelten Linienflüge werde nie eine Zeile geschrieben.
Wer meint, Journalisten sollten berichten, «was ist» (wie seinerzeit ein Bundesrat), verfolgt immer eine Agenda. Er möchte nicht «die» Wirklichkeit medial abgebildet sehen, sondern eine ganz bestimmte. Seine eigene.

Wer den Nachrichten welchen «Spin» gibt und mit welcher Absicht, wer in den Massenmedien welche Wirklichkeit durchsetzen kann und mit welcher Wirkung − darüber nachzudenken wäre wahres Medienkritikerhandwerk. Schlecht durchdachte Schnellschüsse als Generalbefunde auszugeben, ist es nicht.

Wenn Eiland Rarster, ermattet vom medienkritischen Tageswerk, abends nach Hause kommt, beschäftigt er sich gern mit Anagrammen. Bei einem Glas Roten schüttelt er die Buchstaben von Wörtern und ganzen Sätzen durcheinander. Normalerweise erfrischt und erfreut ihn das Spiel. Als er am Freitag auch einmal seinen eigenen Namen in Anagramme auflöste, stutzte er aber bald. Auf dem vollgekriztelten Blatt stand ganz zuunterst: «Adlernase irrt».

PS 1: Obige Geschichte ist Fiktion. Dennoch gilt die Unschuldsvermutung.

PS 2: Gelegenheit, über Medienwirklichkeiten, Flüchtlingskrisenberichterstattung und den Zustand der Medienkritik zu diskutieren, besteht am JournalismusTag.15 am 4. November in Winterthur.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Medienschau

11 Bemerkungen zu «Adlernase irrt»

  1. Klar ist es eine Binsenwahrheit, dass Journalismus immer (nur) Medienrealität konstruiert und seine Wirklichkeitsbeschreibungen kointingent bleiben. Und der „Generalbefund“ Eiland Rarster ‚s trifft wahrscheinlich auch beim Thema Flüchtlinge zu (zu erwartbar als dass man diesen im medienwissenschaftlichen Proseminar prüfen müsste; aber man kann natürlich die Mühe auf sich nehmen). Dennoch darf man doch erwarten, dass die Berufskollegen nicht einfach mimosenhaft auf die Kritik des wahrgenommenen Nestbeschmutzers reagieren, sondern sich mal leidenschaftslos mit dessen Fremdbeobachtung beschäftigen. Eiland Rarster ‚s Beobachtung mündet nämlich in die Aufforderung, sich gerade bei dem Thema Flüchtlingskrise nicht wie „junge Hunde“ von ach so simplem Routinen treiben zu lassen. Vielmehr dürfte man bei relevanten Themen – gerade wegen der drohenenden Willkür in der journalistischen Bearbeitung – erwarten, dass hier bewusst verantwortungsvoll gesteuert wird und eben die „Realität“ den Masstab vorgibt und nicht der Hype. Natürlich gibt es gut gemeinte Gegenbeispiele und deren Urheber sollten jetzt nicht gleich betupft sein, dass man sie allenfalls übersehen hat. Sie sollten in Sachen professioneller Medienkritik zusammenspannen, sich über Standards verständigen und diese gemeinsam verteidigen.

    • Skepdicker:

      Tod und Hass dem Deppenapostroph!

      • Vinzenz Wyss:

        Weil er sich hier – wie übrigens auch schon Oliver Baumann auf Twitter – so sehr am Deppenapostroph stört, will ich hier dessen mutige Verwendung rasch erklären, bevor jemand nicht schlafen kann. Mein Kommentar war ursprünglich auf Facebook gepostet worden. Dort natürlich mit Verwendung des Echtnamens. Wenn man auf Facebook zugleich den Genetiv verwenden möchte, verliert die Markierung ihren Bezug. So habe ich auf das bewährte Mittel des Apostrophs zurückgegriffen. Beim Kopieren auf Medienspiegel wurde dann aber der Echtname wieder durch den Dingsbums da ersetzt. Übrig blieb allerdings das Apostroph mit angehängtem S. Jesses.

  2. Jugo Grütler:

    Eiland Rarster ist vor allem eine Schnarchnase.

  3. Mir ist schon klar, Edgar, das Nicht-Verwenden der Echtnamen ist hier ein Stilmittel. Trotzdem bin ich dafür, Kritik an Echtnamen zu üben, inklusive Verlinkung der kritisierten Story – der Kritisierte hält das sicher aus. Oder ist das auch schon zu sehr, schreiben «was ist», also der Ruf nach der Abbildung meiner eigenen Wirklichkeit? Überhaupt, kannst Du mir diese Argumentationskette erklären? Wie kommt es, dass einer, der fordert, dass die Medien schreiben sollen, was ist, mit dem Vorwurf konfrontiert wird, er wolle, dass sie schreiben, wie er die Welt sieht? Medien sind keine Amtsbulletins, richtig. Aber eben auch nicht dafür da, nur das Aussergewöhnliche zu sehen. Denn das verzerrt auf lange Frist die Sichtweise der Bürger arg. Sie bekommen so Angst vor Flugzeugabstürzen (sehr selten), vor Haiangriffen (noch seltener) oder vor Kannibalen (besonders selten).

  4. ras.:

    Schuler verzerrt meine Aussagen, um besser draufhauen zu können. Das Anspielen auf beliebige Äusserlichkeiten entspricht dem Verhalten von Pennälern. Da müsste der Medienspiegler eigentlich redigierend eingreifen. Bösartige würden nun vielleicht das Wort Lügenpresse in den Mund nehmen.

    • Martin Hitz:

      Der Medienspiegler hat bei den Anspielungen auf Äusserlichkeiten zunächst auch gestockt, ist dann aber davon ausgegangen, dass diese mehr mit dem Anagramm als mit der Realität zu tun haben. Und er weiss, wovon er spricht − zumindest was die Nasengrösse betrifft.

  5. Mara Meier:

    „Adlernase irrt“? – Unterstes Schublade.

  6. Das kommt davon, wenn man einen rechtsfreisinnigen Verwaltungsrat hat, der einem vom Feuilleton über den nunmehr 3-bündig aufgeblähten Politik-Teil bis zur Medienkritik die ideologischen Vorgaben diktiert. Derart grotesk wird heute die 1. Pflicht der Journalisten von 20Minuten mit ihren Schreibwerkstätten bis zur NZZ mit Füssen getreten. Jene Kreise, die gerne Orwell zitieren und die Freiheit zu verteidigen meinen, sind zu den Verwirklichern freiheitsfeindlicher Dystopien geworden.

  7. Aber aber, meine Herren. Was nehmen Sie sich auch so ernst. Das ist ja gar erbaulich lächerlich, trinken Sie mal einen Whisky. Für beide gilt, von Autor zu Subjekt: Rauch Rege LSD, Idealster Narr.

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