Asylchaos und Völkerwanderung

Mit Wörtern gewinnt man Kriege und Wahlen. Churchill siegte im zweiten Weltkrieg mit «Blut, Mühsal, Tränen und Schweiss». Der Kampfbegriff dieses Sommers heisst: «Asylchaos». Mit ihm will die SVP im Oktober auf über 30 Prozent Wähleranteil kommen.

Dass ihr das gelingen wird, wusste man, als Ruth Dreifuss dem «Blick» sagte: «Es gibt kein Asylchaos». Damit stand zweifelsfrei fest: Es gibt ein Asylchaos. Um zu dem Schluss zu kommen, brauchte man die «Weltwoche» gar nicht mehr zu lesen. Dreifuss genügte.

Warum? Für die Psychoanalyse ist die Verneinung («kein Asylchaos») «eine Art, das Verdrängte zur Kenntnis zu nehmen». Sigmund Freud schreibt, wer etwas verneine, drücke damit aus: «Das ist etwas, was ich am liebsten verdrängen möchte.» Indem die alt Bundesrätin verneinte, gab sie der Blocherpartei recht. Nicht nur das: Sie adelte einen Mythos zur Wahrheit. Nämlich den, dass die SVP – und nur sie – die Probleme beim Namen nennt, die alle anderen verdrängen.

Darum sind die «Mainstream»-Medien der Transmissionsriemen der SVP-Botschaft, gerade wenn und weil sie das Gegenteil wollen – und zur Verneinung greifen. Erkannt und unter Journalisten bekannt gemacht hatte den Effekt Kurt Imhof, der Soziologe, Bewunderer Freuds und Kritiker der Medien.

Imhof ist tot. Aber bewaffnet mit einem Zugang zur Schweizer Mediendatenbank SMD und mit Excel lässt sich das Phänomen Imhof-mässig demonstrieren.

Die Medienkarriere des Worts «Asylchaos» zeigt seit Mai steil nach oben, mit dem vorläufigen Höhepunkt im August, dem Monat als der «Blick» mit Frau Dreifuss sprach: 186 Nennungen. Der September verspricht einen neuen Rekord mit schon 179 Nennungen bis zum Abend des 22.
SMD_Asylchaos

Mindestens so bemerkenswert im Sinne Imhofs ist auch die Medienkarriere eines anderen Begriffs. Seit Juni verdoppeln sich die Nennungen von «Völkerwanderung» laut SMD im Monatstakt, immer im Zusammenhang mit der Flüchtlingssituation zwischen Aleppo und Berlin.
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«Völkerwanderung» ist auf den ersten Blick kein politischer Kampfbegriff. Das Wort umschreibt das – für die viele – in Ausmass und Tempo unerwartete Phänomen der Abertausenden, die sich aus Syrien nach Europa aufmachen. Sie wollen weit weg vom verheerten Nahen Ostens ein besseres Leben finden. Harmlos scheint das Wort zunächst zu sein, weil es im Unterschied zu «Asylchaos» nicht so offensichtlich einer Propagandaschmiede entstammt.

Allerdings ist das Wort weniger harmlos, als es gemeint ist: Es erinnert an gewalttätige Hunnen- und Germanenzüge quer durch Europa, an den Untergang des römischen Reichs, der die strahlende Antike in ein finsteres Mittelalter stürzte – ins Chaos. Dazu passen die Grafiken der Flüchtlingsrouten von Syrern, Afghanen und Eriträern, mit denen Zeitungen und Fernsehen ihre Berichterstattung garnieren. Sie gleichen den Darstellungen der Völkerwanderung von Langobarden, Goten und Vandalen im «dtv-Atlas der Weltgeschichte» wie ein Ei dem anderen.

Dass diese garstige Vorstellung der spätantiken Völkerwanderung möglicherweise falsch, sicher aber unzureichend ist, tut nichts zur Sache. Eine differenzierte Betrachtung dieses epochalen Umbruchs wäre das Geschäft der Geschichtswissenschaft. Aber die hat einen schweren Stand gegen in den Köpfen tief eingegrabene Überzeugungen. Das wissen wir aus den Debatten um Morgarten und Marignano. Über «Völkerwanderung» weiss das «Historische Lexikon der Schweiz» zu berichten: «Die zeitgenössische Historiografie betrachtet diese Ereignisse als Akkulturationsprozess und nicht mehr als eine Welle gewalttätiger Invasionen.»

Akkulturationsprozess. Wer mit diesem Schlachtruf Wahlen gewinnt, dem ist alles zuzutrauen.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

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