Die «NZZ» bald nur noch am Wochenende auf Papier?

Wenn sich nun selbst die Herren Giacobbo und Müller aus der Sommerpause zurückmelden, gibt es wohl auch für den Medienspiegler keine Ausrede mehr. Aber wie nur soll man nach einem längeren Unterbruch wieder mit Bloggen loslegen? Mit einem kleinen Rant vielleicht? Einer netten Verschwörungstheorie? Genau! Also los geht’s:

Zum bereits sechsten Mal lag heute die in ein neues Kleid gehüllte Freitagsausgabe der «NZZ» vor der Türe bzw. auf dem Tablet. «[N]och meinungsstärker und lesefreundlicher» soll das Blatt laut Medienmitteilung seit der Auffrischung ja nun sein. Und:

«Die heute neu lancierte ‹Neue Zürcher Zeitung› entspricht den veränderten Lesebedürfnissen. Diese haben die Projektverantwortlichen in umfangreichen Leserbefragungen erhoben. Während sich beispielsweise die Leserinnen und Leser wochentags eine überschaubare Zeitung wünschen, nimmt die Lesezeit aufs Wochenende hin deutlich zu. Deshalb erscheint die ‹Neue Zürcher Zeitung› am Freitag neu mit einem umfassenden Extra-Bund.»

Das kommt ja alles recht hübsch und aufgeräumt daher. Auch gegen die werktägliche (Freitag ist an der Falkenstrasse ja offenbar bereits Wochenende) Vier-Bund-Struktur ist nicht viel einzuwenden, selbst wenn die eine oder andere «Gastmeinung» vielleicht auch «online-only» gut genug aufgehoben wäre.

Aber welcher Teufel muss die NZZ-Verantwortlichen geritten haben, als sie sich dafür entschieden, am Freitag nahezu sämtliche Themenbeilagen − SOGAR DAS KREUZWORTRÄTSEL!!!! − in einen fünften Bund zu würgen? Ein Bund, der heute zum Beispiel aus sage und schreibe 19 redaktionellen Seiten besteht, namentlich aus

– 4 Seiten «Wochenende»
– 3 Seiten «Gesellschaft»
– 4 Seiten «Forschung und Technik»
– 1 Seite «Spiele» (INKL. KREUZWORTRÄTSEL)
– 1 Seite «Freitag» (Lifestyle)
– 2 Seiten «Mobil und Digital»
– 4 Seiten «Reisen»

Und das an einem Freitag!

Natürlich dürfte diese Beilagenmassierung auch damit zu tun haben, dass man die «NZZ am Sonntag» nicht allzu sehr kannibalisieren wollte und sich deshalb zum Einhalten eines gewissen zeitlichen Abstands gezwungen sah. Zumindest bei Yours Truly führt das neue Konzept jedoch dazu, dass er vor lauter Themenseiten kaum mehr etwas wirklich liest: Man nimmt sich die Beilagen für später vor … und schon kommt der Samstag mit der «schweizweit einzigartigen Medienseite» (Medienmitteilung) sowie der «Literatur und Kunst»-Beilage (die man sich immer zu lesen vornimmt, aber es dann doch nur selten tut). Und plötzlich ist Sonntag. Der geneigte Beobachter könnte sich da mit der Zeit schon fragen, ob er auf die Ausgaben von Montag bis Donnerstag verzichten und die «NZZ» nur noch am Freitag und Samstag abonnieren soll.

Ist das am Ende möglicherweise gar alles beabsichtigt − gleichsam als weiteres Mosaiksteinchen zur Erfüllung der Self-fulfilling-Prophecy vom Untergang der Zeitung auf Papier? Vielleicht nur noch freitags und samstags eine gedruckte «NZZ» und von Montag bis Donnerstag allenfalls noch eine zeitungsähnliche Tablet-Version (aka E-Paper) − also ein in sich abgeschlossenes, digitales Produkt mit Anfang und Ende? Und könnte am Schluss der Strategie gar ein gedrucktes Wochenmagazin stehen? Die Einsparungen für Papier, Druckerschwärze und Transport wären jedenfalls erheblich. Der Ausfall von Werbeeinnahmen vermutlich auch.

Man darf ja mal fragen.

von Martin Hitz | Kategorie: Sparschwein

2 Bemerkungen zu «Die «NZZ» bald nur noch am Wochenende auf Papier?»

  1. Hanspeter Spörri:

    Ich lese die NZZ extrem gern, trotz neuem Layout und einigen ärgerlichen Leitartikeln. Manchmal sogar online. Aber ich habe heute Freitag den ganzen Tag gearbeitet und mag nun am Feierabend nicht mehr lesen, weil ich noch etwas koche. Und morgen kommt schon wieder eine Zeitung. Und am Sonntag auch. Dabei gehen wir am Wochenende wandern, und zuvor muss ich noch einen kleinen Auftrag erledigen. Also am Samstag und Sonntag auch keine Zeit zum Lesen. Erst am Montag käme ich dazu. Aber dann kommt ja wieder eine neue Zeitung.

  2. Der rechtsfreisinnige Verwaltungsrat, der CEO und der Chefredaktor zeigen so halt, dass sie käuflich sind. Hauptsache, man kann uns auf Biegen und Brechen erneut einen kunterbunten Lifestyle-Bund unterjubeln, der mit der rechtsfreisinnigen Ideologie übereinstimmt, die Kultur als Ablenkung und Zerstreuung versteht und anspruchsvolle Kultur als störend empfindet, weil sie die Bürger zum Nachdenken bringen könnte. Damit entpuppt sich die Freiheitsrhetorik der NZZ als hohles Geplapper. Wenn dann der antiliberale René Scheu zeigt, dass er sein Feuilleton zu seiner Politischen Korrektheit umbiegt, sind die Tage der NZZ gezählt. Für denselben Schwachsinn, mit dem uns auch Tamedia und Ringier beliefern, zahle ich keinen Rappen.

Bemerkung anbringen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *