«Economist» – bitte bleib wie Du bist!

Lieber «Economist»,

zuerst bin ich erschrocken, als ich letzte Woche las, dass der britische Medien- und Bildungskonzern Pearson Dich verkaufen will. Denn Du bist meine liebste Zeitung – seit vielen Jahren.

Immer am Samstag nehme ich Dich aus dem Postfach und schmunzle zuerst über das Titelbild. Immer ein träfes Bild, meist mit Schalk serviert. Diesmal «die Ein Dollar-pro Woche – Privatschule in Ostafrika», die sich viele Mittelklasse-Eltern leisten wollen. Ein Leitartikel, eine Seite, sehr klar, ermutigend, auch wenn die staatsnahen Lehrergewerkschaften schimpfen. Dann vier weitere Leitartikel, «Leaders» genannt, alle kurz, je etwa eine halbe Seite, mit Empfehlung und Tadel, pointiert, informativ, in schnörkellos klarem Englisch.

Wer hat sie geschrieben? Kein «Leader» ist mit Namen gezeichnet. Die «Zeitung» – eigentlich ein Magazin – ist ohne sichtbaren persönlichen Ehrgeiz verfasst. Nirgendwo Autorennamen. Keine «Selfies» unbescheidener Edelfedern. Die erste, über drei Seiten mit Bildern und Grafiken laufende Newsstory beschreibt folgerichtig und engagiert die Privatschulszene in der Dritten Welt, aber nicht ohne kritische Distanz. Dann die Sektion Europa: Putin und seine Gegenspieler, nebst anderem.

Und jetzt die erste Kolumne: Auch hier kein Name, sondern ein immer gleichbleibendes Pseudonym: «Charlemagne», Karl der Grosse, für Europa. Die ganzseitige Analyse erwägt, ob die Demokratische Linke im Schneckengang – ein Zitat von Günter Grass – endgültig steckenbleibt, während Angela Merkel, die englischen Tories, die skandinavischen Pragmatiker Wahlsiege feiern – und Frankreichs Langweiler Hollande hintansteht. Schliesslich die sechsseitige Abteilung über die «United States», für mich als früheren USA-Korrespondenten ein «Must», mit der Dauerkolumne «Lexington» abgeschlossen, Reverenz an den Ausgangspunkt des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs. Diesmal geht es kritisch über die Rezepte, soziale Ungleichheit zu reduzieren. Sie ist zu gross in den USA, meint das liberalkonservative Blatt. Rezepte sind leider schwer zu finden.

Und jetzt zum ersten Mal wieder eine neue Abteilung: «WAS WENN…» («The World If») Hillary Clinton Präsidentin würde, Russland auseinanderbräche, führerlose Autos die Strasse regierten … zwölf Seiten, witzig und nachdenklich stimmend. Man erfährt wieder einmal, wie zufällig Weltgeschichte abläuft.

Weiter geht’s: Lateinamerika, Asien, Business, Wissenschaft, Buchbesprechungen – wenige Artikel mehr als anderthalb Spalten lang –, viele Grafiken, einige gut gewählte Bilder mit knappsten Legenden (meist im Spaltentext versteckt). Nichts Langweiliges, alles in knapper, frischer Sprache, mit vielen Anspielungen.

Schon immer setzte sich der «Economist» für Freihandel, für eine reformierbare kapitalistische Wirtschaft ein − deshalb war er 1843 gegründet worden. Aber die Redaktion hat die Augen offen; wo sie es für nötig hält, empfiehlt sie die Demokraten Kerry und Obama im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf und Blair als britischen Premierminister. Sie ist gegen die Todesstrafe und für «Gun Control»; sehr kritisch gegenüber dem grotesken Adels-Hype der Windsors, gegen Homophobie, gegen die Loslösung Schottlands.

Die Titelblätter sind manchmal lüpfig – « Berlusconi: der Mann, der eine Nation vögelte» −, Autokraten gegenüber hält sich der «Economist» aufrecht (in Singapur oder im Iran wird er mitunter verboten).

Eine schwierige, nie ganz voraussehbare Bahn. Und doch sagenhaft erfolgreich. Das selbstdeklarierte Motto, sich im Wettbewerb «gegen furchtsame Ignoranz und für wohlerwogenen Fortschritt» zu behaupten (2011), kommt an. Man wendet sich an aufmerksame Zeitgenossen, die der englischen Sprache huldigen, hat mit einer Auflage von über 1,5 Mio. einen Höhepunkt erreicht (85% ausserhalb Grossbritanniens verkauft), legt in den USA und in den Schwellenländern mit ihren qualitativ notleidenden Medienimperien zu.

Weshalb lässt der angesehene Verlag Pearson ein solches Schmuckstück gehen? Er will sich angesichts der digitalen Revolution nicht länger auf die Presse, sondern eher auf «Education» konzentrieren. Aber er hat offenbar den festen Vorsatz, die Qualität des «Economist» vertraglich festzuzurren. Ein Beirat mit liberalen europäischen Granden sowie ein substanzielles Aktienpaket in den Händen von Redaktorinnen und Redaktoren sollen das möglich machen. Hoffentlich gelingt’s.

Peter Studer war Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» und des Schweizer Fernsehens sowie Präsident des Schweizer Presserats.

von Peter Studer | Kategorie: Mediensatz

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