«Zimmi» in Nöten

Das ist ein gefundenes Fressen für den Mann, den die «Basler Zeitung» zum «wichtigsten Medienkritiker der Schweiz» gekrönt hat: Der Auslandredaktor eines bekannten Wochenblatts wird des Plagiats überführt, gleich in mehreren Fällen. Und der Chefredaktor gibt sich schmallippig zum Skandal im eigenen Haus.

Da wäre doch eigentlich Tacheles angesagt. So donnernde Sätze wie:

«Medienschaffende, die sich schwertun, selber zu denken, haben den falschen Beruf gewählt. Wir Journalisten schulden unserem Publikum authentische Texte. Gleichzeitig sind wir gegenüber unseren Verlagen verpflichtet, Copy-Paste-Journalismus zu unterlassen. Artikel, die im undeklarierten Secondhand-Verfahren zusammengekleistert werden, unterspülen die Glaubwürdigkeit der Medien.»

Aber nein. Diese Sätze darf man in der «NZZ» lesen. Kurt W. «Zimmi» Zimmermann, so heisst der wichtigste Medienkritiker der Schweiz, sonst im Austeilen von lüpfigen Invektiven freigiebig, schreibt lieber – ein Traktätchen über den Untergang der Medienkritk. Und er liefert die Begründung für seine ungewohnte Zurückhaltung gleich mit: Im Medienjournalismus seien «die herrschenden Verhältnisse die Verhältnisse der Herrschenden». Und da, wo er schreibt, herrscht als Verleger und Chefredaktor genau jener Roger Köppel der, um nochmals mit der «NZZ» zu sprechen, eine «Wagenburg» aufgebaut hat, um die Aufregung um den Plagiatsskandal unter dem Deckel zu halten.

Aber man tut Zimmermann ganz sicher unrecht, wenn man ihm unterstellt, er habe es in den realexistierenden Machtverhältnissen in der «Weltwoche» nicht gewagt, seine Stimme gegen den Redaktionskollegen zu erheben, gegen den eigenen Verleger und Chefredaktor. Als Kolumnist zwei Jahre vor dem Pensionsalter, der zwischen Südtiroler Weinbergen eigene verlegerische Projekte verfolgt, ist er doch unabhängig genug und aufs Honorar womöglich gar nicht angewiesen.

Es muss ihm also um etwas anderes gegangen sein. Es muss ihm peinlich sein, dass er erst kurz zuvor in einem Interview gesagt hat: «Es gibt im Journalismus keine faulen Nüsse mehr.»

Ok, gut. So zugespitzt stand es nur im Titel. Eigentlich hatte Zimmermann gesagt: es gibt «fast» keine faulen Nüsse mehr. Am Schluss behält der wichtigste Medienkritiker der Schweiz eben doch recht.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

5 Bemerkungen zu ««Zimmi» in Nöten»

  1. Markus Schär:

    Pardon, Kollegen, es reicht mit dem Hyperventilieren (ein Plastiksack vor dem Mund hilft). Halten wir uns versuchsweise wieder an die Fakten. Ja, Kollege Gehriger hat Scheiss gebaut, nachgewiesen in drei Fällen (und die lächerlichen weiteren „Fälle“, die erstmals als Rechercheure auffallende Journalisten „recherchierten“, deuten darauf hin, dass die Liste abschliessend sein dürfte). Nachdem die NZZ am Sonntag die ersten beiden Fälle aufgedeckt hatte, hat Roger Köppel den verdienten Kollegen für seine unverständlichen Fehlleistungen gerügt und sich im Blatt entschuldigt – was sollte er nach dem Nachzug (zu einem früheren Fall) eine Woche später noch tun?

    Der NZZ-Inlandchef, der in seinem früheren Job als PR-Mann zu genau diesem Vorgehen geraten hätte, halluzinierte Roger Köppel in die „Wagenburg“, vor allem weil er die Sanktionen nicht öffentlich machte (wie es jeder anständige Chef tut). Und er skandalisierte, dass Urs Gehriger in der letzten Ausgabe einen Artikel schrieb. Was, bitte, sollte die Strafe für einen Journalisten sein, der mehr erinnernswürdige Reportagen und Analysen geschrieben hat als seine Kritiker zusammen? Ein lebenslanges Berufsverbot? Und der Chefredaktor der Südostschweiz, der – gemäss Facebook aus dem fernen New York – noch eine Medienkolumne vollmachen musste, fantasierte im geistigen Sommerloch (das bei ihm rund ums Jahr anhält), „ein solcher Wiederholungstäter wäre bei jedem anderen Blatt seine Stelle los“. (Die nächste Medienkolumne kann er mit Klagen über „Journalisten“ – auch bei Somedia – füllen, deren Leistung darin besteht, über SDA-Meldungen oder Primeurs der Konkurrenz ihren Namen zu tippen.)

    Pardon, Kollege Schuler, die (immerhin als solche bezeichnete) Unterstellung, Kollege Zimmermann habe es „in den realexistierenden Machtverhältnissen in der Weltwoche nicht gewagt, seine Stimme gegen den Redaktionskollegen zu erheben“, ist – freundlich ausgedrückt – eben dies: eine Unterstellung. Es gibt bei der Weltwoche keine „realexistierenden Machtverhältnisse“, weil Roger Köppel nicht „herrscht“. Er sagt seine Meinung, manchmal so lange wiederholt, dass die meisten Journalisten aus Bequemlichkeit nachgeben würden. Aber die Kollegen arbeiten wie ich gerade bei der Weltwoche, weil wir nur hier schreiben können, was wir für wahr und richtig halten; wir kämpfen also auch für unsere Meinung. Und Machtmittel neben der Rhetorik gibt es keine, weil nicht nur Kollege KWZ aus Freude schreibt, nicht mehr für den Lebensunterhalt.

    Also, Kollegen: Es reicht. Gehen wir wieder dazu über, dass ihr uns kritisiert, wenn wir schreiben, was nur wir schreiben.

  2. Lieber Markus, jetzt machst Du es Dir (oder vielmehr deinem Kollegen) ein bisschen gar einfach.
    «Scheiss bauen» im Sinne von kleinen Unterlassungen, falsch geschriebenen Namen oder dem Weiterreichen nicht überprüfter «Fakten» gleichzusetzen (was alles eigentlich nicht entschuldbar ist, uns allen aber schon passiert ist) mit dem kunstvollen Übersetzen und neu-arrangieren einer Buchbesprechung/Recherche/ einem Autorengespräch und mit einem «Oooops, sorry» zum Tagesgeschäft übergehen zu wollen, heisst dann doch dem Gegenstand nicht ganz gerecht werden, finde ich. Denn sowas «passiert» nicht.

    • Markus Schär:

      Lieber Peter: Einverstanden, Kollege Gehriger hat keinen Scheiss gebaut, sondern einen grossen Scheiss (so war es gemeint). Aber er ist durch die Hetzjagd von Leuten, die ihm als Journalist grossenteils nicht das Komma reichen können, genug (imho: übergenug) gestraft. Was, bitte, wollt ihr denn noch?

  3. Kurt W. Zimmermann:

    Zu meiner Zeit, 1999, gab es beim „Tages-Anzeiger-Magazin“ mal einen Fälscher namens Tom Kummer. Wir haben das Problem diskutiert und entschieden, dass wir keine redaktionsinterne Kopfjagd nach Schuldigen machen. Wir haben damals gesagt, Betriebsunfälle und menschliche Schwächen gehören nun mal zu unserem Gewerbe. Das kann passieren. Es ist interessant, aber auch etwas trist, wie sich Tagi-Redaktoren in vergleichbaren Fällen nun radikalisiert haben und nach blutiger Vergeltung rufen.

    • Frank Hofmann:

      Den G. schlägt man, den K. meint man. – Manche der wackeren Jäger schrecken nicht davor zurück, Communiqués ihrer Exkollegen aus der Bundesverwaltung tel quel zu übernehmen.

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