Sleeping with the enemy

«Digital News Initiative» heisst das Google-Programm, das den europäischen Verlagen 150 Millionen Euro zur Förderung von digitalem Journalismus anbietet. Bemerkenswert ist, wie jede Kritik an dieser Initiative als vorgestrig abqualifiziert wird. Dabei ist die Frage berechtigt: Kauft Google den kritischen Journalismus vom Markt?

Nachdem die «NZZ» Ende April stolz verkündete, «erste Schweizer Partnerin» von Google zu sein, sind Mitte Juni nun auch Tamedia, AZ, Newscron, Tageswoche sowie Watson nachgezogen. Die von Google veröffentlichte Liste aller teilnehmenden Medienhäuser in Europa ist beeindruckend.

«Wir – und viele andere – sind von Google abhängig […] Google braucht uns nicht. Aber wir brauchen Google […] Wir haben Angst vor Google», schrieb Axel-Springer-CEO Matthias Döpfner vor etwas mehr als einem Jahr in einem vielbeachteten offenen Brief an Google in der «FAZ». Der Essay schliesst mit den Worten: «Ist es wirklich klug, zu warten, bis der erste ernstzunehmende Politiker die Zerschlagung Googles fordert?»

Im November 2014 rechnete Axel Springer vor, wie gross der wirtschaftliche Schaden für den Medienkonzern ist, weil Google – bemerkenswerterweise aufgrund des von Springer massgeblich mit gezieltem Lobbying vorangetriebenen deutschen Leistungsschutzrechts (LSR) – Springer-Artikel in der Google-Suche nicht mehr auflistete. Im gleichen Atemzug erlaubte es Springer Google wieder, Ausschnitte aus den Inhalten sämtlicher Internetangebote des Unternehmens kostenlos in den Suchergebnissen anzuzeigen – dank einer nur für den Suchmaschinenbetreiber geltenden «Gratis-Lizenz». Im April dieses Jahres eröffnete die EU-Wettbewerbskommission ein Kartellrechtsverfahren gegen Google. Im Mai folgte dann die Ankündigung der «Digital News Initiative».

Wo ein Markt so hart und mit allen Mitteln umkämpft wird, muss die kritische Frage erlaubt sein, was Google mit der Initiative – bei der Springer übrigens konsequenterweise nicht mitmacht – bei den europäischen Verlagen erreichen will.

Bei Google klingt selbstverständlich alles harmlos bis erfreulich: «Es stellen sich berechtigte Fragen, wie ein qualitativ hochwertiger Journalismus im digitalen Zeitalter aufrechterhalten werden kann.» Google werde «Hand in Hand mit Zeitungsverlagen und Branchenverbänden zusammenarbeiten», um gemeinsam nachhaltigere Nachrichtenmodelle zu entwickeln, sagte der zuständige Google-Manager Carlo D’Asaro Biondo bei der Lancierung des Hilfsprogramms.

Eine etwas weniger altruistische Motivation hielt Emily Bell, Direktorin des «Tow Center für Digital Journalism» an der Columbia University, in ihrem vielbeachteten Essay «Google and Facebook are our frenemy. Beware» nach Gesprächen mit Managern am WEF in Davos fest: «Google gibt zu, wenn auch nur informell, dass der ständige Regulierungsdruck in Europa, der von Verlagen angeheizt wird, ein Grund für das Programm ist.» Bell zitiert in ihrem Essay die US-Tech-Journalistin Kara Swisher, die diesen April in einem Interview sagte: «Zuerst werden sie [Tech-Konzerne wie Google und Facebook] dich streicheln, und später, wenn du abhängig bist von ihrem Traffic, werden sie dich bekämpfen. Schlechte Idee!»

Die schärfste Kritik formulierte Journalistik-Professor Frank Lobigs von der Technischen Universität Dortmund in einem Gastbeitrag für das Magazin «Focus»: «Wie im Teufelspakt des Dr. Faustus geht es um Verjüngung und neues Leben, das sich die Verlage mit den Google-Millionen verschaffen wollen.» Dabei gehe es «wie im faustischen Pakt» vielleicht auch um den Verkauf der journalistischen Seele. Lobigs weiter: Die «nicht von Google vereinnahmten Verlage» sollten gemeinsam «harte Forderungen an die Politik und auch an die mächtigen Digitalmonopolisten stellen».

Nun kann man in dieser Frage gewiss geteilter Meinung sein. NZZ-CEO Veit Dengler wies in einer Twitter-Diskussion zurecht auf das «dirty little secret» hin, «dass einige Medienhäuser, die gegen Google anschreiben», bei der Werbevermarktung eng mit Google kooperieren, um die Befürchtung einer Beeinflussung der medialen Berichterstattung über Google zu zerstreuen. Auch müssen sich Journalisten heute nicht mehr vorbehaltslos der Angst der Verlage vor den wirtschaftlichen Folgen des Strukturwandels in der Medienbranche anschliessen, weil längst klar ist, dass der Niedergang der Verlage nicht zwingend auch den Niedergang des Journalismus bedeuten muss. Irritierend ist jedoch, wie führende Medienmanager kritische Fragen zu den Verlagsdeals mit Google oder auch Facebook gerne als ewiggestrig lächerlich machen statt sich ernsthaft der öffentlichen Debatte zu stellen. «‹Facebook gefährlich?› – ‹Ja.› ‹Apple?› – ‹Auch gefährlich, ja.› – ‹Google auch sehr gefährlich, oder?› – ‹Ja, ja, sehr!›», lautete zum Beispiel der Begleittext, mit dem Guardian-Digitalstratege Wolfgang Blau kürzlich ein kritisches «Standard»-Interview zur Kooperation mit Google, Facebook und Co. vertwitterte.

Man muss die Tech-Deals nur einmal unter einen anderen Scheinwerfer stellen, um zur Frage zu gelangen, ob dieses Thema in den europäischen Medien nicht etwas gar nonchalant behandelt wird. Geradezu harmlos wär es ja, hätte Google das Ziel, mit den Millionen für bessere Presse zu sorgen im Kampf gegen die EU-Kartellrechtsbeschwerde. Richtig ungemütlich wird es erst, wenn man sich vor Augen führt, wie eng die Verbindungen der genannten Technologiefirmen mit US-Geheimdiensten wie der NSA ist. In den USA ist ein militärisch-medialer Komplex entstanden, bei dem Silicon-Valley-Konzerne Hintertürchen für den Zugriff der Geheimdienste auf unsere Daten offen lassen. Das wissen wir dank Edward Snowden – und der Zeitung «Guardian», die den Geheimdienstangriff auf unsere Freiheitsrechte publik machte. Seit dem Snowden-Leak ist kaum je eine Woche ohne weitere Enthüllungen vergangen – wie zum Beispiel diese in «Salon»: «Google’s secret NSA alliance: The terrifying deals between Silicon Valley and the security state».

Dass der Kampf gegen den Geheimstaat im Staat zugleich auch ein Endkampf um Freiheitsrechte darstellt, die auch den Journalismus betreffen, macht die Klage deutlich, die «Reporter ohne Grenzen» wegen der NSA-Überwachung gegen den deutschen Nachrichtendienst BND anstrebt. Die Organisation argumentiert, dass die flächendeckende Überwachung die Pressefreiheit und den Quellenschutz gefährde – was sehr ernstzunehmende Bedenken sind.

Google ist wie anderen Tech-Firmen in diesem Kampf nicht auf der Seite der Freiheitsrechte. Sind es Medienkonzerne noch, die sich mit Google-Geldern ihre digitale Zukunft finanzieren lassen?

Christof Moser ist Bundeshauskorrespondent und Medienkritiker der Zeitung «Schweiz am Sonntag» sowie Redaktionsleitungsmitglied der unabhängigen Informationsplattform «Infosperber».

von Christof Moser | Kategorie: Mediensatz

6 Bemerkungen zu «Sleeping with the enemy»

  1. Kinch:

    Zumindest bei mir, aber ich denke, ich bin da wirklich nicht der einzige, hat Google ein größeres Vertrauen zu Wahrung unserer Freiheitsrechte als die Verlage.

    Google tut mehr für den Datenschutz, als die Verlage. Während zumindest in Deutschland die Verlage Sonderrechte haben, um zum Beispiel mit den Adressdaten ihrer Kunden handeln zu dürfen, hat sich Google als Motor für Datenschutz im Internet erwiesen.

    Google treibt HTTPS im Internet voran wie keiner. Sämtliche Google-Dienste sind per HTTPS erreichbar und Google will Seiten ohne Verschlüsselung schlechter ranken. Hat medienspiegel.ch HTTPS? Nö. Ich muss davon ausgehen, dass die Email-Adresse die ich hier eingeben, entweder vom BND, der direkt am DE-CIX wanzt, oder von der NSA, da der Traffic der deutschen ISPs freiwillig(!) über die USA geleitet wird, abgeschnorchelt wird. Danke dafür.

    Moderne Google Hardware (Nexus 6 und 9) wird standardmäßig komplett verschlüsselt ausgeliefert.

    Google hat sich nachweißlich stark gegen die NSA verwahrt, wobei sie sich natürlich auch an US-Recht halten müssen.

    Die (deutschen) Verlage haben mit dem Leistungsschutzrecht sehr deutlich gezeigt, wie wichtig ihnen Freiheitsrechte sind. Wenn sie ihrem Profit im Wege stehen, werden sie geopftert.

    Journalismus wird (hoffentlich) in Zukunft auch ohne Verlage stattfinden. Ob Google oder Facebook zum Verteilen der Inhalte dient, soll der Markt entscheiden. Im Internet war es noch nie so einfach Inhalte an den Lesern zu bringen, dass lässt sich nicht mehr rückgängig machen, insofern sehe ich das ziemlich gelassen.

  2. esque:

    «Zuerst werden sie [Tech-Konzerne wie Google und Facebook] dich streicheln, und später, wenn du abhängig bist von ihrem Traffic, werden sie dich bekämpfen. Schlechte Idee!»

    Komisch nur, daß die Medienhäuser bereits abhängig sind vom Traffic, den Google vorbei leitet (wie die Gratislizenz des Springer Verlages für Google zeigt), und Google danach „streichelt“. Wenn die Chronologie nicht stimmt, muss man zweifeln, daß das Zitat irgendeine Aussagekraft hat.

    Und das zieht sich durch gen danzen Artikel: Zitate von Journalisten und Publizisten werden als Fakten präsentiert und nicht hinterfragt. Aussagen von Google dagegen müssen angezweifelt werden, weil, klar: Google.

    Es ist natürlich kein Wunder, daß ein Journalist die Presse als den Garanten der Meinungsfreiheit hochhält, während wir Leser zunehmend einen anderen Eindruck gewinnen: Gerade die Medienhäuser, die am lautesten um ihre Rechte kämpfen, sind doch die, die am meisten manipulieren, selektiv und einseitig berichten, und ihren Einfluß in der Politik gelten machen, um die Rechte anderer einzuschränken.

    Für mich als Leser zeigt sich einmal mehr: Die Medien sind unfähig, über sich selber und Themen, die sie Betreffen (Leistungsschutzrecht) objektiv zu berichten. Selbstkritik wird maximal angedeutet. Der Fehler muss woanders liegen. Und da bieten sich natürlich die Konzerne an, die Technik verstehen und neue Wege gehen, während man selber im Alten verharrt und die Sicherheit des Bekannten nicht verlassen will.
    Daher sind die Gräben schnell gezogen: Wir gegen sie.

    Damit schafft sich die Presse aber selber ab, denn wenn sie nicht mehr glaubwürdig ist, was sollen wir sie dann noch lesen? Und ohne Leser keine Presse.
    Es sei denn, man kann der Politik noch ein Gesetz abringen, daß die eigene Existenz sichert…

  3. Daarin:

    Google ist ein Konzern, ein Weltkonzern. Das Ziel eines Konzernes ist es Geld zu verdienen. Google wäre nicht dort wo sie sind, wenn sie dieses Ziel nicht ernst nehmen würden. Also welches Interesse hat Google an so einem Deal? Natürlich: Geld zu verdienen, auf die Eine oder Andere weise.

    Nur: Die großen Verlagshäuser um die es ja geht sind auch Konzerne. Wer ernsthaft glaubt dass das Einmischen von Google die Qualität noch verschlechtern könne schaue sich mal die Griechenland-Berichterstattung in Deutschland an. Oder den GDL-Streik. VDS weiß ich jetzt nicht, das war zu sehr ein Reizwort für mich, kann ich mir aber auch vorstellen. Aber mir kann keiner erzählen dass, zumindest der deutsche, Journalismus unabhängig betrieben werden kann.

    Und jetzt kommt der Witz: Es ist mir lieber dass Google den Journalismus kontrolliert, die kann ich zumindest boykottieren. Den deutschen Staat zu boykottieren der jetzt gerade die Kontrolle hat fällt mir da schon deutlich schwerer.

  4. Pingback: Lesezeichen vom 03.07.2015 | Torben Friedrich

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