Was würde Jeff Bezos tun?

Es herrschte bodenloses Entsetzen und himmelhohe Hoffnung. Beides gleichzeitig, und man weiss nicht mehr, was grösser war. Vor bald zwei Jahren kaufte Amazon-Gründer Jeff Bezos für 250 Millionen Dollar die «Washington Post». Damals rätselte die Welt: Was hat der milliardenschwere Gründer von Amazon mit dem leck geschlagenen Flaggschiff der amerikanischen Publizistik vor?

Betrachtet er das Mutterhaus der Watergate-Enhüllungen als Spielzeug für die Freizeit wie einen Pool im Garten? Will er politischen Einfluss kaufen? Oder hat er vielleicht doch eine Vision, die anderen Verlegern fehlt?

Heute sieht man klarer.

Der «Economist» hat Bezos‘ Umbauten an der «Post» verdienstvollerweise zusammengefasst. Und siehe da, so manches kommt einem hierzulande bekannt vor: Da steckt, von der Idee her, ein bisschen NZZ drin, etwas «Watson» und ein ganzes Stück Tamedia.

Mit seinem eklektischen Vorgehen agiert Bezos völlig anders als Chris Hughes, ein anderer Online-Krösus mit Verlegerambitionen. Facebook-Millionär Hughes hatte mit dem Kauf des Politik-Magazins «New Republic» die Hoffnung geweckt, ein Magier der Social-Media-Generation könne einem in Ehren verstaubten Printprodukt neues Leben einzaubern. Hughes verordnete dem Blatt von oben herab eine «vertikal integrierte digitale Medienstrategie». Und scheiterte spektakulär.

Das in die Jahre gekommene Internet-Wunderkind Bezos dagegen gibt zu, dass er als Jungverleger nicht alles schon im Voraus weiss. Auch er ist, wie heute weltweit alle Verleger, auf Management by Versuch und Irrtum angewiesen.

Zunächst hat Bezos in den Newsroom investiert. Dort arbeiten heute 100 Leute mehr als noch unter dem alten Management der Verlegerfamilie Graham. Das schlägt sich nicht in der Printauflage nieder, online aber sehr wohl. Die Leserzahlen, gemessen in Unique Visitors, haben sich verdoppelt. Das hat unter anderem mit der zunehmenden internationalen Verbreitung zu tun. Leser gewinnen will die «Post» ferner mit neuen Apps. «Rainbow» heisst eine, die Artikel im Stil eines Hochglanzmagazins aufhübscht. Die Investition in den Journalismus, die Internationalisierung und das neu verpacken der Inhalte, das gleicht dem, was die NZZ vorhat oder schon umsetzt.

Eine ganz andere Idee, die Bezos mit der «Post» umsetzt, hat «Watson» hier schon verwirklicht: Die «Post» will seine IT-Eigenentwicklungen für den Newsroom an andere verkaufen und damit ein separates, kleines, aber wichtiges Geschäftsfeld eröffnen.

Frugal wie Tamedia gibt sich Bezos’ «Post» dann aber bei den Anstellungsbedingungen. Da hat ein Notstopp bei den Pensionskassenleistungen für böses Blut gesorgt. Die in guten Zeiten hochgefahrenen Kosten zurückstutzen gehört in den Werkzeugkasten des klugen Investors.

Die Investition in den Journalismus bedeutet eben nicht − wie alte Hasen gerne hoffen – eine Investition in einzelne Journalisten.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

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