Raus mit euch!

Wer heute eine Zeitschrift lancieren will, braucht Marktforschung, eine Marketingabteilung, eine Digitalstrategie, einen Social-Media-Manager, einen Suchmaschinenoptimierer, einen Datenanalytiker und eine App. − Oder er macht es ganz anders.

Zum Beispiel wie die beiden Erfinder von «Walden», einem Magazin, das es seit letzter Woche am Kiosk zu kaufen gibt. Harald Willenbrock, regelmässiger Mitarbeiter von «Brandeins» und «NZZ-Folio», und Markus Wolff, Teilzeitangestellter bei «Geo», hatten auf einer Wandertour die Idee zu einem Magazin für Leute wie sie selber. Leute, die gern draussen sind − «Die Natur will dich zurück», lautet der Claim −, ohne Outdoor-Fetischisten zu sein. Für diese gibt es Spezialmagazine genug, in denen die neusten Gore-Tex-Surround-Schuhe und Sportkletter-Rucksäcke erschöpfend abgehandelt werden.

Die beiden entwickelten stattdessen ein Magazin aus dem Geiste Henry David Thoreaus, der sich 1845 in Massachusetts in den Wäldern eine Blockhütte gebaut und zwei Jahre lang fernab der Zivilisation gelebt hatte. Sein Buch «Walden oder Leben in den Wäldern» wurde zum Klassiker der alternativen und ökologischen Bewegungen. Das Magazin «Walden» ist geboren aus der Sehnsucht nach dem Authentischen, nicht nach dem Exotischen. Darum sucht es seine Geschichten nicht in den abenteuerlichen Weiten von Feuerland, sondern findet sie vor der Haustür. Von diesem Konzept liess sich der «Geo»-Verlag Gruner und Jahr überzeugen; er hat «Walden» in einer Auflage von 100’000 Exemplaren an den Kiosk gebracht.

Das Magazin liegt gut in der Hand: 140 Seiten festes Papier, kein Hochglanz, kraftvolle Fotos, hervorragende Illustrationen. Und man liest es gern. Was vor allem daran liegt, dass kein einziger Text PR-gesteuert ist. Man merkt «Walden» an, dass die beiden Macher lustvoll ihren Interessen freien Lauf liessen, bis hin zum gemeinsamen Bau eines 6-Stunden-Kanus. Ein Schmuckstück sind die ausklappbaren Reiseskizzen des Kartographen Matthew Rangel aus dem bayerisch-österreichischen Karwendelgebirge, eine Trouvaille das «Mikro-Abenteuer» des Engländers Alastair Humphreys, der aufbricht, um einmal im Kreis um seine Wohnung zu wandern, im Abstand von 2,5 Kilometern.

Humphreys‘ Text beginnt mit den Sätzen:

«Ich drücke ein letztes Mal auf «senden» und schalte den Computer aus − das frühe Ende meines Arbeitstages. Ich habe nichts für den Abend geplant, blicke nach draussen und sehe, dass das Wetter schön ist. In diesem Moment packt mich die Lust auf eine Reise.»

Das trifft ziemlich genau die Haltung von «Walden», das sich als kundiger Begleiter für die kleinen Entdeckungsreisen erweist, zu denen jeder aufbrechen kann. Und wenn er wissen will, was ihm dabei über den Weg läuft, braucht er auch dafür keine App: Der eingeklebte «Walden Field Guide» mit Wissenswertem aus Fauna und Flora findet leicht in der Hosentasche Platz.

Gut möglich, dass «Walden» ein Erfolg wird. «Landlust» in Deutschland und «Landliebe» bei uns zeigen beispielhaft, wie empfänglich wir sind für kleine Fluchten aus dem durchgetakteten digitalisierten Büroalltag. Ich jedenfalls war mit «Walden» gern unterwegs, zu Hause auf dem Sofa liegend. Die zweite Ausgabe erscheint im Herbst. Online bekommt man ein paar Seiten zum Durchblättern als Kostprobe.

Daniel Weber ist Chefredaktor des «NZZ-Folio».

von Daniel Weber | Kategorie: Mediensatz

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