Vertriebskünstler gesucht

Nachrichten produzieren ist das eine. Da verstehen sich Journalisten darauf (oder bilden sich zumindest ein, das zu verstehen). Die Nachrichten unter die Leute zu bringen, ist das andere. Das überlassen oder besser: überliessen Journalisten den Spezialisten im Verlag. Aber das hat sich gründlich geändert.

Beim Journalistenkurs in Hamburg, Mitte der 1990er-Jahre, hiess ein Programmpunkt «Vertrieb». Ein Spezialist des Metiers erläuterte die Wissenschaft des Kioskverkaufs: wie man es schafft, dass weder zu wenige noch zu viele gedruckte Exemplare am Verkaufspunkt aufliegen. Sind es nicht genug, werden nicht alle potenziellen Zeitungskäufer erreicht und es entgehen Einnahmen. Bleiben Exemplare liegen, vielleicht sogar in rauen Mengen, erleidet man Verluste. Wann welche Vertriebsstelle wieviele Exemplare erhielt, war darum eine zentrale, aber alles andere als triviale Kunst. Die Journalisten lauschten, staunten − und vergassen den Vortrag gleich wieder. Denn sie wussten: Das geht uns nichts an, weil wir es getrost den Verlagsfachleuten überlassen können.

Das war die Zeit, als die Vervielfältigung der Nachrichten – das Produkt Zeitung – nur dank gigantischen Druckerpressen funktionierte. Die spuckten innert weniger Stunden Hunderttausende von Exemplaren aus, die über ein fein verästeltes Zahnrädchen-System von Last-, Liefer- und Leiterwagen bis in die hintersten Verästelungen des Vertriebsgebiets verfrachtet wurden. Diese stolze Industrie, einst das gehätschelte Monopol der Verleger, hat ihre Bedeutung eingebüsst. Die NZZ will schon jetzt ganz darauf verzichten und überlässt das Drucken anderen. Den übrigen Vertrieb haben alle längst abgespeckt, fusioniert oder verkauft.

Die Nachrichten selbst haben sich vom Papier gelöst und strömen als elektrische Signale mühelos in die Welt. Die Zeitung zu kaufen ist sinnlos geworden, weil alles, was man wissen will oder einen unterhält, jederzeit überallhin auf den eigenen Computer und das Smartphone strömt. Die Schleusen, als deren Wärter sich die Journalisten einst verstanden, sind in der Flut untergegangen.

Für die Konsumenten ist das zwar günstig und praktisch, aber auch unübersichtlich. Darum kristallisiert sich ein neues Vertriebskanalsystem heraus: Man verlässt sich auf seine Freunde, die Freunde seiner Freunde und die Freunde der Freunde seiner Freunde. Diese empfehlen Inhalte, teilen und twittern. Die Rede ist vom Tod der Home- oder Frontpage − sie wird abgelöst durch den Newsfeed, den munter plätschernden Strom der sozial gelenkten Inhalte.

In dieser schönen, gar nicht mehr so neuen Medienwelt kann ein Sechzehnjähriger mit seinen Blogeinträgen Hunderttausende, ja Millionen erreichen, ohne dass je ein Journalist oder ein Verleger seine druckerschwarze Hand im Spiel hat. (Vedienen an der ganzen Sache tut ohnehin höchstens ein Neunzehnjähriger im Silicon Valley.)

Die Wärter an den sinnlos gewordenen Schleusen müssen sich etwas einfallen lassen. Jeder und jede ist plötzlich selbst mitverantwortlich, dass über die Transmissionsriemen der sozialen Medien das eigene Erzeugnis seine Leser und Abnehmer findet. Das verändert die Hackordnung unter den Journalisten. Es reicht nicht mehr, etwas vom Nachrichtenmachen zu verstehen. Man muss auch wissen, wie man die Ware unter die Leute bringt.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Vertriebskünstler gesucht»

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