Voglio una donna!

In Federico Fellinis «Amarcord» schreit der Onkel, der auf einen Baum geklettert ist, seine verzweifelte Sehnsucht in die Welt hinaus: «Voglio una donna!» Er tut es mit der Inbrunst, mit der heute Frauen nach Frauen verlangen, auch im Journalismus. Nur geht es einem weniger ans Herz. Eher auf den Geist. Andrea Bleicher, die stellvertretende Chefredaktorin der «Sonntagszeitung», hat recht, wenn sie schreibt: «Die Frauenquote ist ein Brechreiz-Thema.»

Auslöser und Objekt ihrer Empörung war «Tages-Anzeiger»-Chefredaktor Res Strehle, der in einem Interview ein bisschen unglücklich erklärt hatte, warum bei seiner Zeitung der Frauenanteil nicht so hoch sei wie gewünscht. Ausgerechnet Res Strehle, von seiner politischen Sozialisation her feministischen Anliegen bestimmt nicht abgeneigt, löste einen Shitstorm aus, der in einem offenen Protestbrief an ihn und gleich noch an alle Schweizer Verleger gipfelte. Tenor: Frauen könnten, wenn man sie nur liesse. Über hundert Journalistinnen und ein paar Journalisten haben unterschrieben.

Andrea Bleichers Begründung, weshalb die Frauenquote ein Brechreiz-Thema sei, ist jedoch höchstens zur Hälfte richtig. Sie wettert gegen Chefs, die eben erst herausgefunden hätten, dass es Frauen gebe und herablassend beschlössen, sie zu fördern. Und gegen Chefs, die fänden, Frauen wollten gar nicht führen, weil sie Angst vor der Verantwortung hätten. Das sind eher Unterstellungen als Feststellungen. Die fehlende Hälfte der Begründung lautet: Weil die Quotendebatte bei vielen Frauen keine Reflexion auslöst, sondern nur einen bedingten Reflex.

Ein Beispiel:

«Wenn es um die Neubesetzung der NZZ-Führung geht, ist es selbstverständlich, dass im Reigen der genannten Kandidaten keine Kandidatin zu finden ist. Die Redaktion, die sich so mutig fühlte, als sie gegen den unliebsamen Chefredaktor in spe Markus Somm aufbegehrte, ist still. Der Aufschrei bleibt aus.» (Bleicher)

Ist es selbstverständlich? Nur für jemanden, der sich in seinen Vorurteilen kuschlig eingerichtet hat. Anita Zielina wurde ganz ohne «Voglio una donna!»-Aufschrei in die NZZ-Führung berufen. Zugegeben, möglicherweise nicht weil sie eine Frau, sondern weil sie einfach gut ist.

Beim «Economist» wurde Zanny Minton Beddoes wohl auch nicht Chefredaktorin, weil die Verwaltungsräte des liberalkonservativen Traditionsblattes plötzlich zum Frauenfördertum konvertierten. Wer ein bisschen verfolgt hat, was Minton Beddoes in den letzten zwanzig Jahren beim «Economist» geleistet hat, kann eher davon ausgehen, dass sie schlicht die beste Wahl (registrierungspflichtig) war. Entscheidend ist, dass sie sich entschloss, gegen ihre Konkurrenten (zwölf Männer) anzutreten. Oft genug finden Frauen gute Gründe, das nicht zu tun.

Für unser «Folio» zum Verhältnis Schweiz-Europa gingen wir eine Reihe von Führungspersönlichkeiten an; wir baten ebenso viele Frauen wie Männer um ein Gespräch. Bis auf eine sagten alle ab: Man wolle sich nicht exponieren, man verzichte lieber auf politische Stellungnahmen, aus Compliance-Gründen müsse man leider, es sei zurzeit nicht opportun … Von den Männern waren keine solchen Skrupel zu hören. Und was hauten uns empörte Leserbriefschreiberinnen um die Ohren? – Ja, genau. Auf bedingte Reflexe ist unbedingt Verlass.

Daniel Weber ist Chefredaktor des «NZZ-Folio».

von Daniel Weber | Kategorie: Mediensatz

16 Bemerkungen zu «Voglio una donna!»

  1. „Die Einschätzung einer Zwölfjährigen: „Frauen tun immer nur so, als wenn sie nichts zu sagen haben, dabei bestimmen sie Aalleess!!“

    Da ihr bisheriges Leben tatsächlich, insbesondere was die „gesellschaftlichen“ Erfahrungen anging, durchgehend von Frauenmeinungen bestimmt wurde, konnte der Papa ihr nicht so recht widersprechen.“

    http://bit.ly/1fUFmGU

  2. Klaus-D.:

    Wieso wird keine Frauenquote gefordert, für z.B. Justizvollzugsanstalten? Straßenreinigung? Großschlächtereien? Gebäudereinigung? …
    Stattdessen immer nur für Frühstücksdirektorposten?
    Es geht nur um Geld und Macht, oder?

  3. mitm:

    „Bis auf eine sagten alle ab:…“

    Das ist normal. Es gibt reihenweise Untersuchungen zur Risikoaversion, und immer wieder kommt – auch wenn politisch unerwünscht heraus – daß Frauen deutlich risikoaverser sind als Männer. Dies, obwohl seit den 1968er Umwälzungen in der Gesellschaft die Frauen nachgerade pausenlos indoktriniert werden, mehr zu riskieren, um Karriere zu machen, und deutlich mehr Unterstützung als Männer dabei bekamen.

    Der Feminismus hatte als dominierende Ideologie rund 40 Jahre, also gut eine Generation, Zeit, die Frauen „umzupolen“ – Erfolg gleich Null, eher im Gegenteil. Durch die Botschaft „you can have it all“ ist allenfalls das Anspruchsdenken gesteigert worden, nicht aber die Bereitschaft zum Risiko mit der Option „you might not have anything at all“. Heute wie vor 50 Jahren haben Frauen die realistische Option, das Lebensmodell „Mutter, die ggf. zuverdient“ zu wählen, bei dem der Mann die komplementäre Rolle des Hauptverdieners ausüben muß, ob er will oder nicht. Männer haben keine vergleichbare Option „Vater, der ggf. zuverdient“, Frauen verpartnern sich i.a. nicht sozial abwärts. Damit bleibt für die meisten Männer nach wie vor nur die Karriere das zentrale Mittel, einen Lebenserfolg in Form von Familie und Kindern zu realisieren. Entsprechend ist der Druck, den man(n) sich macht, und entsprechend sehen die Statistiken in den Leitungspositionen aus.

    Mir ist schleierhaft, wieso diese offensichtlichen und gut dokumentierten sozialen Effekte den protestierenden Journalistinnen verborgen bleiben. Stattdessen nur der Schrei nach noch mehr Protektion und Freistellung von Risiken – was alles nur noch schlimmer macht.

    • Marcy:

      Das alles hat selbstverständlich rein garnichts zu tun mit tief verwurzelten traditionellen Rollenbildern oder der Tasache, dass man als Frau fett aufs Maul bekommt (bildlich gesprochen) wenn man selbiges mal aufmacht.

      • Dideldi:

        und als Mann kriegt man nicht „fett aufs Maul bekommt (bildlich gesprochen) wenn man selbiges mal aufmacht.“ ?

        Grade bei einem Thema wie diesem wird man doch schnell mal als Frauenhasser abgestempelt…

      • mitm:

        @Marcy: „man als Frau fett aufs Maul bekommt (bildlich gesprochen) wenn man selbiges mal aufmacht“

        Solche Pauschalisierungen bringen einen nicht weiter.
        Meinen Sie Unhöflichkeiten? Da bin ich ganz auf Ihrer Seite, das geht gar nicht.
        Meinen Sie inhaltlichen Widerspruch? Damit müssen Sie leben. Aus meinem (männerdominierten) Umfeld kann ich berichten, daß dort Frauen vergleichsweise mit Samthandschuhen angefaßt werden, sprachlich sowieso, aber auch inhaltlich. Während man mit Männern eher hart diskutiert und jeden Fehler anprangert, denkt man bei Frauen zuerst daran, bloß nicht ihre Psyche zu beschädigen – analog zum Motto „Mädchen schlägt man nicht“, das den Jungen von Kindheit an eingebleut wird.

        Bei der Folio-Anfrage ist außerdem noch nicht einmal klar, ob es sich um eine hitzige Debatte oder nur um Stellungnahmen und eigene Einschätzungen handelte. Bei letzterem wäre das Risiko minimal gewesen. Aber wenn man eine eigene Meinung äußert, geht man natürlich prinzipiell immer das Risiko ein, von Meinungsgegnern kritisiert zu werden.

        „tief verwurzelten traditionellen Rollenbildern“

        Welche Tradition? Die Eltern der heute 20- bis 40-jährigen waren die Jahrgänge 1950 bis ca. 1975. Diese Elterngeneration hatte komplett mit der Vorkriegsgeneration gebrochen und war feministisch und antiautoritär geprägt, das ganze Erziehungssystem hat sich radikal verändert usw. Oder meinen Sie mit „tief verwurzelt“ biologische Dispositionen?

  4. Mara Meier:

    Zu Hülf! Sehr gemeine und total frauenverachtende Machos verstopfen die Kommentarseite! Ich wollte eigentlich auch etwas sagen, aber jetzt sind die da. Immer sind die da. Und verstopfen. Das System. Ich fühle mich jetzt nicht mehr so wohl. Für mich ist es aber ganz wichtig, mich wohl zu fühlen, wenn ich schon überlege, mich zu exponieren, und jetzt sage ich halt einfach knallhart: I would prefer not to.

  5. Mara Meier:

    Ironisch? Ich muss doch sehr bitten!

    • also, dann sagen sie doch, wo hier die frauenverachtenden machos sind und an was sie das festmachen.

      zu ihren wohlfühlproblemen: das sind ihre persönlichen probleme, die haben mit dem thema hier nichts zu tun. wenn die hier schreibenden ihnen schon solch massives, bis zur sprachlosigkeit reichendes unwohlsein verursachen, dann ist das internetz vielleicht der komplett falsche ort für sie. schnappen sie sich ein gutes buch und entspannen sie sich.

      • Mara Meier:

        Jetzt wird frau auch noch mit paternalistischem Bass zur Lektüre bugsiert. Und um auf Ihre Frage einzugehen: Es ist ein allgemeines Gefühl. Und Gefühle lügen nicht. Schon gar nicht die allgemeinen. Guten Tag!

  6. Andreas K.:

    Ach ja.
    Der erste Halbsatz der Überschrift des Artikels von Frau Bleicher stimmt ja noch, der Rest des Artikels ist, um sie zu zitieren „Bullshit!“.
    „Die Frauenquote ist ein Brechreiz-Thema. Eines, über das man nie mehr lesen möchte. Die immer gleichen Artikel und ihre immer gleichen Konklusionen lösen, ähnlich dem Verzehr einer Buttercremetorte, Übelkeit, Verdruss und den Wunsch aus, für eine lange Zeit die Augen zu schliessen und erst wieder aufzuwachen, wenn viel, viel Zeit vergangen ist.“
    Stimmt, denn immer wieder kommen die gleichen Mimimi-Artikel auf den Markt, wo sich Frau beschwert, dass Männer nur Männer befördern.
    Liebe Frauen: Nein, tun sie nicht. Sie befördern Leistungsträger_Innen! Also, machts doch einfach – setzt euch hin, tut was und überzeugt durch Leistung!

    „Man braucht kein Genie und auch keine Frau zu sein, um zu erkennen, dass es Redaktionen mit einem höheren Anteil an Journalistinnen besser gelingt, Hörerinnen, Leserinnen und Zuschauerinnen zu erreichen. “
    Stimmt – die Ergebnisse findet man hier: http://www.topfvollgold.de/
    Ja, ich gebe zu, das war jetzt böse.

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