Anstand

Kurt Imhof forderte von den Medien immer wieder, sich an den bürgerlichen Prinzipien der Höflichkeit und des Anstands zu orientieren. Nicht alles, was erlaubt ist, sei auch gut. Seine Gegner waren wohl deshalb so zahlreich. Ideologisch argumentierende Wortführer nehmen sich gerne das Recht heraus, politisch unkorrekt oder eben unanständig zu sein – im Namen der Freiheit, im Dienste einer Wahrheit, im Kampf um ihre Sicht der Aufklärung.

Ich habe Kurt Imhof nur wenige Male getroffen. Bei der ersten Begegnung Ende 2000 ging es um Israel. In Schweizer Medien würden Israelis hauptsächlich als Täter, die Palästinenser in der Regel als Opfer dargestellt, sagte er bei einem Gespräch in der Redaktion des «Bund». Unter Imhofs Leitung und im Auftrag schweizerisch-jüdischer Organisationen war im Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) eine Untersuchung über «Israelis und Palästinenser im Spiegel der Medien» durchgeführt worden. Imhof wunderte sich in kleiner Runde darüber, dass manche Medienleute nicht in der Lage seien, zwischen berechtigter Kritik und tendenziöser Verallgemeinerung und Dämonisierung zu unterscheiden. Die Redaktionskollegen stimmten ihm weitgehend zu – was in diesem Fall leicht fiel, weil sie bei Imhof recht gut wegkamen.

Ein weiteres Mal traf ich ihn 2002, als er zusammen mit dem Bündner Regierungsrat Peter Aliesch vor der Chefredaktoren-Konferenz auftrat. Er monierte, Aliesch sei einem undifferenzierten Empörungsjournalismus ausgesetzt. Fast alle Medien würden ins gleiche Horn stossen. Auch wer aus guten Gründen kritisiert werde – es ging um die Annahme eines Pelzmantels –, sollte anständig behandelt werden und müsse ausreichend Gehör finden, forderte Imhof. Die Skandalisierung sei auch deshalb ein Problem, weil sie die öffentliche Debatte auf Nebengeleise führe.

Imhof bot mit seinen pointierten Aussagen und unterhaltenden Vorträgen ein Beispiel dafür, wie man provozieren und polarisieren kann, ohne die Debattengegner persönlich zu verunglimpfen und zu beleidigen, ohne Gerüchte in Umlauf zu setzen und Privates unnötigerweise an die Öffentlichkeit zu zerren. Davon, von Gerüchten und der Ausschlachtung des Privaten, lebt allerdings der Boulevard- und immer mehr auch der provinzielle Journalismus.

Imhof stellte sich als einer von wenigen auf die Seite von Medienopfern, von denen sich alle andern abgesetzt hatten, weil sie fürchteten, selbst in das Schussfeld zu geraten. Er hat unermüdlich Gegensteuer gegen den Skandalisierungs-Mainstream gegeben. Von der «Weltwoche» wurde er als Irrlehrer gebrandmarkt, als Thesenritter und Gross-Inquisitor, als Verschwörer gegen die Schweiz – eine Ungeheuerlichkeit, müsste man in der Sprache Roger Köppels sagen, der ja kürzlich auch fand, die «Weltwoche» sei kein SVP-Blatt, sondern unabhängig.

Wenn einer unabhängig war, dann Kurt Imhof. Allerdings wusste er, dass man als Erdenbürger nicht wirklich unabhängig sein kann, sondern die Welt immer nur durch die eigene Brille sieht. Die Wahrheit zeigt sich – wenn überhaupt – erst im Gespräch. Das überhandnehmende Freund-Feind-Denken in Politik und Medien sei antiliberal und verunmögliche Vernunft ebenso wie Konsens und Konkordanz.

Hanspeter Spörri ist freier Moderator und Journalist in Teufen (Appenzell Ausserrhoden). Er arbeitete ab 1976 als Lokal-, Kultur- und Auslandredaktor verschiedener Zeitungen und eines Lokalradios. Von 2001 bis 2006 war er Chefredaktor des «Bund».

von Hanspeter Spörri | Kategorie: Mediensatz

4 Bemerkungen zu «Anstand»

  1. Pingback: Kurt Imhof ist tot | Medienspiegel.ch

  2. Markus Schär:

    Mein Nachruf in der Weltwoche (ausgehend von unseren Sträussen auf diesem verdienstvollen Blog):

    Kurt Imhof (1956–2015) – «Gehen wir wieder mal was trinken?», fragte er, als wir uns das letzte Mal sahen, nach meiner Kritik am Manifest seines Club Helvétique. Wir pflegten uns früher auf Medienblogs zu fetzen; einmal spottete ich so über die sprachlichen Mängel einer Studie für das Bundesamt für Kommunikation, dass er eine zweite, verbesserte Fassung nachreichte.
    Dann lud er mich zum Essen ein: Er wollte auch verstehen, wie die Gegner tickten.

    Der allgegenwärtige Medienprofessor des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung konnte nerven: Wenn er als Experte für alles den gestressten Journalistendie Schlagzeilen lieferte. Wenn er mit seinem Jahrbuch zur «Qualität der Medien» auf immer schwärzeren Kulturpessimismus machte. Oder wenn er in republikanischer Pose die Weltwoche schmähte, die, wie er dies tat, die demokratische Debatte sucht.

    Aber man musste ihn immer achten für seine Lebensleistung: ein neues Forschungsfeld und ein eigenes Institut aufgebaut zu haben, auf dem härtesten Weg, nach einer Jugend in einfachsten Verhältnissen, Bauzeichnerlehre, Berufsmatur und fünfzehn kargen Jahren im Kampf um
    die akademische Karriere. Und man konnte ihn als ewig juvenilen Mann nicht nicht mögen.

    Beim letzten Essen wollte er über eine geplante Vorlesung zu Intimität und
    Öffentlichkeit sprechen, ein Thema, das ihn immer umtrieb. Ich scherzte: «Ich denke nicht einmal etwas, was nicht öffentlich werden könnte.» Er liess Abgründe erahnen. Kurt Imhof, der als Raucher, Töfffahrer und Workaholic das Risiko nie scheute, ist am Sonntag an Krebs gestorben. Er wird mir, uns allen fehlen. Markus Schär

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