Fairness in den Medien gab zu reden – einiges blieb offen

Fairness – ein aus dem britischen Fussball übernommenes Buzz-Wort, das die von Medien geplagten VIPs einfordern und Medienleute gerne einzuhalten behaupten. Dem Thema widmete sich vor kurzem der im Auditorium Maximum der ETH etwas vollmundig als Communication Summit 2015 ausgerufene Anlass, den der Zürcher Presseverein und die Zürcher PR-Gesellschaft vorbereitet hatten. 400 PR- und Medienleute waren anwesend.

Reto Lipp (SRF) moderierte; die Medienanwältin Rena Zulauf, die in der Regel «Medienopfer» vertritt, beklagte die im Schweizer Journalismus weitgehend fehlende Fehlerkultur; Res Strehle («Tages-Anzeiger») gab dies teilweise zu und grenzte ein: «Zu Medienopfern werden oft Leute, die nicht mediengewandt sind»; der PR-Präsident Peter Eberhardt beklagte das «Zeitalter der Empörungsbewirtschaftung» im Journalismus, gestand aber ein, dass Fairness-Regeln in der PR noch ungenügend definiert seien.

    Das kann den Journalistenverbänden nicht vorgeworfen werden. Seit 2003 hat der von ihnen und neuerdings auch von den Verlegern und der SRG getragene Presserat eine leicht zu handhabende «Fairness-Richtlinie» formuliert; sie legt die Journalistenpflicht Nr. 3 im Journalistenkodex aus, die es verbietet, wichtige Elemente von Informationen zu unterschlagen. Die «Fairness-Richtlinie» (3.8.) gebietet, Betroffene VOR der Publikation SCHWERER Vorwürfe anzuhören; die Vorwürfe sind präzis zu benennen; die Äusserung des Betroffenen ist fair – wenn auch nicht gleich ausführlich wie der Vorwurf – im selben Bericht wiederzugeben.

    Die «Fairness-Richtlinie» ist immer noch ein Spitzenreiter unter den Beschwerdegründen, wie der Presserat im Jahresbericht 2013 festhält (11 Rügen in den 73 verabschiedeten Stellungnahmen).

Aber zurück zum Communication Summit: Unter den Podiumsteilnehmern, vorne an Stehpültchen aufgereiht, befand sich auch der Meteorologe und Journalist Jörg Kachelmann. Er streute als einziger kräftig Pfeffer in die Suppe während er sich über die ihm von der deutschen Justiz in Mannheim angetane Schmach echauffierte. (Laut «Zeit Online» handelte es sich im Mai 2011 nach 44 Prozesstagen und einem halben Jahr Untersuchungshaft um einen «Freispruch zweiter Klasse», weil die Indizien für die Feststellung/Widerlegung einer Vergewaltigung nicht ausreichten). Tonprobe Kachelmann im ETH-Auditorium: «Notgeile Klickschlampen im Online-Journalismus verfügen über erstaunliche Empathielosigkeit». Dies twitterte ein zitierender Zuhörer aus der ETH. Kachelmanns anhaltende Empörung über weite Teile der Prozessberichterstattung ist verständlich.

Einige Wochen zuvor hatte der Meteorologe in einem langen Erguss freilich dokumentiert, dass auch mit ihm – oder vielmehr mit seinem Redaktor an der «Weltwoche» ( Nr. 34/2014) – eine spannende Fairness-Diskussion zu führen wäre: Es ging um einen Konflikt zwischen Kachelmann und Fernsehen SF, der vor etwa 20 Jahren (!) zur Trennung geführt hatte. In Kachelmanns Text las ich diesen Herbst: «Der Bonsai-Macchiavelli von damals war der scheinhonorige Peter Studer [Chefredaktor], der das Elend [mit Lügen] komplett machte».

«Scheinhonorig» und «Bonsai» – Letzteres eigentlich sympathisch, wenn auch hier nicht so gemeint – lässt man als reine Meinungsäusserung stehen, wenn man sich seit 50 Jahren im Zürcher Medienseldwyla bewegt. Der Vorwurf der Unwahrheit hätte gemäss Fairness-Richtlinie aber verlangt, dass mich der Redaktor anruft und fragt, ob ich zum schweren Sachvorwurf der Lüge etwas sagen wolle. Natürlich hätte ich betont, dass meine Erinnerung eine diametral andere sei. Und: Mindestens diesen Satz bitte abdrucken …

Der Jurist Peter Studer war Chefredaktor des Schweizer Fernsehens SF und später Präsident des Schweizer Presserats.

von Peter Studer | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Fairness in den Medien gab zu reden – einiges blieb offen»

  1. Carl Hansen:

    Und deshalb tritt der beleidigte Jurist PS nach und ist sich nicht zu schade, das Zeit-Zitat vom Freispruch zweiter Klasse herauszukramen. Das ist jämmerlich und eines Juristen nicht würdig – Sie sollten wissen, dass es einen Freispruch gibt oder einen Schuldspruch.

    Dazwischen ist, wenn man es mit dem Rechtsstaat ernst meint, nichts.

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