Der Lazarus-Effekt

Eva Weissenberger ist für die Medienwelt, was der Quastenflosser für das Tierreich ist: eine Spezies, die man längst ausgestorben geglaubt hatte, dann aber überraschend wieder auftauchte. Weissenberger ist Chefredaktorin einer Zeitung, die ihre Auflage steigert – die gedruckte und die verkaufte, versteht sich.

Die «Kleine Zeitung» ist die grösste regionale Tageszeitung in Österreich. Sie wurde 1904 in Graz explizit mit der Absicht gegründet, den «kleinen Leuten» für zwei Heller jene Informationen in die Hand zu drücken, die bis dahin begüterten Schichten vorbehalten waren. In der ersten Ausgabe bezeichnete sich die Zeitung zweitens als «wohl informiertes Lokalblatt» und erstens als «Nachrichtenblatt».

Diesem Anspruch ist die «Kleine Zeitung» – mit einem Nazi-bedingten, zehnjährigen Unterbruch – bis heute treu geblieben. Auf der Titelseite («halbes Berliner Format», kleiner als unser Tabloid) steht nicht auf Teufel komm raus, was regional oder lokal wichtig ist, sondern was wirklich wichtig ist. Und das kann die grosse Weltpolitik sein, muss es aber nicht. Als Leser fühlt man sich ernst genommen. In ihrem Verbreitungsgebiet in der Steiermark, in Kärnten und im Osttirol erreicht das Blatt mit seinen 18 Regionalausgaben sagenhafte 50,3 Prozent der Bevölkerung.

Aussergewöhnlich ist Eva Weissenberger aber nicht nur, weil unter ihrer Führung die Auflage gestiegen ist, sondern auch, weil sie den Erfolg nicht mit ihrer eigenen Brillanz als Journalistin und Blattmacherin erklärt. Sie unterscheidet sich damit fundamental von vielen ihrer narzistisch veranlagten Kollegen: «Wir haben eben einen sehr guten Vertrieb», sagt sie. Die täglich 218’000 Exemplare kommen zeitig, pünktlich und in gutem Zustand zu den Lesern in den Städten und den dünn besiedelten Landstrichen zwischen Mürztal, Völkermarkt und Lienz.

Zoologen sprechen vom «Lazarus-Effekt», wenn ein ausgestorben geglaubtes Tier wie der Quastenflosser wiederentdeckt wird. Viele hoffen auf den Lazarus-Effekt in der Medienwelt, über Österreich hinaus. Wenn es ihn gibt, wird er weniger mit brillantem Journalismus zu tun haben, als mit einer realistischen Einschätzung davon, was man den Lesern bieten will. Und wie es zu ihnen gelangt.

Eva Weissenberger, übrigens, hat die Provinz inzwischen wieder Richtung Wien verlassen. Sie wird Chefin des Magazins «News».

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Der Lazarus-Effekt»

  1. Rainer Stadler:

    Ja, die kleinen Aufmerksamkeiten des Vertriebs sind nicht unbedeutend: Bei uns lag das „Tagblatt der Stadt Zürich“ einfach auf dem Boden. Unattraktiv. Schmutzig. Seitdem die Verträger es in die Briefkästen legen, schaue ich es wieder an.

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