Der dünne Firnis der Zivilisation

Leider war ein solcher Anschlag zu erwarten, und − noch schlimmer − wir müssen mit weiteren Anschlägen rechnen. Erstens wurde «Charlie Hebdo» seit der Publikation der Mohammed-Karikaturen wiederholt bedroht und war auch bereits Ziel eines Anschlags gewesen; zweitens dienen blasphemische Handlungen innerhalb des Wahrnehmungshorizonts des religiösen Fanatismus jeglicher Spielart seit jeher als beste Rechtfertigung für Terror; drittens besteht die Logik des Terrors in der Maximierung von Aufmerksamkeit zwecks Maximierung der Effekte; und schliesslich ist, viertens, der Zeitgeist reif, um den «Kampf der Zivilisationen» – so Klaus-Dieter Frankenberg in einem Kommentar in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» – kräftig anzuheizen.

Diesem Kommentar dürften viele weitere folgen, die den Angriff auf das Herz der Demokratie in Gestalt der Pressefreiheit ebenfalls auf das Niveau eines zivilisatorischen Kampfes erheben. Es handelt sich um dieselbe Reaktion, die wir 2005 in zahllosen Leitkommentaren in Europa zur Kenntnis nehmen mussten, als die rechtskonservative dänische Zeitung «Jyllands-Posten» mit der Publikation von Mohammed-Karikaturen begann und auf Proteste muslimischer Länder einerseits sowie massive Drohungen islamistischer Organisationen andererseits traf.

Nicht 9/11, sondern erst der «Karikaturenstreit» von 2005 war entscheidend für eine bemerkenswerte, aber kaum reflektierte Verwandlung der Wahrnehmung der Immigrationspopulationen in den westlichen Ländern: Die Immigranten aus muslimischen Ländern wurden nicht mehr, wie bisher selbstverständlich, nach ihren Herkunftsnationen unterschieden, sondern telle quelle als «Muslime» etikettiert und hochgerechnet. Dies war die Voraussetzung für einen Anti-Islamismus, der − durch rechtspopulistische Parteien befeuert − heute, zehn Jahre später, zu einer politischen Kraft geworden ist, die ihre Mehrheitsfähigkeit behauptet oder − in Frankreich − mit dem Front National anstrebt.

Damals wie heute ist die Pressefreiheit in unseren liberalen Rechtsstaaten nicht in Gefahr. So entsetzlich der Terroranschlag auf eine Wochenzeitung ist, er hebelt den französischen Rechtsstaat nicht aus. Die zivilisatorische Gefahr lauert anderswo.

Wer einen Blick unter den dünnen Firnis der Zivilisation hier bei uns werfen will, schaue sich die Kommentarspalten in denjenigen Online-Newsangeboten an, die ihre Kommentarspalten zu den Berichten aus Paris – erfahrungsgesättigt – nicht sogleich geschlossen haben. Hier tobt sie, die wahrgenommene islamistische Gefahr für das Abendland, die mit allen Muslimen in Bezug gesetzt wird. Hier zeigt sich der dumpfe Anti-Islamismus, der Unterscheidungen nicht mehr machen will, um sich anhand des Anschlags von Paris selbst zu bestätigen. Dieser angeschwollene Anti-Islamismus bei uns, in Europa, ist es, der vom Terroranschlag am meisten profitiert. Und wie die Antisemiten den Juden die Schuld für den Antisemitismus gaben, bestätigt sich dieser Anti-Islamismus durch dieselbe Zirkularität. Die katalytische Wirkung des islamistischen Terrors auf diese Zirkularität muss uns in erster Linie beunruhigen, wenn uns unsere zivilisatorischen Errungenschaften wichtig sind.

Kurt Imhof lehrt und forscht am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. Er ist Mitherausgeber des Jahrbuchs
«Qualität der Medien – Schweiz Suisse Svizzera».

von Kurt Imhof | Kategorie: Mediensatz

21 Bemerkungen zu «Der dünne Firnis der Zivilisation»

  1. Skepdicker:

    Es ist schade, dass Sie den irreführenden Begriff Anti-Islamismus verwenden. Zwischen Antipathien gegen eine politische Ideologie (Islamismus), gegen eine Religion (Islam) und gegen Menschen einer bestimmten Glaubensgruppe (Muslime) ist scharf zu unterscheiden.

    In den Kommentarspalten der Onlinemedien fällt neben den islamophoben Ergüssen ein weiteres unangenehmes Phänomen auf: Verschwörungstheoretiker vom linken oder rechten Rand, die das Massaker in Paris für eine sogenannte False-Flag-Operation der NATO oder der Zionisten halten.

    • Kurt Imhof:

      Sie haben in beidem Recht. Zum Ersten: Genau das wollte ich ausdrücken, aber was würden Sie für eine Begrifflichkeit vorschlagen?

      • Skepdicker:

        Islamophobie?

        • Kurt Imhof:

          Habe ich vermieden, weil es wie „Judenangst“ einen Zustand beschreibt – also ohne Akteure auskommt. Solche Begriffe eignen sich für die Beschreibung von Umfrageresultaten, die wiederum Resultat erfolgreicher politischer Kampagnen sind. Hier geht es um die Benennung von Kampagnen.

          • Skepdicker:

            Pegidismus?

            • Kurt Imhof:

              Nicht schlecht. Ich denke Sie wollen den Pedigismus (noch?) nicht auf die Stufe des zum Antiislamismus analogen Antisemitismus heben?

              • Skepdicker:

                Doch, das Analogon zu Pegida wäre ja «Patriotische Europäer gegen die Verjudung des Abendlandes».

                Mich stört allerdings das «Islamismus» in «Anti-Islamismus». Der Islamismus als totalitäre politische Ideologie ist eine ernsthafte Gefahr für die liberale Demokratie und die jüdischen Minderheiten in Europa. Dass der Islamismus nichts mit dem Islam zu tun habe, wie oft beschwichtigend behauptet wird, ist Nonsens. Wer diese Meinung vertritt, hat hoffentlich nie ein positives Wort über Karlheinz Dreschner verloren. Denn auch hinter den Kreuzzügen lagen gewichtige machtpolitische Interessen, welche man man nur stark genung gewichten muss, um die Hypothese zu belegen, die Kreuzzüge hätten mit der christlichen Religion wenig zu tun gehabt.
                Auch ist der Verweis auf die angeblich mangelhafte Qualifikation von Koran-Kritikern kein sonderlich gutes Argument. Die meisten Muslime sind keine Islamwissenschafter. Wer behauptet, ein «einfacher Bauzeichner» könne den Koran nicht verstehen, bestätigt die Koran-Kritik unfreiwillig. Konsequenterweise müsste man dann eine obligatorische Prüfung einführen, welche zur «korrekten» Koran-Interpretation befähigt. Die Islamisten haben überdies viel mit den Kritikern des Regietheaters gemein: beide fordern maximale Werktreue.

                Die allermeisten Muslime sind keine Islamisten. Albaner, Kurden, Türken und Bosnier haben mit dieser arabisch imprägnierten Ideologie besonders wenig am Hut. Auch legt die grosse Mehrheit der Muslime den Koran nicht wörtlich aus (so sie ihn denn überhaupt lesen). Sie brauchen sich deshalb von keinem einzigen Terroranschlag, der von Muslimen irgendwo auf der Welt im Namen des Islam begangen wurde, zu «distanzieren». Warum immer die Forderung nach einer «Distanzierung»? Bekanntlich befürworten nicht einmal die beiden Radikal-Konvertiten (und Medien-Hype-Produkte) vom IZRS Terroranschläge.

  2. Skepdicker:

    Nachtrag: Besonders negativ fiel übrigens die Befragung (oder das Verhör?) von Mustafa Memeti durch Alessandro Brotz in der «Rundschau» auf.

    • Kurt Imhof:

      Antwort wegen Lesbarkeit hier: Den Unterschied zwischen Islamismus als religiös-politische Ideologie und dem muslimischen Glauben, den Sie oben zu recht einziehen und deshalb den Begriff Anti-Islamismus kritisieren wird von den Pegidas aller Länder genauso wenig gemacht wie die Antisemiten aller Länder sich die Mühe nehmen würden, irgendeine Differenz bei der Diffamierung von Juden einzuziehen. Totalitäre Ausgrenzung lebt von absoluten Typisierungen.

      Das mit dem Bauzeichner habe ich nicht verstanden, obwohl mir der aktuelle Bezug klar ist. Wohl, weil ich in meinen 20ern auch bloss Bauzeichner war … Allerdings war mir damals schon klar, dass die Errungenschaften der Hermeneutik beim Lesen von Texten die Chance unsinniger Interpretationen deutlich mindert.

      • Skepdicker:

        Andreas Thiel ist gelernter Bauzeichner. Einige Intellektuelle, die vor ein paar Jahren noch die Diktatur des Proletariats anstrebten, nahmen dies zum Anlass, Thiel lächerlich zu machen. Früher hätte man ihm immerhin mangelndes Klassenbewusstsein oder eine Fixierung auf einen Nebenwiderspruch vorgeworfen. Heute versucht ein Roger Schawinski das Nichtlesen des Korans in einer Islam-Diskussion mit dem Hinweis zu kompensieren, er habe habe alle Frisch-Bücher gelesen. Die 68er haben die Rolle des bürgerlich-verfilzten Bildungsbürgertums prima übernommen.

  3. Frank Hofmann:

    Prof. Imhof, warum erwähnen Sie den virulenten Antisemitismus in Frankreich nicht? Franzosen jüdischen Glaubens sind Gewalt und Diffamierung durch Muslime ausgesetzt, werden bedroht, überfallen und beraubt, als Freiwild behandelt. Das ist Realität. Allein im letzten Jahr flohen 4000 jüdische Franzosen nach Israel. In der Presse wird viel zu wenig darüber berichtet. Eher werden ein paar Onlinekommentare als Massstab für die Bedrohung der abendländischen Zivilisation herbeigeredet.

    • Kurt Imhof:

      Ich habe den zirkulären Antisemitismus mit dem zirkulären Anti-Islamismus gleichgesetzt und auf diese Bedrohung unserer zivilisatorischen Errungenschaften aufmerksam gemacht. Was versperrt Ihnen die Sicht beides zu sehen?

      • Frank Hofmann:

        Diese Gleichsetzung ist inakzeptabel, Sie verharmlosen den gewalttätigen Antisemitismus, der in Frankreich klar islamistischen Kreisen zugeordnet werden muss und dem von der breiten Öffentlichkeit inkl. Regierung mit Gleichgültigkeit begegnet wird.

        Le Premier ministre a dit que „les juifs de France, depuis de nombreuses années, ont peur“. Das sagte Valls also heute. Diese linke Regierung – der Sie, Herr Professor, ja ideologisch nahestehen -, diese Maul- und Frauenhelden sind erbärmliche Versager. Nicht nur konnten Sie die Attentate nicht verhindern, nein, sie waren unfähig, in den letzten Jahren ihre jüdischen Mitbürger zu schützen. Man liess die Hassprediger in den radikalislamistischen Moscheen im Land gewähren.

        Warum gab es keine Demonstrationen gegen diesen offenen, militanten Antisemitismus? Warum vergessen die Medien die jüdischen Opfer der jüngsten Attentate?

        Dass nun – nicht ohne Erfolgschancen – versucht wird, die Aufmärsche gegen den Terrorismus in Protestaktionen gegen „Rechtspopulisten“ umzuwandeln, ist natürlich beabsichtigt. Zielscheibe sind nun nicht mehr die Terroristen, sondern man hat Angst vor der Angst vor dem Islam.

        Quelle hypocrisie! Diese Feigheit ist die reale Bedrohung der zivilisatorischen Errungenschaften!

  4. Kurt Imhof:

    Lieber Frank Hofmann

    Sie suchen nicht die Auseinandersetzung, Sie behandeln mich als Feind und fahren dabei grosses und durchweg falsches Geschütz auf: Feigheit; Verharmloser des Antisemitismus; Nahestehender von Maul- und Frauenhelden(?).

    Sie sind zu oft auf Social Media, kopieren den Duktus und Sie sind offensichtlich auch in Ihrem SM-Bubble gefangen: Der Anti-Islamismus ist in der EU sowohl in der öffentlichen Kommunikation als auch bezüglich gewalttätiger Anschläge u.a. auf Asylantenheime wesentlich virulenter als der Antisemitismus. Eine zivilisierte Gesellschaft nimmt – erfahrungsgesättigt – beide Meinungspornographien ernst und spielt schon gar nicht das eine gegen das andere aus! Wohlwissend, das die Vorzeichen auch wiedermal ändern können. Mit freundlichem Gruss

    • Kurt Imhof hat leider Recht. Frank Hofmann geht es nicht ums Diskutieren, sondern ums Freund-Feind-Denken. Auf dieser Seite sieht man sehr gut, wie er seinen Gegner mit Invektiven eindeckt und ihn auf eine Position fixiert, um ihn zu diskreditieren. Genau so funktionieren auch „Diskussionen“ in Onlineforen. Wenn Herr Hofmann auch noch nie einen Blick in Social Media geworfen hat, verstehe ich seinen Elfenbeinturm umso besser, der keine Ahnung davon hat, mit welch zweifelhaften Methoden auf dem Buckel Andersdenkender die SVP dort ihre „Siege“ erringt.

  5. Frank Hofmann:

    Herr Professor, eigentlich wollte ich die Diskussion mit Ihnen beenden, auch mit Rücksicht auf Unbeteiligte. Ihre Unterstellungen muss ich zurückweisen. Sie sind kein Feind für mich, ich behandele Sie als Linken, so viel sollte wohl erlaubt sein, und somit als jemand, der den regierenden Sozialisten in Frankreich ideologisch (so stand es geschrieben) nahesteht.

    Facebook, Twitter & Co. kenne ich bloss vom Hörensagen, wohl im Gegensatz zu Ihnen. Bubbles bzw. Elfenbeintürme assoziiert man gemeinhin mit Ihrem Arbeitgeber.

    Wenn Sie heute ARD geschaut haben: Da sagte ein französischer Jude, dass solche Demos schon längst hätten stattfinden sollen, nämlich gegen den grassierenden Antisemitismus („da sind schreckliche Dinge geschehen“), und dieser kommt klar von muslimischer Seite. Tausende von Juden fliehen nach Israel. Also: Warum gab es keine solchen Manifs, auch nicht nach dem Massaker in einer jüdischen Schule? Bei „Günter Jauch“ wurde eine Stunde lang über die Attentate in Paris diskutiert, komischerweise sprach man ausschliesslich über „Charlie“ und die Karikaturen.

  6. Mara Meier:

    Sandro Brotz führte den Beweis, dass beim dauererregten Kleinbürger, den er repräsentiert, durchaus nicht mit Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus zu rechnen ist. Ob Verhöre, wie die Rundschau oder Schawinski sie pflegen, erfolgreich sind, könnte nur ermittelt werden, wenn ihre Opfer parallel in ein normales Gespräch unter anständigen Menschen involviert würden. Da wir nicht in der Harry-Potter-Welt leben: hinfällig. So bleibt zu vermuten, dass Rumgefuchtel und investigatives Überengagement schlechte Resultate bringen.

    Herr Hofmann, der Text von Kurt Imhof erschien auch in „Tachles“, ein Organ, das bisher nicht besonders antisemitisch in Erscheinung trat.

    Der Anschlag in Paris offenbarte die metaphysische Schwäche und theologische Unterbelichtung des Westens. Ein rein rationaler Approach ist auch für gemässigte Kräfte des mannigfaltigen Islam eine Zumutung und daher nicht zielführend. Das Gespräch zwischen den Kulturen muss ein poetisches Gespräch sein.

  7. Hanspeter Spörri:

    Genau, liebe Mara! Uns kommt das normale Gespräch unter anständigen Menschen abhanden.

  8. Frank Hofmann:

    Frau Meier, merci für Ihren wichtigen Hinweis betr. Tachles. Könnte es sein, dass Herr Imhof seinen Artikel nach dem Attentat auf die Redaktion, aber vor der Geiselnahme im Koscher-Supermarkt geschrieben hat? Das würde einiges erklären.

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