Ausgedruckt

Böse Vorahnungen haben einen Vorteil. Sie gehen garantiert in Erfüllung – es ist nur eine Frage der Zeit. Das gilt auch für das Schicksal der NZZ-Druckerei in Schlieren.

Als die NZZ in den 80er-Jahren den Bau des Druckzentrums plante, war einer besonders skeptisch: Chefredaktor Fred Luchsinger. Er sagte, im üblichen gewundenen Stil seiner Zeit und seiner Funktion, das Projekt beschreibe eine «Zukunftsvision der NZZ», deren Dimension «die bisherigen Proportionen in einer beinahe unheimlich anmutenden Weise sprengt».

Weiter steht in dem fast schon apokalyptisch anmutenden Verwaltungsratsprotokoll: «Ihn (Luchsinger) quält der Umstand, dass die Schaffung zusätzlicher Druckkapazität (…) ein so kostspieliges Investitions- und Expansionsprojekt auslösen soll.» So ist es in der offiziellen NZZ-Geschichte zum 225-Jahr-Jubiläum 2005 nachzulesen.

Es war dann Luchsingers Nachfolger Hugo Bütler, der dem Verwaltungsrat den Bau empfahl. Und natürlich lief das Druckzentrum nach der Eröffnung 1990 wie geschmiert. Die Auflage stieg von 150’000 auf den Spitzenwert von 170’000 Exemplaren – was ohne die neuen Maschinen nicht zu bewältigen gewesen wäre.

Ich selbst kann mich noch an den Ausklang eines gediegenen Nachtessens im Untergeschoss des Druckzentrums erinnern. Dort hatte Verlagsdirektor Huber eine Art Club eingerichtet, wo man mit einem Cognac im dunkelgrünen, seidenweichen Leder englischer Sessel versank. Das Geld für solche Liebhabereien war vorhanden.

Böse Vorahnungen gab es auch, als die NZZ Ende der 90er-Jahre den Ersatz der Maschinen plante. Ein Jahresbericht aus dieser Zeit nannte die Drucktürme «Dinsosaurier des Informationszeitalters» – vorläufig noch in ironischen Anführungszeichen.

Damals war es gerade Mode, von dezentralen Digitaldruckereien im Miniformat zu träumen. Mit diesen Fotokopierer-grossen Maschinen wäre die Zeitung dezentral da gedruckt worden, wo die Zeitungsleser waren. Das Versprechen erfüllte sich nicht. Rotationsdruck ist für grosse Auflagen bis heute einfach weit günstiger, auch wenn man den Transport miteinberechnet.

Dass Tamedia jetzt die «NZZ» zusammen mit «Tagi», «20 Minuten», «Basler Zeitung» und einem halben Dutzend weiteren Blättern auf den gleichen Maschinen drucken kann, ist nicht nur ein Zeichen für den Auflagen- und Inserateseitenschwund der «Alten Tante», sondern auch aller anderen Titel. Nur weil die Blätter immer weniger und immer dünner werden, kann Tamedia unterdessen auch im Auftrag der Konkurrenz drucken.

Für Schadenfreude ist da also kein Platz. Und noch etwas: Unbemerkt von uns Journalisten, die wir mit dem Bejammern des Personalabbaus in den Redaktionen okkupiert waren, haben die Verlagsmanager das Druckgeschäft (und die Druckvorstufe) konsequent rationalisiert, was über die Jahre in der ganzen Schweiz mit dem Verlust von Hunderten von Arbeitsplätzen verbunden war.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

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