Die schärfsten Kritiker der Elche …

Ich finde die Debatten um das «Jahrbuch Qualität der Medien» mittlerweile ja etwas müssig, die Reaktionen einigermassen absehbar. Jeder darf sich einmal an Kurt Imhof abarbeiten. Wie Kinder, die laut singen, weil hinter der nächsten Ecke der böse Wolf lauert. Auch Andrea Masüger ergriff letzte Woche hier im Medienspiegel die Gelegenheit. Sein Appell an den Berufsstolz junger Journalisten: Huldigt weniger den Thesen des «späten Klassenkämpfers» Imhof. Was mich ehrlich gesagt nicht so recht zu überzeugen vermag.

Wer die Ergebnisse des «Jahrbuchs» zunächst einmal nüchtern zur Kenntnis nimmt, ist weder ein Totengräber der eigenen Zunft noch lässt sich daraus auf mangelnden Berufsethos schliessen. Jungjournalisten sind keineswegs kulturpessimistischer als ältere. Im Gegenteil: Woran der Journalistenberuf krankt, umschreiben alte oft sehr ähnlich wie junge.

Nun denn: Auch ich habe nur in der Zusammenfassung (PDF) der foeg-Studie geschmökert. Wo kämen wir denn da hin, wenn sich alle auf einmal mit der ganzen Studie beschäftigten. Aber hallo! Ironiemodus off. Aber darum geht es mir nicht. Festzuhalten ist vielmehr: Egal für wie bröckelnd man die Qualität der Schweizer Medien letztlich hält, mit nahezu 100%-iger Wahrscheinlichkeit hängen Medienprodukte von ihren realen Produktionsbedingungen (PDF) ab. Eine Binse, die das alljährliche «Jahrbuch»-Bashing leider oft geschickt verdeckt.

Ein anderer «Jahrbuch»-Kritiker argumentierte kürzlich, man sei − Internet sei dank − heute doch grundsätzlich viel breiter informiert, auch in Vorinternetzeiten ignorierte Lokalblätter fänden in den Social-Media-Stream, über den Rest würde uns gar die versammelte Weltpresse informieren. Da ist was dran. Zweifellos. (Vorausgesetzt man versteht Urdu, Sanskrit und die anderen zwei drei Sprachen.) Nur ist auch dies kein Argument, das für oder gegen abnehmende Medienqualität ins Feld geführt werden könnte. Es weist höchstens darauf hin, dass negative Auswirkungen abnehmender Medienqualität durch die faktische Existenz des Internets abgemildert werden.

Meine steile These zu den «Jahrbuch»-Kritiken der letzten Jahre lautet daher: Je höher einer (so gut wie alle Autoren sind Männer) in einem Medienkonzern steigt, desto kleiner die Bereitschaft, sich ernsthaft mit den Ergebnissen der Studie zu beschäftigen. Wer das erste Haar finde, schütte den Rest der foeg-Suppe in den Abguss. Konzernjournalismus statt Informationsvermittlung.

Küchenpsychologisch kann ich mir das nur so erklären: Je mehr Medienmassaker einer (dieser harten Männer) überlebt und/oder mitorchestriert hat, desto dramatischer die Realitätsflucht. Jeder weitere Ab- und Umbau ist von halb bis ganz oben betrachtet nur noch eine Riesenchance, alles darf nur noch durch die Innovationsbrille betrachtet werden. Und weil das ganze bunte Treiben selbstverständlich einzig und allein der Qualitätssteigerung dient, jagt eine Umstrukturierung die andere. Alles wird qualitativ immer besser. Was letztlich nur noch den Lesern (schonend) beigebracht werden muss.

Ugugu hat seine angestammte Tätigkeit als Journischredder zunehmend auf Twitter verlagert.

von Ugugu | Kategorie: Mediensatz

2 Bemerkungen zu «Die schärfsten Kritiker der Elche …»

  1. „Je mehr Medienmassaker einer (dieser harten Männer) überlebt und/oder mitorchestriert hat, desto dramatischer die Realitätsflucht.“ Sehe ich auch so. Die von solchen Leuten oft wiederholte These, die Zeitungen seien heute sehr viel besser als früher, ist einfach nicht glaubwürdig. Tatsächlich haben sich die Blätter modernisiert und machen heute Vieles besser als früher. Aber wie logisch ist es, dass weniger Journalisten mit weniger Zeit und weniger Mitteln Produkte erstellen, die sehr viel besser sind? Und Menschen, die diese These gebetsmühlenartig wiederholen, sind vertraut mit der Führung von Medien, denen die Konsumenten jedes Wort glauben sollen?

    Die Konsumenten glauben diese Eigen-PR aus den aufgeführten Gründen schon lange nicht mehr. Jetzt müssten dann nur noch irgendwann mal auch die Journalisten soweit sein und intern Contra geben gegen solche Propaganda. Ich meine, es geht bei der Rezeption des Medienjahrbuchs nicht um die Beantwortung der Frage, ob Zeitungen in einem Zustand bewahrt werden sollen, wie sie 1985 mal waren. Das Jahrbuch ist vielmehr, wie jede Medienkritik, ein Angebot, um daraus zu lernen. Doch wie zwergengleich die Lernbereitschaft einiger zumeist älterer Herren ist, wurde leider schon zu oft bewiesen.

  2. Fred David:

    Ich verbitte mir jegliche unqualifizierte Anspielungen auf „ältere Herren“. Ansonsten bin ich mit allem von @Ugugu und @) Ronnie Grob vollumfänglichst einverstanden, insbesondere auch mit dem Satz : ….. „vorausgesetzt man versteht Urdu, Sanskrit und die anderen zwei drei Sprachen…“.

Bemerkung anbringen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *