Stop the presses!

Ziemlich genau zehn Jahre nach der Inbetriebnahme von zwei «modernsten Rotationsmaschinen» («NZZ» vom 1.4.2006), die dafür sorgen sollten, «dass für die nächsten Jahrzehnte eine gedruckte NZZ in bester Qualität erscheint», will die NZZ-Mediengruppe ihr «drucktechnisches ‹Kreuzschiff› … in dieser ‹Kathedrale der Technik›» («NZZ» vom 1.10.2004) in Schlieren per 30. Juni 2015 aufgeben.

Aus der Medienmitteilung vom 25. November 2014:

«Der Schweizer Markt für Zeitungsdruck verfügt über erhebliche Überkapazitäten. Sinkende Auflagen für Eigenprodukte haben dazu geführt, dass Zeitungsdruckereien zunehmend auf die Aufträge von Drittkunden angewiesen sind. Die Preise für diese Aufträge sind allerdings aufgrund der Überkapazität stark unter Druck geraten. Von dieser Entwicklung ist auch das Druckzentrum Schlieren betroffen, dessen Kapazität in den 90er Jahren auf dem Höhepunkt des Zeitungsbooms geplant wurde.»

Angesichts des Strukturwandels betrachte die NZZ-Mediengruppe «das Bedrucken von Papier nicht mehr als ihr Kerngeschäft», erläutert Wirtschaftschef Peter Fischer den Entscheid seines Arbeitgebers. Zudem würden sich «die in nächster Zeit notwendig werdenden Unterhalts- und Erneuerungsinvestitionen in zweistelliger Millionenhöhe in das Ende der 1990er Jahre erbaute Druckzentrum in Schlieren nicht mehr rechtfertigen lassen».

«Unser Wachstumspotenzial liegt vor allem im Digitalmarkt», lässt sich NZZ-CEO Veit Dengler in der Medienmitteilung zitieren. «Um unsere Zukunft zu sichern, investieren wir konsequent in die Verbreiterung unserer Produktpalette im Online- und Mobile-Bereich.»

«[M]aximal 125 der 184 Arbeitsplätze» sollen von der Schliessung des Druckzentrums betroffen sein. Der Druck von «NZZ» und «NZZ am Sonntag» soll künftig in der Zürcher Druckerei von Erzrivale Tamedia erfolgen, was an der kommenden Generalversammlung der AG für die Neue Zürcher Zeitung für das eine oder andere erregte Votum sorgen dürfte.

Betriebswirtschaftlich ergibt das vermutlich alles Sinn. Kaum jemand dürfte überdies bestreiten, dass die Bedeutung gedruckter Informationen abnimmt und Investitionen in digitale Innovationen und Produkte deshalb absolut notwendig sind. Ob man den Tod eines Medienträgers aber gleich auch noch durch Herbeireden beschleunigen muss, wie dies zumindest einige Entscheidungsträger des Hauses NZZ derzeit zu tun scheinen − eines Medienträgers notabene, der immer noch für den überwiegenden Teil der Einnahmen sorgt −, steht indes auf einem anderen Blatt (pun intended) geschrieben.

Ob man Papier bis auf Weiteres nicht eher schön- statt schlechtreden sollte? Denn die Werbekunden werden in einem Medium, das nach Ansicht seiner Hersteller ohnehin nur noch von «alten Säcken» konsumiert wird, auf Dauer vermutlich keine teuren Inserateseiten mehr schalten wollen.

Man wird den Eindruck nicht los, dass sich NZZ-CEO Dengler für eine Dopplet-oder-nüüt-Strategie entschieden hat. Immerhin bleiben ihm dafür ja noch ein paar Immobilien, die zu Geld gemacht werden können − nicht zuletzt etwa die Perle an der Falkenstrasse, die durch einen Umzug von Redaktion und Verlag nach Schlieren freigemacht werden kann.

Übrigens: In der gleichen «NZZ»-Ausgabe, in der die Schliessung des Druckzentrums Schlieren bekanntgegeben wurde, war unter dem Titel Neuorientierung und Jobsuche mit 50 plus geschmackvollerweise auch noch folgendes zu lesen:

«Ein Stellenverlust wird oft als massive Kränkung empfunden – besonders von älteren Arbeitnehmern, die ihre Karriere noch zu einer Zeit gestartet haben, in der Loyalität und Sicherheit wichtige Grundwerte einer Arbeitsbeziehung waren. Schliesslich hat man sich über viele Jahre voll eingesetzt, die Firma war wie eine erweiterte Familie. Plötzlich gehört man nicht mehr dazu!»

Die Gewerkschaften sind darob gar nicht amused: Entlassungen als Weihnachtsgeschenk

Update, 5. Dezember 2014: Kampflos wird nicht zugemacht (Andreas Fagetti, «Woz»)

Update, 11. Dezember 2014: Aufstand gegen die Schliessung der Druckerei (Edith Hollenstein, «persoenlich.com»):

«Die NZZ-Personalkommission (PeKo) und die Betriebskommission in Schlieren (BKS) sind zusammen mit den Gewerkschaften seit rund zwei Wochen daran, Unterschriften gegen die Schliessung der Druckerei in Schlieren zu sammeln. Waren es vor Wochenfrist noch 330 (persoenlich.com berichtete), sind jetzt bereits 660 Unterschriften zusammengekommen, wie es in einer mit ‹Zwischenbericht Konsultationsverfahren NZZ Print› betitelten Mitteilung heisst.

‹Die Petition haben neben Mitarbeitern aus Schlieren auch sehr viele Redaktoren der NZZ und der NZZ am Sonntag unterschrieben, sowie Auslandkorrespondenten und Ehemalige›, erklärt PeKo-Präsidentin Brigitte Hürlimann auf Anfrage von persoenlich.com. Daneben sei auch die Leserschaft besorgt und viele Inserenten hätten sehr negativ reagiert, da sie eine Einbusse an Druckqualität und Flexibilität befürchten würden. Daher soll die Aktion breiter gefahren werden: ‹Ab heute Donnerstag werden wir zudem in Bern bei Bundespolitikern Unterschriften sammeln›, so Hürlimann.

Daneben haben die beiden Kommissionen Informationen zur betriebswirtschaftlichen Situation der Druckerei eingeholt. Dabei zeige sich: Die Druckerei rentiere. ‹Die Auftragslage ist heute so gut wie noch nie, die Maschinen laufen auf Hochtouren, die Mitarbeiter schieben seit Monaten Überstunden und es ist gelungen, einen höchst interessanten Grossauftrag zu akquirieren, der bei einer Schliessung gefährdet wäre (weil er im Sankt Gallischen nicht in vollem Umfang gedruckt werden kann)›, heisst es in der Mitteilung.»

Dazu auch noch zwei Zitate aus dem Geschäftsbericht 2013 (PDF) der AG für die Neue Zürcher Zeitung:

«Das Betriebsergebnis (EBIT) konnte im Berichtsjahr vor allem dank Effizienzsteigerungsmassnahmen und dem Drittkundengeschäft im Zeitungsdruck auf der Kostenseite mit 11,0 Mio. CHF sogar leicht über Vorjahr (10,5 Mio. CHF) gehalten werden. […]

2013 konnten im Bereich Zeitungsdruck dank erfolgreicher Marktbearbeitung das Kundenportfolio im Drittkundengeschäft kontinuierlich erweitert werden. Unter anderem konnten Zusatzaufträge aus der Schliessung der BaZ-Druckerei, der Druckauftrag für die ‹Schaffhauser Nachrichten› und für eine Teilauflage des ‹Blicks am Abend› gewonnen werden. Weiter wurden wichtige Mehrjahresverträge erneuert.»

Update, 14. Januar 2015: «Bericht und Anträge der Betriebskommission Schlieren und der NZZ-Personalkommission zur beabsichtigten Schliessung von NZZ-Print» (PDF):

«Die Schliessung von NZZ-Print ist zum aktuellen Zeitpunkt betriebswirtschaftlich unnötig, strategisch falsch und bei langfristiger Perspektive sogar gefährlich. Die Unabhängigkeit, Selbständigkeit und Flexibilität der traditionsreichen Institution NZZ werden erheblich gefährdet. Es wird ausgerechnet an jenem Standbein gesägt, von dem die NZZ heute immer noch lebt: den gedruckten Produkten, mit denen wir 6 von 7 Franken verdienen. Auch der gute Ruf der NZZ-Mediengruppe leidet massiv unter einem Outsourcing an den direkten Konkurrenten Tamedia.»

Update, 3. Februar 2015: Schliessung der Druckerei am Standort Schlieren wird definitiv (Medienmitteilung mit Information über den Abschluss des Konsultationsverfahrens zur Schliessung des Druckzentrums Schlieren der NZZ-Mediengruppe [PDF])

von Martin Hitz | Kategorie: Sparschwein

3 Bemerkungen zu «Stop the presses!»

  1. Pingback: Zürcher Presseverein » NZZ schliesst Druckzentrum in Schlieren

  2. Markus Amgarten:

    Es ist bedenklich, wenn man dem Digitalwahn verfällt, ohne auch nur im geringsten eine Vorstellung zu haben, wie man damit Geld verdienen kann.
    Dem Verwaltungsrat der NZZ, der sich an der Nase herumführen lässt, wünsche ich weiterhin einen gesunden Tiefschlaf.

    • Frank Hofmann:

      Hauptsache, Frauenquote ist erreicht (3/9). Werber, Berater und Marketer sind eher übervertreten. Deshalb musste wohl auch ein branchenferner CEO her. Kommt schon gut …

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