Audiatur et altera pars

Replik auf Balz Bruppachers «Mediensatz»-Kolumne «Wie die sda ihren Konkurrenten an die Wand drückte»

Von Bernard Maissen

Vorab: Wie Balz Bruppacher bin auch ich in Sachen Nachrichtenagenturen kein neutraler Beobachter. Ich habe mich auch schon mehrfach zu seinen Vorwürfen geäussert. Da er sie aber mit schöner Regelmässigkeit wiederholt und für mich der Grundsatz «audiatur et altera pars» zum Journalismus gehört, repliziere ich nach einigem Überlegen auch dieses Mal.

Zu den Fakten: Die sda hat im Sommer eine einvernehmliche Regelung mit der Wettbewerbskommission getroffen. Das ist kein Richterspruch. Wir haben diesen Weg gewählt, weil nach viereinhalb Jahren Untersuchungen der Weko über das gesamte Tarif- und Rabattsystem ein einziger Punkt übrig geblieben ist, nämlich der Spezialrabatt. Wenn wir uns nicht einvernehmlich geeinigt hätten, hätte sich das Verfahren hingezogen. Weitere Jahre wäre die Agentur blockiert geblieben. Deshalb haben wir eingewilligt, aber klar kommuniziert, dass wir die Situation auch heute noch anders sehen. Die von Balz Bruppacher aufgeführten Punkte, an die wir uns in Zukunft halten müssen, konnten wir leichten Herzens unterzeichnen, weil das bereits seit Jahren gelebte Praxis ist. Andere Aspekte der Geschäftspolitik der Agentur hat die Weko nicht untersucht. Das anerkennt auch Balz Bruppacher, doch dann verbindet er doch die Rabattfrage mit der Schliessung von AP Schweiz. Subtil wird damit insinuiert, die sda sei schuld, dass AP Schweiz geschlossen wurde.

Mit Verlaub, das ist etwa so falsch, wie wenn man den Untergang der DDR dem Grenzbeamten in die Schuhe schieben würde, der an der Bornholmer Strasse den Schlagbaum geöffnet hat.

Der Entscheid, AP Schweiz zu schliessen, hängt mit dem Entscheid der amerikanischen Agentur AP zusammen, sich in Europa von den nicht-englischsprachigen Diensten zu trennen. Genau wie der Entscheid, AP Schweiz zu gründen, im Endeffekt in Amerika gefällt wurde, entschieden die Amerikaner auch, dass sie dieses Geschäft nicht mehr weiterführen wollten. Die Rechte für Deutschland, Österreich und die Schweiz gingen 2009 an ddp und damit an zwei Finanzinvestoren. Diese konnten so in Deutschland zu einer Vollagentur werden und wollten damit die dpa, die analog der sda in der Schweiz den Medienhäusern Deutschlands gehört, vom Markt drängen. Das gleiche war mit Unterstützung von Balz Bruppacher auch in der Deutschschweiz angedacht. Selbstverständlich nicht auf den wenig lukrativen Märkten in der Romandie und dem Tessin, in denen die sda gemäss ihrem Leitbild gleichwertige Dienste zu gleichen Preisen anbieten muss.

Die ddp-Eigner und Bruppacher kontaktierten und besuchten denn auch die Schweizer Grossverlage. Sie schlugen den Besitzern der sda vor, in Zukunft mehr auf die Nachfolge-Agentur der AP und weniger auf die aus ihrer Sicht unflexible, schwerfällige und teure sda zu setzen. Denn sie wussten, dass aufgrund der Entwicklungen im Medienmarkt, zwei Agenturen auf dem Schweizer Markt nicht überleben würden. In vergleichbaren europäischen Ländern gibt es nämlich seit jeher nur eine nationale Agentur. Und die Schweizer Verlage waren damals immer weniger in der Lage und willens, zwei Agenturen zu abonnieren. Die von AP Schweiz seit der Gründung 1981 definierte Rolle als «Zweitagentur» gab es nicht mehr. Mit Ausnahme der ganz grossen Redaktionen gab es nur entweder sda oder AP.

Da der Wille der Verlage und Grossaktionäre der sda, ihrer Agentur den Rücken zu kehren, nicht besonders gross war und die ddp-Eigner sich in Deutschland auf einen langen Kampf gegen dpa einstellten, suchte ddp nach einer anderen Lösung in der Schweiz und fand diese in der Zusammenarbeit mit der sda. Sie wollte ihre Rechte für die Schweiz verkaufen, wir haben das Angebot geprüft und sind ohne Verschwörung und üble Tricks darauf eingestiegen. Das von Balz Bruppacher regelmässig beschriebene Weko-Verfahren hat mit dem Vertrag zwischen ddp und der sda überhaupt nichts zu tun. Dieser wurde im Verfahren auch nie überprüft, weil es keinen Anlass und keinen Grund dazu gab.

Durch die Übernahme der Verträge von AP mit den Schweizer Kunden und der Belieferung dieser mit dem internationalen Dienst in Deutsch und Englisch bekam die sda auch Einblick in die Verträge zwischen AP Schweiz und den Verlagshäusern. Auch diese waren nicht Gegenstand der Weko-Untersuchung, doch wenn Balz Bruppacher von fehlender Transparenz spricht, erlaube ich mir doch darauf hinzuweisen, dass die sda-Tarife sehr transparent sind. Die Gleichbehandlung aller Kunden ist oberstes Gebot und die Tarifstruktur und Berechnung sind von der Weko sowohl in Struktur, Form und Anwendung als korrekt beurteilt worden. Leidglich eine Rabattform erachtete sie als Verletzung des Kartellgesetzes, ein Rabatt, der von sehr wenigen Kunden in Anspruch genommen wurde.

Wir mussten aber feststellen, dass die AP-Tarife weder transparent noch nachvollziehbar waren. Offenbar bestand in den Preisverhandlungen sehr grosser Spielraum. Eine Gleichbehandlung der Kunden bezüglich Auflage oder Reichweite konnten wir nicht erkennen. Die Preise wurden sehr flexibel festgelegt. Dieses Preisniveau liess sich nur als Tochter der AP-Mutter halten. Es war klar, dass die neuen Eigentümer eine ganz andere Rechnung machen mussten. Gleiches geschah ja auch in Deutschland, wo die Kunden dann aber die notwendigen Erhöhungen nicht akzeptierten. Folge davon war der Konkurs von DAPD, der Nachfolgerin von ddp, die mit der Übernahme der AP-Lizenzen zu DAPD mutiert hatte. Auch in Frankreich, wo die Herren die gleiche Übung durchexerzieren wollten, scheiterten sie und gingen in Konkurs. In Deutschland und in Frankreich konnten die grossen Agenturen dpa und afp im Kampf bestehen. Die sda wäre dazu nicht in der Lage gewesen. Die Mehrsprachigkeit wäre weitestgehend auf der Strecke geblieben. Die Schliessung von AP Schweiz wäre spätestens mit dem Untergang von DAPD in Deutschland unumgänglich geworden, allerdings wäre in der Zwischenzeit auch die Struktur der sda zerstört worden.

All das haben sich die Besitzer der sda, die im Verwaltungsrat der Zusammenarbeit mit ddp zustimmten, sehr wohl überlegt. Ihnen daraus jetzt einen Strick zu drehen, nachdem man selber gerne zur Nummer eins geworden wäre, ist heuchlerisch. Und das Weko-Verfahren nicht nur mit der Schliessung von AP Schweiz, sondern auch noch mit einer allfälligen Unterstützung der Minderheitensprachdienste der sda in Verbindung zu bringen, ist für mich nur mit der persönlichen Betroffenheit von Balz Bruppacher erklärbar. Dass er dann auch noch die Aussagen von Bundesrätin Doris Leuthard bewusst missversteht, passt in dieses Bild. Denn die an der Rede am MAZ geäusserte «Einbettung von News» hat mit dem Begriff «embedded» gar nichts zu tun. Alle Redaktionen müssen heute Informationen einbetten. Mit der Vermischung der Begriffe unterstellt Bruppacher der sda auf Vorrat, dass sie die seit 120 Jahren erfolgreich gepflegte Unabhängigkeit verlieren würde. Etwas worauf sich die sda-Besitzer ebenso wenig einlassen würden, wie sie es auf das Abenteuer ddp/DAPD getan haben.

Bernard Maissen ist Chefredaktor sda.

von Bernard Maissen | Kategorie: Medienschau

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