Trick 77

Nachdem Tim Cook in seiner Funktion als Apple-Chef gesagt hatte «being gay is among the greatest gifts God has given me», lobte «NZZ»-Korrespondentin Christiane Hanna Henkel weder sein Coming-out noch das damit verbundene Glaubensbekenntnis zu einem Schöpfergott. Im Gegenteil. Henkel schrieb, das sei Machtmissbrauch. Andere nannten den Konzern-Boss «mutig». Über die Standpunkte liesse sich streiten. Zum Beispiel in der «NZZ». Handelte es sich nicht um ein Tabuthema, das den Shitstorm anzieht. Den hätte man für eine Debatte aushalten müssen. Aber der alten Tante an der Falkenstrasse stank das zu sehr.

Die Shitstormverhinderungsmassnahme von «NZZ»-Chefredaktor Markus Spillmann war etwa so elegant und (für Mitarbeiter und Leserinnen) wünschenswert wie das erste Substantiv in diesem Satz. Doch wie manch andere sperrige Kreation setzte sie sich durch. Weil praktisch und effizient. In der Kommentarspalte und auf Twitter stellte sich Spillmann vor einen Teil der Öffentlichkeit im Internet und widerrief im Namen der Liberalität. Homosexualität sei ein Menschenrecht. Dafür gab es viel «Respekt». Hatte das jemand angezweifelt? Good News: Homosexualität ist sogar ein Naturrecht.

Obwohl der Chefredaktor schnell reagierte, wurde die «NZZ» auf Twitter als «homophobes Drecksblatt» beschimpft. Der Schreiber: anonym. Andere fluchten auch, Fluchen ist ja gratis, und in der Gruppe oft ein grösseres Vergnügen als alleine im Hobbyraum. Manche Ausrufer wirkten wie die neidischen Untermieter der Dame mit der Bibliothek auf der Beletage. Die Wichtigtuerin, die immer zu gewählt spricht und einmal einen Abfallsack etwas zu lange vor der Tür stehen lässt. Jetzt, Freunde, wäre der Moment, sie aus der Wohnung zu zerren und selbst dort einzuziehen!

Und das alles, weil Apple dort drüben wieder einmal − und etwas anders als sonst − die PR-Maschine angeworfen hatte, die direkt in unsere Geräte und Köpfe trommelte. Wo blieb eigentlich der Kapitalismuskritiker? Die Kämpferin für eine gerechte Welt, für eingehaltene Mindestarbeitszeit von 60 Stunden und gegen den Abbau der Seltenen Erden? Der Religionsallergiker? Die Gegnerin des Intimterrors? Der Verlacher des Bekenntniswahns? Warum haben sich diese kritischen Stimmen oder die kritischen Anteile der potentiellen Shitstormer nicht gemeldet? Ist die sexuelle Ausrichtung einer Person wichtiger als alle anderen Aspekte? Läuft die Identifikation mit einer Person vornehmlich darüber, ob sie Frauen oder Männner liebt?

Einst verurteilten westliche Homosexuelle die heteronormative Mehrheit zu Recht, weil diese die Minderheit einzig auf ihre Sexualität komprimierte und sich über sie erhob. Natürlich ist es ein Unterschied, wenn sich im Gegenzug jemand freiwillig auf die eigene Sexualität fixiert. Trotzdem müsste es dort, wo die Gleichstellung flott vorangeht, das Ziel der Emanzipation und des Selbstverständnisses sein, keine öffentliche Rechenschaft über Privatangelegenheiten abzulegen, weil das niemanden etwas angeht. Und es wäre schön, wenn zu allen durchdringen würde, dass es keinen Wettkampf der Sexualitäten gibt. Den Schöpfergott bemühen, ist Trick 77, um sich in die erste Reihe zu drängen. Dort steht übrigens schon die Truppe der grossen Denker, die Homosexualität für widernatürlich halten. Als gäbe es «natürlich». Dummerweise stehen dort aber auch alle anderen, die den Trick 77 gar nicht kennen. Denn es gibt nur diese eine Reihe.

Tim Cook, der Geschäftsmann in der ersten Reihe, hätte sich niemals ohne Kalkül geoutet. Die Herleitung dieser Aussage findet sich in den Apple-Tempeln. Jeder Verkäufer ist auch die Kasse, er hat ein Kreditkartenterminal dabei, das neue Zeug blitzt und blinkt, das Geldmaschineli in seiner Hand sieht ramponiert aus. Es wird getippt, bis dem Angestellten die Finger ab- und die Augen zufallen. Die Quittung ist blitzartig in deiner Inbox. Totale Berechnung. Und da glaubt man, das persönliche, «mutige» Statement des obersten Chefs dieses Systems sei primär zu Gunsten einer Minderheit − in rückständigen Gebieten der USA tatsächlich noch arg drangsaliert − und nicht ein Mittel für emotionale Aufmerksamkeit im ach-so-schuurig-kalten Business? Mutig wäre ein Coming-out eines Firmenchefs in Nigeria oder im Iran, wo die Homosexuellen an den Kranen hängen, in Ägypten, wo wegen der sexuellen Ausrichtung lustvoll Existenzen zerstört, ehrbare Männer im Gefängnis gefoltert werden.

Cook schwul? Meine Grossmutter hätte dazu bemerkt, ihrer Hose sei das egal. Meiner Jacke auch. Sexuelle Ausrichtung von Leuten, die man nicht kennt: Jacke wie Hose. Wenn man sie kennt: noch wurschter. Und doch, bei aller Kritik an der Diskreditierung einer Redaktorin und des Teams, um eine Zeitung vor dem Shitstorm zu bewahren. Bei allem Reden über eine postsexuelle Ära: Mit dem dargestellten Respekt Minderheiten gegenüber, vorzüglich der Homosexuellen und der Juden, ist es so eine Sache. Er ist fragil und kann jederzeit kippen und in Stigmatisierung und Katastrophe münden. Das ist wohl der tiefere Grund für Tabus. Sie machen klar: Es gibt eine reale Gefährdung, wenn auch nicht jetzt und hier. Das Tabu als Bannspruch. So wird es verständlicher, ja sympathisch. Debatten müssen in diesem Wissen geführt werden, aber sie müssen geführt werden. Tabus reichen nicht.

Romana Ganzoni, Autorin, Celerina.

von Romana Ganzoni | Kategorie: Mediensatz

12 Bemerkungen zu «Trick 77»

  1. Jürg Fischer:

    Sehr geehrte Frau Ganzoni
    Weil ich Sie hier in der Vergangenheit mehrfach kritisierte, ist es mir ein umso grösseres Anliegen, Ihnen zu diesem hervorragenden Mediensatz zu gratulieren. Klasse!
    mfg. JF

  2. Am 30. Oktober erschien der Text von Christiane Henkel in der NZZ.

    Am 31. Oktober erschien die Entschuldigung von Markus Spillmann.

    Am 12. November erscheint die Replik von Romana Ganzoni.

    Mit Verlaub: Für ein Medium, das von seinen Aposteln als besonders schnell gelobt wird, ist Ganzonis Arbeitstempo wahnsinnig gemütlich.

    Dass Ganzoni Spillmann unterstellt, er habe seine Entschuldigung nur publiziert, um einen Shitstorm anzuwenden, ist eine Frechheit. Ich bin mit dem NZZ-CR völlig einverstanden: Die Publikation des Kommentars war eine Fehlleistung. Für Heterosexuelle ist es recht wohlfeil, ein coming-out als «Machtmissbrauch» oder PR-Stunt zu verspotten. Ausserhalb der hippen Metropolen (und auch in grossen Teilen innerhalb derselben) ist Homosexualität noch bei weitem nicht so selbstverständlich, wie sie es sein sollte.

    Wie es in Ganzoni-Texten des öfteren vorkommt, sind ihre Assoziationssprünge auch diesmal schwer verständlich. Was zum Teufel haben seltene Erden und Kapitalismuskritik mit Tim Cooks Coming-out zu tun? Keine Ahnung.

    Wenn Frau Ganzoni wenigstens inhaltlich etwas Originelles bieten würde, wäre die zweiwöchige Verspätung akzeptabel. Aber ihr Text wiederholt nur die Argumente von Henkels NZZ-Kommentars, einfach mit mehr Worten und weniger gut verständlich geschrieben. Dass die ausgewalzte Wiederholung zwei Wochen (!) nach dem Originaltext erscheint, und dazu noch im angeblich besonders schnellen Internet, mutet kurios an. Ist in den letzten zwei Wochen wirklich nichts Spannendes passiert?

    • Jürg Fischer:

      Lieber Andreas
      Einerseits bist Du – zurecht – ein beredter Kritiker, wenn online schnell und unreflektiert publiziert wird, andererseits machst Du Frau Ganzoni jetzt den Vorwurf, dass sie nicht zeitnaher ihre Meinung kundtat. Irgendwie ist das nich kohärent.
      Lg. JF

      • Dochdoch, das ist sehr kohärent. Theoretisch sind vier Modi der Internetpublizistik denkbar:

        1) schnell und unreflektiert
        2) langsam und unreflektiert
        3) schnell und reflektiert
        4) langsam und reflektiert

        Persönlich finde ich die Option 3) am attraktivsten und durchaus im Bereich des Möglichen. Wenns nicht schnell geht und jemand dennoch spannende Ideen zu bieten hat, akzeptiere ich auch gerne die Option 4).

        • Jürg Fischer:

          Du willst ja nicht im Ernst behaupten, dass Du den Aufsatz gnädiger beurteilt hättest, wenn er ein paar Tage früher erschienen wäre. Dein Vorwurf der mangelnden Aktualität ist doch einfach ein Tritt ans Schienbein.

          • Wenn der Aufsatz vor zwei Wochen (!) erschienen wäre, wäre er aktuell, aber er wäre deshalb nicht weniger schwulenfeindlich. Somit würde der Kritikpunkt der mangelnden Aktualität entfallen, während der gravierendere Kritikpunkt der Schwulenfeindlichkeit bestehen bliebe.

            Dass man von einem Internetmedium Aktualität erwartet, ist kein «Tritt ans Schienbein», sondern es hat damit zu tun, dass man die Versprechungen der Internet-Apostel («wir sind schneller, besser, bunter als die alten Holzmedien») für bare Münze nimmt, das ist alles.

  3. Skepdicker:

    «Was zum Teufel haben seltene Erden und Kapitalismuskritik mit Tim Cooks Coming-out zu tun?»

    Seltene Erden (v.a. aus China) werden zur Herstellung von iPhones und iPads verwendet (Empörungsfaktor 1: Rohstoffe). Wichtige Herstellungsschritte für iPhones und iPads erfolgen in Firmen wie Foxconn (Empörungsfaktor 2: Arbeitsbedingungen / Ausbeutung von Menschen). Erscheint eine neue Version dieser Produkte auf dem Markt, campen Angehörige der globalen 1% vor den Apple-Filialen (Empörungsfaktor 3: Konsumwahn / Warenfetisch). Apple ist ein global agierender, gewinnmaximierender, steueroptimierender Konzern (Empörungsfaktoren 4, 5 und 6: Globalisierung, Gewinnstreben und Steuerflucht). Der Apple-CEO verdiente im Jahr 2013 74 Mio. $ (Empörungsfaktor 7: Managersaläre, Ungleichheit).

    Man nehme an, dem Apple-CEO sei von einem PR-Heini geraten worden, er solle sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekennen. Ein Marktanalyse habe nämlich ergeben, dass die zahlungskräftige Hauptzielgruppe von Apple-Produkten politisch und gesellschaftlich progressiv eingestellt sei. Gesagt, getan. San Francisco, Friedrichshain und der Kreis 4 jubilieren. Die Arte-Dokumentationen über Foxconn, seltene Erden und «Degrowth», die man noch vor kurzem auf Twitter und Facebook empfohlen hat, geraten in Vergessenheit. Als kritischer Geist glaubt man zwar zu wissen, dass 9/11 und die Mondlandung Fakes der US-Regierung waren. Aber wenn der CEO eines Unternehmens, das für die Empörungsfaktoren 1 bis 7 verantwortlich ist, sich als Homosexueller outet? «Mutig!» Wer anderer Meinung ist, dem wird die Fresse poliert. Wenn es um Homosexualität geht, werden nicht nur die genannten Empörungsfaktoren zu Details degradiert. Dass ein männlicher Chef einer bürgerlich-neoliberalen Zeitung eine weibliche Angestellte öffentlich blossstellt (statt eine Replik zu verfassen), ist dann egal. Ist ja eh eine reaktionäre Kuh, wahrscheinlich eine zweite Eva Herman. Jendenfalls steht im Impressum «Verheiratet und Mutter». Das sagt ja alles…

    Fazit: Man kann nur hoffen, dass Kim Jong Un nicht schwul ist…

    Und: Gratulation an die wunderbare Romana Ganzoni für diesen ausgezeichneten Text. (Ich entschuldige mich präventiv für diese imageschädigende Gratulation!)

  4. Folgt man der Argumentation des «Skeptikers», so war also Tim Cooks coming-out ein Versuch, die «Kämpferinnen gegen den Abbau der Seltenen Erden» zum Schweigen zu bringen. Dazu ist folgendes zu sagen: Ich persönlich bin kein «Kämpfer gegen den Abbau der Seltenen Erden» und mir sind auch nie solche begegnet – denn so dümmlich-plakativ werden heute politische Auseinandersetzungen zum Glück nur noch selten geführt. Es ist mir jedoch durchaus bekannt, dass Computer teilweise mit umweltschädlichen Verfahren hergestellt und auch entsorgt werden. Doch Tim Cooks coming-out wird meine Kritik an umweltschädlichen Produktionsverfahren keine Sekunde lang besänftigen, und ich habe auch keinen Anlass, anzunehmen, das dies Cooks Ziel war.

    Der Herr «Skeptiker» betont bei jeder Gelegenheit seine «liberale» Gesinnung. Zum Liberalismus sollte meiner Meinung nach nicht nur der Einsatz für eine möglichst massive Umverteilung von unten nach oben gehören, sondern auch der mindestens so engagierte Kampf für würdige Lebensumstände von Minderheiten. Sonst weiss ich nicht, was «Liberalismus» heisst. Tim Cook hat sich, so gesehen, für ein liberale Gesellschaft eingesetzt, und Markus Spillmann ebenfalls.

    Die gesammelten und teilweise recht absurden Unterstellungen von Henkel, Ganzoni, «Skeptiker» & Co kann ich hingegen nur als Symptom eines «backlash» interpretieren – als Ausdruck von Intoleranz gegenüber einer immer noch benachteiligten Minderheit.

    • Frank Hofmann:

      Spillmann wäre liberal, wenn er andere Meinungen zuliesse und sie nicht einfach dem Mainstream opferte. Cook ist vermutlich liberal, aber sein Statement kann eben auch als PR für den Apfel gedeutet werden. Was indiskutabel ist (insbes. ausserhalb der USA) und von Frau Henkel zu Recht kritisiert wurde, ist die Berufung auf „Gottes Geschenk“. Darauf nimmt Spillmann jedoch in seiner Kritik keinerlei Bezug. – Wer nicht gläubig ist, auch nicht Apple-gläubig, dazu noch hetero, hat wohl Gnade wie auch Geschenk verwirkt. Und bestimmt gibts auch ungläubige Schwule irgendwo in der Welt.

  5. marak:

    „Ist die sexuelle Ausrichtung einer Person wichtiger als alle anderen Aspekte? Läuft die Identifikation mit einer Person vornehmlich darüber, ob sie Frauen oder Männner liebt?“

    Wenn nein, kann man sich auch überlegen, gar nicht darüber Worte zu verlieren. Dann darf das der Herr Cook aus irgendwelchen Gründen sagen und ich darf das zur Kenntnis nehmen und abhaken.

    Ein bisschen viel Wirbel um das Ganze.

  6. Mara Meier:

    Handelszeitung zum überraschenden Abgang von Chefredaktor Markus Spillmann:

    http://www.handelszeitung.ch/unternehmen/umbau-der-alten-tante-nzz-chefredaktor-muss-gehen-707536

    „Um Schaden von sich selbst abzuwenden, belastete Spillmann auch mal ­Mitarbeiter, wie kürzlich die NZZ-Wirtschaftskorrespondentin in New York erfahren musste. Sie hatte in einem Kommentar die Art des Coming-outs von Apple-CEO Tim Cook bemängelt, worauf sie nach Kritik daran von ihrem Chef­redaktor öffentlich auf Twitter verurteilt wurde: «Unser Kommentar ist Fehlleistung. Kontrolle versagt. Bedaure das.» «Comment is free?» Nicht immer also. Die «Süddeutsche Zeitung» verurteilte sein Vorgehen ungewohnt drastisch: «In diesem Herbst hat die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) ihren Geist aufgegeben.» Nach dem Vorfall sahen sich NZZ-Kommentatoren plötzlich einem die Texte genau lesenden und redigierenden Spillmann gegenüber. Ein Chefredaktor, der sich vor der öffentlichen Meinung fürchtet und sich nach ihr richtet? Das ist verheerend. Doch auch Kommunikation war eine Schwäche des Solidität verbreitenden Chefredaktors. So fiel einem Mitglied der Chefredaktion bei einer Ressortleiter-Sitzung plötzlich auf, dass es nicht mehr im Organigramm aufgeführt war – mitgeteilt wurde die Trennung erst später.“

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